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Vergangenheit als Gegenwart

1945 1960 1980 2000 2020

Das Gedenkjahr 1914/2014 hat auch in etlichen Publikationen namhafter Historiker seinen Niederschlag gefunden. Eine Zusammenschau ausgewählter Bücher zeigt unterschiedliche Narrative und eröffnet spannende Perspektiven.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Gedenkjahr 1914/2014 hat auch in etlichen Publikationen namhafter Historiker seinen Niederschlag gefunden. Eine Zusammenschau ausgewählter Bücher zeigt unterschiedliche Narrative und eröffnet spannende Perspektiven.

Haben Sie in den nächsten Jahren schon etwas Besseres vor? Wenn nicht, dann seien Ihnen für den Zeitraum von 2014 bis 2018 ein paar Bücher ans Herz gelegt, die sich jener "Urkatastrophe" (George Kennan) des vergangenen "kurzen"(Eric Hobsbawm) Jahrhunderts widmen, die Erster Weltkrieg oder - in Frankreich und England -"Großer Krieg" genannt wird. Um nicht zu vergessen, wie es überhaupt dazu kam, eignet sich wie kaum ein anderes Werk Heinrich August Winklers aktuelle Trilogie "Geschichte des Westens". Im ersten Teil, dessen Furioso uns von den Anfängen der westlichen Zivilisation bis zum Attentat von Sarajewo geleitet, bündelt der deutsche Emeritus die vielfältigen historischen Stränge über die Zeiträume hinweg.

Was vor hundert Jahren, so führt Winkler aus, seinen Ausgang genommen hat, wurzelte seinerseits in jener alten Ordnung, die vor zweihundert Jahren beim Wiener Kongress geschaffen worden war und Europa unter die Herrschaft einer Pentarchie gestellt hatte. Je länger das 19. Jahrhundert indes währte, umso brüchiger gerieten die unter den fünf Mächten geschlossenen Allianzen. Friede und Ruhe, auf deren Restauration zu beharren in erster Linie die nichtwestlichen Großmächte "heilig" geschworen hatten, zerbrachen nach und nach. Neue Konflikte und Kriege vor und nach der Wasserscheide 1848 waren die Folge.

Österreich, nolens volens neutral

Auf der - wieder ganz aktuell - fernen Krim, wo Franzosen und Engländer auf Seiten der Osmanen gegen die Russen Krieg führten, begann sich nebenbei so das Schicksal eines angeblich verjährten Gebildes aus Völkern und Kulturen abzuzeichnen, dem die Staaten des Westens künftig gemeinsam mit Deutschland etc. die alleinige Kriegsschuld zuweisen würden: Österreichs. Schon damals einer Neutralität nolens volens verpflichtet, zog es sich mit seiner Haltung zwar nicht die vielleicht erhoffte Freundschaft des Westens, sehr wohl aber die nachhaltige Feindschaft Russlands zu.

Dieser Spannung im Osten des Kontinents - virulent noch im 19. Jahrhundert und explosiv spätestens seit der Annexion Bosniens 1908 -stand jene zwischen Deutschland und Frankreich im Westen gegenüber. So waren es am Vorabend des Weltkriegs, wieder Winkler, weniger die gemeinsamen Freunde als die gemeinsamen Feinde, die die jeweiligen Blöcke einten: eine "Mitte" gegen den "Osten" einer-und gegen den "Westen" andererseits. Genau diese Begriffe spielen in den zu erläuternden Büchern eine wichtige Rolle, wenngleich sie leider, anders als Winkler, weniger Bezug auf die Herleitung der Geschehnisse aus dem frühen 19. Jahrhundert und die Ordnung des Wiener Kongresses nehmen.

