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Unter dem Druck der prämodernen Mehrheit

Die ethnisch-kulturelle und sprachliche Pluralität der mitteleuropäischen Lebenswelt ist geschichtlich gewachsen. Der Historiker Moritz Csäky erinnert daran, daß in der österreichisch-ungarischen Monarchie 14 Nationen gezählt wurden, wobei die Juden nicht als eigene Nation galten. Wer etwa als Jude in einer slawischen Gegend Österreichs geboren wurde, dessen Identität war mehrfach bestimmt.

In Wien um 1860 waren fast 70 Prozent der Einwohner nicht in Wien geboren. Der Zuzug so vieler „Fremder" war die Grundlage der kulturellen Blüte um die Jahrhundertwende. Von der Speisekarte bis zur Musik zeigt sich, wie stark sich diese ethnische Vielfalt noch heute in unserem kulturellen Gedächtnis spiegelt. Multikulturalität ist aber immer Chance und Bedrohung gleichzeitig - auch die nationalen Ideologien nahmen von den großen Städten ihren Ausgang. Um Mentalitäten und Lebensstile zu verstehen, hat die Meinungsforschung ein Instrumentarium entwickelt, das die Veränderungen der jüngsten Vergangenheit ausleuchten kann. Rudolf Bretschneider und sein Team haben in den letzten Jahren Unterschied und Wandel der Lebensstile in den postkommunistischen Reformländern untersucht. Dabei zeigten sich Anzeichen einer „Gesellschaft in Streß", die alle Probleme gleichzeitig und in kurzer Zeit bewältigen muß: wirtschaftliche, ökologische, politischen Umbau, Arbeitslosigkeit und so weiter.

Große Unterschiede zeigten sich in der religiösen Orientierung. Während sich etwa in Ungarn 40 Prozent der Befragten als religiös verstehen, sind es in Polen 81 Prozent, in Tschechien hingegen nur 22 Prozent. Einen eindrucksvollen Überblick über die Bandbreite an Mentalitäten und religiöser Orientierung innerhalb eines Landes vermittelt der ungarische Religionssoziologie Miklos Tonika. Durch die ungarische Gesellschaft zieht sich ein deutlicher Generationenbruch: Die Vorkriegsgeneration, die noch eine halbwegs demokratische Gesellschaft erlebt und den Kommunismus bis 1956 als Provisorium angesehen hat, hat eine völlig andere Vorstellung von „Normalität" als die jüngere Generation. Der Gegensatz wird dadurch verschärft, daß man in Ungarn - wie in fast allen osteuropäischen Ländern - bis 1945 in einer agrarisch-vormodernen Welt gelebt hat: Noch 1959 hat mehr als die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung ihr Geld in der Landwirtschaft verdient und im ländlichen Milieu gelebt, heute sind es weniger als zehn Prozent. Die dörfliche Welt ist in der Zeit des Kommunismus aufgebrochen, aber in eine plurale geistige Situation, in der man seine Wertordnung selbst bestimmen muß, wurde die Mehrheit der ostmitteleuropäischen Bevölkerung erst mit der Wende von 1989 gestoßen.

Alter und Wohnort haben sich als die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale bezüglich der religiösen Orientierung herausgestellt:

Während sich von den Über-50jähri-gen auf dem Land in Ungarn noch 28,1 Prozent als praktizierende Christen (verschiedener Konfessionen) deklarieren, denen 11,8 Prozent Nicht-Glaubende gegenüberstehen, bietet die jüngere Generation in den Städten ein ganz anderes Bild: auf 5,6 Prozent praktizierende Christen kommen 43,4 Prozent areligiöse Menschen. (Mehr als ein Drittel der ungarischen Bevölkerung lebt in Städten und ist jünger als 50 Jahre, und außerdem hat diese Gruppe den stärksten gesellschaftlichen Einfluß!)

Diese soziologischen Daten erklären auch eine Grundspannung innerhalb der Kirchen Ostmitteleuropas: Die ältere Generation, deren Lebenserfahrung durch den Kampf gegen die areligiöse Umwelt geprägt ist, in dem sie sich heroisch behauptet hat, will frühere Zustände wiederherstellen. Probleme damit erklärt sie als „Beste des Kommunismus" oder führt sie auf den „Libertinismus des Westens" zurück. Die Tragik dieser Generation liegt für Tomka darin, daß sie für etwas gekämpft hat, was - Kommunismus hin oder her -nur noch beschworen, aber nicht mehr wiederhergestellt werden kann.

Die jüngere, dialogbereite Minderheit in den Kirchen steht unter dem Druck der „prämodernen" Mehrheit, die im Dialog Verrat oder Laxheit sieht, und sie steht einer Gesellschaft gegenüber, deren Bild von Christentum von der Mehrheit geprägt ist; Christen gelten als intolerant, sie kennen nur die eigene Wahrheit und wollen alte Rechte durchsetzen.

„Vielfalt der Mentalitäten - christliche Einheit?" - hinter der vorsichtigen Frage im Titel der Tagung von Szombathely wurde sichtbar, welchen Problemen die oft beschworene christliche Einheit schon in einem Land und innerhalb einer Konfes-- sion ausgesetzt ist. Die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer aus Ungarn, Tschechien, der Slowakei und Österreich setzten sich besonders mit der Rolle der Kirche in ethnischen Konflikten auseinander. In Tschechien hat sie wesentlich zum Entstehen der deutsch-tschechischen Erklärung beigetragen; die Ungarische und die Slowakische Bischofskonferenz könnten viel bewirken, wenn sie zu einer gemeinsamen Erklärung nach dem Vorbild der deutschen und der polnischen Bischöfe finden könnten.

Der Autor ist freier Publizist und Generalsekretär des Katholischen Akademikerverbandes Österreichs.

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