Kampfdrohne Polen - © Illustration: Rainer Messerklinger

Ukraine-Krieg: Polen, das Land der Wunderwaffen

1945 1960 1980 2000 2020

Raketensysteme wie Javelin oder NLAW sind wegen ihres Einsatzes durch die ukrainische Armee allgemein bekannt. Wenige wissen: Es sind polnische Systeme. Ein Blick auf eine stille und erfolgreiche Rüstungsindustrie.

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Raketensysteme wie Javelin oder NLAW sind wegen ihres Einsatzes durch die ukrainische Armee allgemein bekannt. Wenige wissen: Es sind polnische Systeme. Ein Blick auf eine stille und erfolgreiche Rüstungsindustrie.

Wieder einmal ist ein Mitglied der polnischen Regierung zu Gast in Kiew. Michał Dworczyk, der Stabschef des Premierministers, zeigt sich auf einem Foto mit dem ukrainischen Verteidigungsminister Oleksij Resnikow. Beide lächeln in die Kamera. „Polen ist ohne Zweifel der beste Nachbar und Verbündete der Ukraine“, schreibt Reznikow dazu auf Twitter. Und weiter: „Pioruns und Warmates in den Händen der ukrainischen Armee zerstören erfolgreich den Feind.“ Pioruns und Warmates – beides sind moderne polnische Waffensysteme, Raketen und Kamikazedrohnen, die in der Ukraine im Einsatz sind.

Mit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine erlangten zwar Waffen wie die amerikanische Panzerabwehrrakete Javelin Bekanntheit über Expertenkreise hinaus, dabei sind es polnische Systeme, die beinahe täglich von ukrainischen Offiziellen gelobt werden. In sozialen Medien ist ein richtiger Kult um das Gerät aus Polen entstanden. Von Usern werden Bilder geteilt, die Heiligenbilder mit der Piorun-­Rakete, auf Deutsch Blitzschlag, zeigen. Dieser Polen-Hype drückt sich mittlerweile auch in Umfragen aus: Die mit Abstand meisten Ukrainer sehen ihr westliches Nachbarland als wichtigsten Partner – und dafür haben sie gute Gründe.

Das Drehkreuz

Denn neben der Flüchtlingshilfe – 3,8 Millionen Ukrainer sind seit dem 24. Februar ins Land gekommen – ist Polen zum Drehkreuz für westliche Waffenlieferungen und selbst zum zweitwichtigsten Lieferanten für die Ukraine geworden, nach den USA. Im Gegensatz zu Deutschland schafft Polen schon seit Wochen schweres Gerät in die Ukraine: etwa 240 T-72-Kampfpanzer, dazu Schützenpanzer und Haubitzen. Vor Ausbruch des Krieges bereits lieferte Polen massenweise leichte Waffen und Munition. All das ist bekannt. Weniger bekannt hingegen ist, dass es sich dabei nicht nur um altes Gerät sowjetischer Bauart handelt, sondern auch um hochmoderne Waffen aus polnischer Produktion. Für die polnische Rüstungsindustrie, die einen geringeren Weltmarktanteil hat als die deutsche, ist es ein Riesencoup. Sie findet aktuell neue Abnehmer für ihre Modelle. Sogar die USA kaufen neuerdings Piorun-Raketen.

Es ist ein Ritterschlag, denn das Pentagon setzt eigentlich auf die heimische Produktion. Ukrainische Soldaten zeigen zudem, dass polnische Hersteller bei Waffensystemen, die sich für ihren Verteidigungskampf als besonders wirksam erweisen, eine Technologieführerschaft übernommen haben. Dazu zählen sogenannte Manpads, Lenkwaffen, die von Einzelpersonen abgefeuert werden, und Loitering-Munition, besser bekannt als Kamikazedrohnen, vieles davon KI-gestützt. „Die Piorun-Rakete ist konkurrenzlos“, sagt Marek Swierczynski, Analyst bei der Warschauer Denkfabrik Polityka Insight, im Gespräch mit der FURCHE. Das liege, erklärt er, an dem „multispektralen Kopf“. Die Piorun ist vergleichbar mit der amerikanischen Stinger-Rakete, die auch von der Bundeswehr genutzt wird. Allerdings ist sie um zwei Generationen moderner, wie es heißt. Sie kann nachts eingesetzt werden und ist wegen ihres speziellen Suchers äußerst treffgenau. Über Details hüllt sich der Hersteller in Schweigen. Die Piorun aber gilt als besonders effektiv gegen Drohnen. Die Ukrainer behaupten gar, dass sie schon russische Kampfflugzeuge und Hubschrauber mit Piorun-Raketen abgeschossen hätten. Westliche Systeme wie die Stinger wurden im Grunde seit den 80er-Jahren kaum weiterentwickelt.