So ist es wohl kein Wunder, dass (der ältere) Winkler - eine Art "Titan" der europäischen Historiografie - in seinen Studien und Essays genau jene Passagen der Werke seiner Kollegen Christopher Clark und Herfried Münkler - sozusagen zweier (jüngerer) "Olympier" - mehr oder weniger vehement kritisiert, in denen diese sich nicht explizit auf seinen Begriff des Westens einlassen: Indem er diesen eher als "normatives" denn als kulturelles "Projekt" definiert, betont Winkler den Charakter Frankreichs und Englands als parlamentarische Staaten, in deren Zentrum eine der Legislative verantwortliche Exekutive steht. Demgegenüber waren Deutschland und Österreich - wenngleich im Wahlrecht relativ progressiv - nur konstitutionelle Mächte und deren Exekutiven als Souverän nicht dem Volk, sondern dem Monarchen verpflichtet.

Dies sei eine, wenn nicht die wesentliche Differenz zwischen Westen und Mitte (vom Osten -mit dem sich der Westen ohne Rücksicht auf die fehlende gemeinsame kulturelle Basis indessen verbündete -ganz zu schweigen). Im Gegensatz zu Clark und Münkler erkennt Winklers Werk konsequenterweise zwar keine Alleinschuld, aber doch eine Hauptschuld der Mitte. Denn die österreichischen wie deutschen Kriegsparteien wären niemals so "entfesselt" gewesen, wäre ihnen, wie im Westen, ein anderer Souverän als der jeweilige Monarch gegenüber gestanden.

Außerdem sei, wie der von Winkler empfohlene Jörn Leonhard in seiner treffenden "Büchse der Pandora" unterstreicht, Clarks - in Anlehnung an Hermann Brochs nach dem Weltkrieg erschienene gleichnamige Trilogie - gewählter Titel "Die Schlafwandler" ziemlich gewagt. Denn weder der Westen noch die Mitte oder der Osten, so Leonhard, sei blindlings in den Krieg geschlittert. Vielmehr habe es sich bei den leitenden Akteuren um "Vabanque-Spieler" gehandelt, deren absichtliches Tun schicksalhaft "ergebnisoffen" war.

Verantwortung statt Schuld

Vielleicht geht dieser Vorwurf aber an Clark und Münkler deutlich vorbei. Beiden ist wohl etwas anderes im Sinn: Für Christen durchaus relevant, zieht Clark den Begriff der Verantwortung jenem der Schuld vor und richtet seinen Fokus weniger auf das Weshalb als das Wofür, weniger auf das Was als das Wie des Fatalen - unabhängig davon, ob dies im Westen, in der Mitte oder im Osten geschieht. Münklers Verdienst hingegen ist ein für seinen Duktus typischer Umgang mit dem Pathos der Mitte, die zu beherrschen sich Frankreich über die Jahrhunderte vergebens abmühte, ehe es sie Deutschland überließ, um sich dem Westen zuzuwenden.

Was Leonhard, Münkler und Clark freilich vereint, ist die Courage, Geschichte nicht nur ex post, sondern auch ex ante zu betrachten. Sind es doch - was von vielen Historikern regelmäßig vergessen wird - nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die Absichten, die Geschichte machen. Insofern finden die Leser bei allen drei Autoren Analysen und Kommentare eines dem Handeln vorangehenden Wollens, ja eines dem Sagen vorangehenden Fühlens. Zur willkommen intelligiblen Spekulation wird dies - wie beim eigentlichen Politologen Münkler -beim Vergleich damaliger Konfliktherde mit heutigen am Beispiel des Balkans in Europa bzw. des Dreiecks zwischen China, Japan und Vietnam. Historia magistra vitae?!

Wesentlich entspannter als die bisher Genannten lesen sich schließlich die Bücher eines weiteren Deutschen, Ernst Piper, sowie zweier Franzosen, Bruno Cabanes und Anne Duménil. In "Nacht über Europa" stellt Piper ins Zentrum, was Winkler wohl zu wenig beachtet: Europa eben nicht als "normatives", sondern als kulturelles Projekt. So gibt sich anders zu erkennen, was sich Westen, Mitte oder Osten nennt. Gegenüber dem Vordergrund des Militärischen geht es Piper hauptsächlich um die Hintergründe und Wechselwirkungen zwischen Politik und Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft. Jenseits aller Schuldfragen beschreiten Cabanes und Duménil in "Der Erste Weltkrieg - Eine europäische Katastrophe" zwar ähnliche Wege, weisen jedoch immer auf das Leid und den Schrecken der an der Front wie im "Hinterland" betroffenen Menschen hin.

