Gül Autorin - © Foto: Getty Images / BSR Agency / Patrick van Katwijk

Türkische Nationalisten: Eine Frau zwischen den Fronten

1945 1960 1980 2000 2020

Die niederländische Schriftstellerin Lale Gül ist nach ihrem Bestseller über das türkisch-nationalistische Milieu in Amsterdam mit Drohungen konfrontiert. Auch andere Reaktionen zeigen die Spaltung der Gesellschaft. Doch es gibt Hoffnung.

1945 1960 1980 2000 2020

Die niederländische Schriftstellerin Lale Gül ist nach ihrem Bestseller über das türkisch-nationalistische Milieu in Amsterdam mit Drohungen konfrontiert. Auch andere Reaktionen zeigen die Spaltung der Gesellschaft. Doch es gibt Hoffnung.

Als die Fotos mit den Waffen kommen, hat Lale Gül genug: Sie taucht unter. Die Beweisstücke hat sie auf ihrem Telefon als Screenshots gespeichert, wie alle Drohungen, die sie in den letzten zwei Monaten erhielt. Sie zeigt ein Foto mit einer Pistole. Auf einem anderen: ein Maschinengewehr. Auch ein Video mit einem IS-Lied hat man ihr geschickt, und die Ankündigung, sie stehe „offiziell auf der schwarzen Liste von sharia4holland“.

Siebzig solcher Drohungen hat die 23-jährige Studentin empfangen, seit im Februar ihr Debütroman „Ik ga leven“ („Ich werde leben“) erschien. Er ist eine einzige Anklage gegen das konservativ-türkische Milieu in Amsterdam-West, in dem sie aufwuchs: die Benachteiligung als Mädchen und junge Frau, Milli-Görüs-Koranschule, Kopftuchzwang und AKP-Propaganda per Satellit, „maßgeschneidert für das reaktionäre, kollektivistische und ultrareligiöse Publikum“.

Dass die Debütantin nun im Versteck lebt und Treffen wie das mit der FURCHE an geheimen Orten stattfinden müssen, zeigt einmal mehr, wie latent entflammbar die Islamdebatte in den Niederlanden nach wie vor ist. Zwischenzeitlich erwog Lale Gül gar, die eben erst begonnene Schreibkarriere gleich wieder zu beenden. Inzwischen hat sie angekündigt, sie werde nicht mehr über den Islam schreiben.

Familiärer und offizieller Gegenwind

Zum einen wurde der Alltag der jungen Autorin zum Spießrutenlauf: Empörte Nachbarn klingelten, es hagelte aggressive Anrufe von Verwandten aus der Türkei, auf der Straße wurde sie beschimpft und bespuckt. Wegen der Morddrohungen traute sie sich kaum noch aus dem Haus. Auch das Verhältnis zu den Eltern, zugleich besorgt, aber auch wütend und verletzt, war zum Bersten gespannt. „Es war jeden Tag Krieg“, sagt Lale Gül im Rückblick.

Hinzu kommt die politische Dimension des Falles, die just im Zuge des endgültigen Bruchs mit der Familie zum Ausdruck kam: Bei der letzten TV-Debatte vor den Parlamentswahlen im März lobte ­Geert Wilders, Chef der rechtspopulistischen Partij voor de Vrijheid (PVV), „diese tapfere türkische Frau, die den Islam verlassen hat und nun bedroht wird. Das ist der Beweis, dass der türkische Islam sich in den Niederlanden nicht integriert.“ In niederländischen Zeitungen erklärte Lale Gül später: „Die Hölle brach los, als ich von ­Geert Wilders gepriesen wurde. Das war der Tropfen, der das Fass überlaufen ließ.“

Obwohl der Wahlkampf von der Coronakrise dominiert wird und das Thema Identität keine große Rolle spielt, bekommt die Debatte um ihr Buch in dieser Zeit zusätzliche Brisanz. Zeki Baran, Vorsitzender des „Mitbestimmungsorgans der Türken in den Niederlanden“ und Mitglied der sozialdemokratischen Arbeitspartei, nennt es „Hetzerei“ und wittert eine Verschwörung: Absichtlich sei das Buch kurz vor den Wahlen veröffentlicht worden, um die Rechte zu stärken.

Die Partei DENK wiederum, besonders stark im Milieu der „Nederturken“, platzierte eine Anzeige auf der Website einer türkischen Zeitung, wonach sie gegen „Feinde des Islams“ vorgehen will – just über einem Artikel, der Lale Gül als ebensolche bezeichnet. Ein Parteisprecher macht einen Algorithmus dafür verantwortlich. Die Partei präsentiert sich multikulturell und gegen Diskriminierung, andererseits fällt sie durch Nähe zu AKP- und türkisch-nationalistische Positionen auf. Der DENK-Vorsitzende im Amsterdamer Stadtrat, Numan Yilmaz, kritisierte die Bedrohung der Schriftstellerin, warf ihr aber zugleich vor, sie sei islamophob, stigmatisiere Stadtgenossen und verfolge eine PR- Kampagne.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau