Hippie-Flair - Flohmarkt in Anjuna, Goa - © Getty Images / F. Bisnewald / LightRocket
International

Urlaub unter Palmen und Plastik

1945 1960 1980 2000 2020

Durch die Globalisierung wird die Welt zum Supermarkt. Gerade in zauberhaft schönen Gegenden lässt sich dies gut nachvollziehen. Erinnerungen an Goa.

1945 1960 1980 2000 2020

Durch die Globalisierung wird die Welt zum Supermarkt. Gerade in zauberhaft schönen Gegenden lässt sich dies gut nachvollziehen. Erinnerungen an Goa.

Menschenleere Strände waren mein erster Eindruck von Goa. Anfang der 1990er-Jahre landete ich im Sommer an einer atemberaubenden Küste, im Hinterland leuchteten tiefgrün die Reisfelder und Palmenhaine. Es war Regenzeit, von Touristen kaum eine Spur. Nach einer intensiven und strapaziösen Reise durch das raue Nordindien, wo ich Menschenmassen in bislang unvorstellbarem Ausmaß gesehen hatte, war das wie eine Wohltat. Nebelgraue Wolken türmten sich am Horizont, immer wieder gingen Nieselschauer über die Fischerboote nieder. Die Atmosphäre war sanft, freundlich und melancholisch -ähnlich melancholisch wie in Portugal, an dessen Küsten man sich recht leicht am Ende der Welt wähnt. Auch die blumengeschmückten katholischen Kirchen verströmten den portugiesischen Charme, den die einstigen Kolonialherren hierher mitgebracht hatten.

Menschenleere Strände waren mein erster Eindruck von Goa. Anfang der 1990er-Jahre landete ich im Sommer an einer atemberaubenden Küste, im Hinterland leuchteten tiefgrün die Reisfelder und Palmenhaine. Es war Regenzeit, von Touristen kaum eine Spur. Nach einer intensiven und strapaziösen Reise durch das raue Nordindien, wo ich Menschenmassen in bislang unvorstellbarem Ausmaß gesehen hatte, war das wie eine Wohltat. Nebelgraue Wolken türmten sich am Horizont, immer wieder gingen Nieselschauer über die Fischerboote nieder. Die Atmosphäre war sanft, freundlich und melancholisch -ähnlich melancholisch wie in Portugal, an dessen Küsten man sich recht leicht am Ende der Welt wähnt. Auch die blumengeschmückten katholischen Kirchen verströmten den portugiesischen Charme, den die einstigen Kolonialherren hierher mitgebracht hatten.

Meine zweite Reise nach Goa war ganz anders. Mitte der 2000er-Jahre verbrachte ich eine Woche im Winter im indischen Ferienparadies. Die Sonne knallte vom wolkenlosen Himmel; die Strände waren voll, fast schon übervoll. Junge europäische Rucksackreisende bevölkerten die simplen Bambus-Ressorts unter Palmen. Ein paar Skandinavier saßen entspannt am Strand und erklärten, wie sie es jedes Jahr wieder schafften, den depressiven Wintermonaten in ihrer Heimat zu entfliehen. Noch dichter besiedelt waren die Strände der indischen Touristen, die dort als Familien oder als Paarungswillige Urlaub machten. Im bezaubernden Hinterland lärmten Lokale mit internationaler Küche, die Russen gaben den Ton an.

Während die Westler mit Sandalen und Lendenschurz herumstolzierten, betätigten sich die Inder als geschniegelte Geschäftsmänner mit Laptop und Smartphone.

Wem all das bereits zu überhitzt, zu bevölkert und "kommerziell" war, dem wurde empfohlen, die Küste entlang nach Süden zu fahren -zum Beispiel nach Gokarna, das bereits zum Bundesstaat Karnataka gehört. In dieser altehrwürdigen hinduistischen Pilgerstadt tummelten sich einige der Alt-und Neu-Hippies, die ihre dürftigen Unterkünfte und kleinen Gemüsegärten auf der Flucht vor dem Massenansturm in Goa hierher verlagert hatten. Und dort sah man jenes Bild noch deutlicher, das seit der Ankunft der ersten Rucksacktouristen in den 1960er-Jahren eine bemerkenswerte kulturelle Übertragung vor Augen führt: Während die zotteligen "Westler" ehrgeizig in die Rolle indischer Asketen schlüpften und mit Sandalen, Lendenschurz und eventuell sogar einem Kännchen heiligen Ganges-Wassers herumstolzierten, betätigten sich die Inder im boomenden Tourismusmarkt als geschniegelte Geschäftsmänner mit Laptop und Smartphone. Im Hinterland wuchsen derweil die Plastikmüllberge. Schon damals ahnte ich: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Entwicklung, die den Charme von Goa zu verwässern und zu verseuchen droht, auch hier voll angekommen sein würde.