Politisch korrekte Distanz

Da capo: Während beim Australier Clark durchaus austrophile Züge zu erkennen sind, bemüht sich der österreichische Emeritus Manfried Rauchensteiner in (der erweiterten Neuauflage seines vor zwanzig Jahren erstmals erschienenen Werks) "Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie" politisch korrekt um kritische Distanz zur Heimat: Dass Franz-Joseph kein "Friedens-", sondern Kriegskaiser war, ist ihm ein wichtiges Anliegen. Wie bei Winkler und Leonhard findet sich außerdem auch bei ihm eine imposante Schilderung der Aggressivität der Kriegsparteien der Mitte: Als prononcierter Militärhistoriker beleuchtet Rauchensteiner daher eingehend alle militärischen Maßnahmen der Offensive und Defensive.

Dass Rauchensteiner freilich der einzige österreichische Historiker von Rang ist, der anlässlich 1914/2014 (vom Wiener Kongress 1814 f. gar nicht zu reden) überhaupt ein Werk vorgelegt hat, ist für die aktuelle österreichische Historiografie vielleicht bezeichnend! So stellt sich die Frage: Wo sind die Erben eines Gerald Stourzh eigentlich geblieben? Dem Kleinen fehlt es einfach an Größe: A. E. I. O. U.

BÜCHER

Lesestoff für die nächsten vier Jahre -bis 2018, wenn sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal jährt. Die exemplarische Auswahl nennt jene Bücher, auf welche sich der Autor obenstehenden Artikels bezieht. Man darf annehmen, dass bis zum nächsten Gedenkjahr weitere dazukommen werden.

Die Büchse der Pandora

Geschichte des Ersten Weltkrieges

Von Jörn Leonhard. C. H. Beck 2014.1157 S., geb., € 39,10

Geschichte des Westens

Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert

Von Heinrich August Winkler. C. H. Beck 2013.1343 S., Paperback, € 24,70

Nacht über Europa

Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs

Von Ernst Piper. Propyläen Verlag 2013.592 S., geb., € 27,80

Die Schlafwandler

Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Von Christopher Clark. DVA 2013.896 S., geb., € 41,20

Der Erste Weltkrieg

Eine europäische Katastrophe

Von Bruno Cabanes und Anne Duménil. Konrad Theiss 2013.480 S., geb., € 51,40

Der Große Krieg

Die Welt 1914 bis 1918

Von Herfried Münkler. Rowohlt 2013.928 S., geb., € 30,80

Haben Sie in den nächsten Jahren schon etwas Besseres vor? Wenn nicht, dann seien Ihnen für den Zeitraum von 2014 bis 2018 ein paar Bücher ans Herz gelegt, die sich jener "Urkatastrophe" (George Kennan) des vergangenen "kurzen"(Eric Hobsbawm) Jahrhunderts widmen, die Erster Weltkrieg oder - in Frankreich und England -"Großer Krieg" genannt wird. Um nicht zu vergessen, wie es überhaupt dazu kam, eignet sich wie kaum ein anderes Werk Heinrich August Winklers aktuelle Trilogie "Geschichte des Westens". Im ersten Teil, dessen Furioso uns von den Anfängen der westlichen Zivilisation bis zum Attentat von Sarajewo geleitet, bündelt der deutsche Emeritus die vielfältigen historischen Stränge über die Zeiträume hinweg.

Was vor hundert Jahren, so führt Winkler aus, seinen Ausgang genommen hat, wurzelte seinerseits in jener alten Ordnung, die vor zweihundert Jahren beim Wiener Kongress geschaffen worden war und Europa unter die Herrschaft einer Pentarchie gestellt hatte. Je länger das 19. Jahrhundert indes währte, umso brüchiger gerieten die unter den fünf Mächten geschlossenen Allianzen. Friede und Ruhe, auf deren Restauration zu beharren in erster Linie die nichtwestlichen Großmächte "heilig" geschworen hatten, zerbrachen nach und nach. Neue Konflikte und Kriege vor und nach der Wasserscheide 1848 waren die Folge.

