Ukraine-Reporter: "WIR SIND DETEKTIVE"

Fünf Korrespondenten aus fünf Medienwelten berichten über die Situation von Journalisten in der Ostukraine und Strategien für glaubwürdige Berichterstattung im Propaganda-Krieg.

"Ich arbeite wie ein Detektiv"

Roland Oliphant

Korrespondent des britischen "Daily Telegraph" in Moskau, schreibt aus der Ukraine.

"Seit dem Maidan bin ich immer mittendrin in der Ukraine - und verstehe trotzdem oft nur wenig, was um mich herum passiert. Es herrscht eine große Diskrepanz zwischen dem, was die Offiziellen sagen, und was die Leute vor Ort beschreiben. Beide Seiten, Ukrainer und Russen, lügen.

Ich arbeite jetzt wie ein Detektiv: Hingehen, schauen, mit Augenzeugen reden. Dann setze ich mir aus den Puzzleteilen ein Bild zusammen. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Oft habe ich erlebt, dass die Menschen nicht sehen wollen, was vor ihren Augen passiert. Sie zimmern sich dann ihre eigene Wahrheit zurecht.

Ich muss leider sagen, dass die ukrainischen Medien sich einiges von den russischen Propagandatechniken abgeschaut haben. Und viele Medien, die früher unabhängig waren, sind mittlerweile patriotisch. Aber in einem Krieg ist das wohl leider normal.

Ansonsten bin ich mittlerweile gut mit Kollegen vernetzt, auf die ich mich verlassen kann. Wenn sie über Twitter Hinweise geben, dann glaube ich ihnen."

"Ich glaube nur, was ich selbst sehe"

Ilja Barabanow

berichtet für die unabhängige russische Tageszeitung "Kommersant" von der russisch-ukrainischen Grenze.

"An der Grenze zwischen Russland und der Ukraine herrscht Anarchie. Separatisten, Russen, aber auch gewöhnliche Leute verteidigen die Übergänge. Überall gelten andere Regeln, kursieren verschiedene Gerüchte.

Meine Aufgabe ist, zu berichten, was ich sehe. Ich spreche mit den Menschen vor Ort. Ich zitiere immer beide Seiten - Separatisten und ukrainische Soldaten. Ich kann nicht sagen, wer von beiden gefährlicher ist. Im Mai wurde ich einige Stunden in Donezk von Separatisten festgehalten, weil sie mich für einen ukrainischen Rechtsradikalen hielten. Ein Kollege soll von ukrainischen Soldaten verprügelt worden sein - ebenfalls wegen einer Verwechslung.

Um an Informationen zu kommen, schaue ich auch russisches Fernsehen, obwohl die Sender massive Lügen und Propaganda verbreiten. Weil ich mittlerweile fast überall in der Region gewesen bin, kann ich die Bilder aber einordnen. Leider informieren sich 90 Prozent der Russen übers Staatsfernsehen und nicht über die wenigen noch übrig gebliebenen unabhängigen Tageszeitungen. Und die junge Journalistengeneration, die unter Putin aufgewachsen ist, glaubt leider fest daran, dass Russland auf der richtigen Seite steht."

"Es gibt auch ukrainische Propaganda"

Igor Burdyga

arbeitet als Reporter für das Wochenmagazin der größten ukrainischen Tageszeitung "Vesti".

"Alle reden über die russische Propaganda. Doch auch in der Ukraine gibt es kaum noch unabhängige Medien. Ich weiß beispielsweise nicht, woher der Herausgeber meiner Zeitung sein Geld bekommt -und Vesti ist immerhin die größte Tageszeitung der Ukraine. Trotzdem stehe ich hinter meiner Redaktion, weil ich mir hier selbst ein Bild machen kann. Wir setzen auf Reportagen, ich bin viel in der Ostukraine unterwegs.

Auf Berichte aus ukrainischen Medien verlasse ich mich nicht. Die meisten Zeitungen und Sender gehören Oligarchen, sind mittlerweile sehr patriotisch eingestellt und befürworten den Krieg. Andere stehen unter dem Verdacht, am Tropf des Kremls zu hängen. Eine direkte staatliche Manipulation wie in Russland gibt es nicht, aber es werden bewusst Informationen ausgelassen.

Ein Radiosender, der zu unserem Verlag gehört, wurde beispielsweise vom ukrainischen Medienrat verwarnt, weil er prorussische Separatisten zitiert hat. Wenn es Nachrichten aus der Ostukraine gibt, checke ich immer mehrere Online-Portale. Und ich verlasse mich auf die Tweets von Kollegen, die ich kenne."

"Die russische Propaganda ist unglaublich"

Julia Smirnova

Korrespondentin der "Welt" in Moskau.

"Zuletzt war ich Ende Mai in der Ukraine, habe über den Kampf um den Flughafen von Donezk berichtet. Danach wurde es zu gefährlich. Seitdem berichte ich wieder aus Moskau über Russland. Die Berichterstattung dort hat sich in den vergangenen Monaten radikal geändert, die Propaganda ist wirklich unglaublich. Früher ging es darum, Dinge zu verharmlosen und über Positives zu berichten. Jetzt wird schamlos gelogen, die Massen sollen mobilisiert werden.

Um mir ein Bild vom Geschehen in der Ukraine zu machen, telefoniere ich regelmäßig mit Personen vor Ort, spreche viel mit deutschen und internationalen Korrespondenten. Ein junger Unternehmer aus Donezk hat für uns eine Zeitlang Tagebuch geführt, das war eine authentische Stimme.

Um die Lage wirklich einzuschätzen, muss man aber selbst dort sein. Gerade die englischsprachigen Medien haben immer einen Korrespondenten vor Ort, sie scheinen bereit, ein höheres Sicherheitsrisiko einzugehen als viele deutsche Medien. Viele meiner russischen Freunde glauben mir übrigens nicht, dass ich in meinen Artikeln keine Propaganda verbreite. Sie können sich das einfach nicht vorstellen."

"Ich vertraue meinen Kollegen"

Pawel Pieniazek

freier Journalist, berichtet für die polnische Wochenzeitung "Tygodnik Powszechny" und den polnischen Hörfunk aus der Ostukraine.

"Wenn ich im Donbass unterwegs bin, glaube ich nur das, was ich sehe. Ich war beim Wrack des abgestürzten Flugzeugs MH17, in Slowjansk und Donezk. Als Pole habe ich generell besseren Zugang zur ukrainischen Armee, aber ich saß auch schon einen halben Tag mit einem pro-russischen Separatisten in einem Bunker. Wir haben über die Rolle der Berkut-Polizisten auf dem Maidan diskutiert.

Ich informiere mich überwiegend aus ukrainischen Medien, obwohl ich weiß, dass sie einseitig berichten. Aber innerlich stehe ich der ukrainischen Seite einfach näher. Ich sehe aber auch den russischen Sender Life News. Er ist sozusagen die Pressestelle der Separatisten. Wenn deren Anführer Igor Strelkow eine Pressekonferenz gibt, dann wird sie dort übertragen. Vertrauen in die Kollegen spielt ebenfalls eine große Rolle. Bei einigen weiß ich: Was sie mir erzählen, stimmt."

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