Curacao - © Foto: Robert Gartner

Venezolanische Flüchtlinge auf Curaçao: 65 Kilometer in eine andere Welt

1945 1960 1980 2000 2020

Die zu den Niederlanden zugehörige Insel Curaçao zählt etwa 160.000 Einwohner. Während Venezolaner einst hier urlaubten, treiben heute Armut und Perspektivlosigkeit Zehntausende als Flüchtlinge in das kleine Land vor der Küste Südamerikas.

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Die zu den Niederlanden zugehörige Insel Curaçao zählt etwa 160.000 Einwohner. Während Venezolaner einst hier urlaubten, treiben heute Armut und Perspektivlosigkeit Zehntausende als Flüchtlinge in das kleine Land vor der Küste Südamerikas.

Es ist 17 Uhr. Pünktlich zu Beginn der Happy Hour werden Absperrgitter aufgebaut. Das Areal der „Bonita Bar“ am Mambo Beach wird umzäunt, der Zutritt von Securitys kontrolliert. Eine junge Mitarbeiterin postiert sich neben Desinfektionsmittelspendern und notiert die Kontaktdaten der Gäste. Fast alle Telefonnummern auf ihrem Notizblock beginnen mit der Vorwahl „+31“. Dank der direkten Flugverbindung mit Amsterdam sind es mehrheitlich Niederländer, die hier Mojitos zum halben Preis trinken. Während Bob Marleys „Wait in Vain“ aus den Lautsprecherboxen dröhnt, sorgt die untergehende Sonne für pittoreske Farbenspiele am Horizont.

So geht Pandemie auf Curaçao, einem Karibikidyll unweit des südamerikanischen Festlands. „Normalerweise gibt es hier ausgelassene Strandpartys mit tausenden Menschen aus aller Welt. Heuer ist alles anders“, erzählt Gian Carlos, der in der „Bonita Bar“ als Hilfskraft jobbt. Er klaubt schmutzige Pappbecher aus dem Sand, beliefert die Barkeeper mit Eis. Gian Carlos ist einer von rund 16.000 gebürtigen Venezolanern auf Curaçao. „Als ich herkam, war es noch etwas leichter. Wenn du heute aus Venezuela kommst, ist es fast unmöglich, hier legal zu leben und zu arbeiten. Wer es auf die Insel schafft, muss untertauchen und Angst davor haben abgeschoben zu werden“.

So nah, so fern

Die Küste seines Heimatlandes ist gerade einmal 65 km von der „Bonita Bar“ entfernt. An klaren Tagen, wenn das Meer ruhig ist und der Himmel wolkenlos, kann Gian Carlos die Gebirgskette im venezolanischen Bundesstaat Falcón mit freiem Auge sehen. Curaçao liegt geografisch etwa genauso nahe an Venezuela wie Wien an St. Pölten. Wirtschaftlich und politisch hingegen könnten die Unterschiede zwischen der ehemaligen niederländischen Kolonie und dem erdölreichsten Staat der Erde kaum größer sein. „Die Essensreste, die hier im Müll landen, sie wären ein Festmahl für viele Kinder in Coro, meiner Heimatstadt. Anfangs machte mich dieser Gedanke traurig. Aber ich kann das Essen eben nicht rüberschicken“, erzählt er.

Zwischen 2016 und 2019 verließen laut UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) mehr als viereinhalb Millionen Venezolaner ihre von Armut und Mangelwirtschaft geplagte Heimat. Der überwiegende Anteil floh nach Kolumbien, Ecuador und Peru. Aus den Küstenregionen wählten Zehntausende den Seeweg auf eine der nahegelegenen ABC-Inseln Aruba, Bonaire und Curaçao. Die Überfahrt ist riskant und endet mitunter tödlich. „Die meisten verlassen Coro spätabends, wenn es draußen dunkel ist, um der Küstenwache zu entgehen. Sie kommen in kleinen Booten, oft mit nur einem Motor und ohne Schwimmwesten. Wenn der Motor auf offener See streikt, dann ist das dein Todesurteil“, erzählt Gian Carlos.

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