In Polen indes gingen Planer für den Kriegsfall von einem deutlich überlegeneren Gegner aus – von Russland. Flexible Systeme sollten Priorität haben. Die Ingenieure des Herstellers Mesko tüftelten deswegen an ihrem Stinger-Konkurrenzprodukt, genannt Grom, dem Vorläufer der Piorun. Die Rakete könnte bald schon die Stinger-Arsenale in einer Reihe von NATO-Staaten auffüllen. Auch das Unternehmen WB Group scheint die Art, wie in der Ukraine Krieg geführt wird, vorausgeahnt zu haben, zumindest den Einsatz von Artillerie. Sein automatisches Feuerbefehls- und Kontrollsystem Topaz ist eines der modernsten auf dem Markt – und kann speziell Artillerie einbeziehen. Auf vierzig Kilometer erlaubt es so punktgenaue Treffer. „Topaz ist das Nervensystem für alle Einheiten einer Armee“, erklärt Remigiusz Wilk.

Er hält die Position eines Kommunikationsdirektors bei der WB Group. Gerade erst wurde bekannt, dass Polen 18 Haubitzen vom Typ Krab an die Ukraine geliefert hat. Sie sind vergleichbar mit der deutschen Panzerhaubitze 2000. Die Krab beruht auf südkoreanischen Komponenten, wurde später in Polen weiterentwickelt – und läuft mit dem Kontrollsystem Topaz. Es ist denkbar, dass weitere Waffen in der Ukraine in das System integriert sind und so eine abgestimmte Nutzung verschiedener Einheiten überhaupt erst möglich wird. In Polen selbst sollen 500 von den USA bestellte Raketenwerfer-Artilleriesysteme von WB ausgerüstet werden. Es ist ein gewaltiges Geschäft. Polen soll bald schon über die größte Artilleriearmee der NATO verfügen.

Wunscharbeitgeber

Einen Job in der Rüstungsindustrie anzutreten, gilt bei diesem Bedarf beinahe als patriotische Pflicht. Es trifft sich gut, dass sich WB in Polen als Tech-Unternehmen inszeniert. Spätestens seit dem Ausbruch des Krieges ist der Hersteller zu einem Wunscharbeitgeber für polnische Informatiker geworden. Dabei trat er lange zurückhaltender auf. Ohne viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, eröffnete WB vor Jahren eine Niederlassung in der Ukraine. Der Unternehmenschef Piotr Wojciechowski spricht von der Ukraine als „strategischem Partner“.

Darüber, ob die Produktionsstätte trotz der Kriegshandlungen weiter in Betrieb ist, gibt WB auf Anfrage der FURCHE keine Auskunft. Bekannt aber ist, dass WB schon vor Kriegsbeginn Warmate-Kamikazedrohnen in der Ukraine hergestellt hat, also bevor die USA ihre Switchblade-Drohnen an die Ukraine geliefert haben. Warmate-Drohnen können sich mehrere Stunden in der Luft halten, bevor sie sich, selbstständig oder ferngesteuert, auf ihr Ziel stürzen und explodieren. „Nicht nur die Ukraine, auch Spezialeinheiten mehrerer NATO-Länder nutzen Warmate“, sagt WB-Direktor Wilk. Welche das sind, möchte er nicht verraten. Klar jedoch ist, dass polnische Unternehmen wie WB in Zukunft mehr Kunden haben werden – und nicht weniger.

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