Österreich, nolens volens neutral

Auf der - wieder ganz aktuell - fernen Krim, wo Franzosen und Engländer auf Seiten der Osmanen gegen die Russen Krieg führten, begann sich nebenbei so das Schicksal eines angeblich verjährten Gebildes aus Völkern und Kulturen abzuzeichnen, dem die Staaten des Westens künftig gemeinsam mit Deutschland etc. die alleinige Kriegsschuld zuweisen würden: Österreichs. Schon damals einer Neutralität nolens volens verpflichtet, zog es sich mit seiner Haltung zwar nicht die vielleicht erhoffte Freundschaft des Westens, sehr wohl aber die nachhaltige Feindschaft Russlands zu.

Dieser Spannung im Osten des Kontinents - virulent noch im 19. Jahrhundert und explosiv spätestens seit der Annexion Bosniens 1908 -stand jene zwischen Deutschland und Frankreich im Westen gegenüber. So waren es am Vorabend des Weltkriegs, wieder Winkler, weniger die gemeinsamen Freunde als die gemeinsamen Feinde, die die jeweiligen Blöcke einten: eine "Mitte" gegen den "Osten" einer-und gegen den "Westen" andererseits. Genau diese Begriffe spielen in den zu erläuternden Büchern eine wichtige Rolle, wenngleich sie leider, anders als Winkler, weniger Bezug auf die Herleitung der Geschehnisse aus dem frühen 19. Jahrhundert und die Ordnung des Wiener Kongresses nehmen.

So ist es wohl kein Wunder, dass (der ältere) Winkler - eine Art "Titan" der europäischen Historiografie - in seinen Studien und Essays genau jene Passagen der Werke seiner Kollegen Christopher Clark und Herfried Münkler - sozusagen zweier (jüngerer) "Olympier" - mehr oder weniger vehement kritisiert, in denen diese sich nicht explizit auf seinen Begriff des Westens einlassen: Indem er diesen eher als "normatives" denn als kulturelles "Projekt" definiert, betont Winkler den Charakter Frankreichs und Englands als parlamentarische Staaten, in deren Zentrum eine der Legislative verantwortliche Exekutive steht. Demgegenüber waren Deutschland und Österreich - wenngleich im Wahlrecht relativ progressiv - nur konstitutionelle Mächte und deren Exekutiven als Souverän nicht dem Volk, sondern dem Monarchen verpflichtet.

Dies sei eine, wenn nicht die wesentliche Differenz zwischen Westen und Mitte (vom Osten -mit dem sich der Westen ohne Rücksicht auf die fehlende gemeinsame kulturelle Basis indessen verbündete -ganz zu schweigen). Im Gegensatz zu Clark und Münkler erkennt Winklers Werk konsequenterweise zwar keine Alleinschuld, aber doch eine Hauptschuld der Mitte. Denn die österreichischen wie deutschen Kriegsparteien wären niemals so "entfesselt" gewesen, wäre ihnen, wie im Westen, ein anderer Souverän als der jeweilige Monarch gegenüber gestanden.

Außerdem sei, wie der von Winkler empfohlene Jörn Leonhard in seiner treffenden "Büchse der Pandora" unterstreicht, Clarks - in Anlehnung an Hermann Brochs nach dem Weltkrieg erschienene gleichnamige Trilogie - gewählter Titel "Die Schlafwandler" ziemlich gewagt. Denn weder der Westen noch die Mitte oder der Osten, so Leonhard, sei blindlings in den Krieg geschlittert. Vielmehr habe es sich bei den leitenden Akteuren um "Vabanque-Spieler" gehandelt, deren absichtliches Tun schicksalhaft "ergebnisoffen" war.

Verantwortung statt Schuld

Vielleicht geht dieser Vorwurf aber an Clark und Münkler deutlich vorbei. Beiden ist wohl etwas anderes im Sinn: Für Christen durchaus relevant, zieht Clark den Begriff der Verantwortung jenem der Schuld vor und richtet seinen Fokus weniger auf das Weshalb als das Wofür, weniger auf das Was als das Wie des Fatalen - unabhängig davon, ob dies im Westen, in der Mitte oder im Osten geschieht. Münklers Verdienst hingegen ist ein für seinen Duktus typischer Umgang mit dem Pathos der Mitte, die zu beherrschen sich Frankreich über die Jahrhunderte vergebens abmühte, ehe es sie Deutschland überließ, um sich dem Westen zuzuwenden.

Was Leonhard, Münkler und Clark freilich vereint, ist die Courage, Geschichte nicht nur ex post, sondern auch ex ante zu betrachten. Sind es doch - was von vielen Historikern regelmäßig vergessen wird - nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die Absichten, die Geschichte machen. Insofern finden die Leser bei allen drei Autoren Analysen und Kommentare eines dem Handeln vorangehenden Wollens, ja eines dem Sagen vorangehenden Fühlens. Zur willkommen intelligiblen Spekulation wird dies - wie beim eigentlichen Politologen Münkler -beim Vergleich damaliger Konfliktherde mit heutigen am Beispiel des Balkans in Europa bzw. des Dreiecks zwischen China, Japan und Vietnam. Historia magistra vitae?!

Wesentlich entspannter als die bisher Genannten lesen sich schließlich die Bücher eines weiteren Deutschen, Ernst Piper, sowie zweier Franzosen, Bruno Cabanes und Anne Duménil. In "Nacht über Europa" stellt Piper ins Zentrum, was Winkler wohl zu wenig beachtet: Europa eben nicht als "normatives", sondern als kulturelles Projekt. So gibt sich anders zu erkennen, was sich Westen, Mitte oder Osten nennt. Gegenüber dem Vordergrund des Militärischen geht es Piper hauptsächlich um die Hintergründe und Wechselwirkungen zwischen Politik und Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft. Jenseits aller Schuldfragen beschreiten Cabanes und Duménil in "Der Erste Weltkrieg - Eine europäische Katastrophe" zwar ähnliche Wege, weisen jedoch immer auf das Leid und den Schrecken der an der Front wie im "Hinterland" betroffenen Menschen hin.

Politisch korrekte Distanz

Da capo: Während beim Australier Clark durchaus austrophile Züge zu erkennen sind, bemüht sich der österreichische Emeritus Manfried Rauchensteiner in (der erweiterten Neuauflage seines vor zwanzig Jahren erstmals erschienenen Werks) "Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie" politisch korrekt um kritische Distanz zur Heimat: Dass Franz-Joseph kein "Friedens-", sondern Kriegskaiser war, ist ihm ein wichtiges Anliegen. Wie bei Winkler und Leonhard findet sich außerdem auch bei ihm eine imposante Schilderung der Aggressivität der Kriegsparteien der Mitte: Als prononcierter Militärhistoriker beleuchtet Rauchensteiner daher eingehend alle militärischen Maßnahmen der Offensive und Defensive.

Dass Rauchensteiner freilich der einzige österreichische Historiker von Rang ist, der anlässlich 1914/2014 (vom Wiener Kongress 1814 f. gar nicht zu reden) überhaupt ein Werk vorgelegt hat, ist für die aktuelle österreichische Historiografie vielleicht bezeichnend! So stellt sich die Frage: Wo sind die Erben eines Gerald Stourzh eigentlich geblieben? Dem Kleinen fehlt es einfach an Größe: A. E. I. O. U.

BÜCHER

Lesestoff für die nächsten vier Jahre -bis 2018, wenn sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal jährt. Die exemplarische Auswahl nennt jene Bücher, auf welche sich der Autor obenstehenden Artikels bezieht. Man darf annehmen, dass bis zum nächsten Gedenkjahr weitere dazukommen werden.

Die Büchse der Pandora

Geschichte des Ersten Weltkrieges

Von Jörn Leonhard. C. H. Beck 2014.1157 S., geb., € 39,10

Geschichte des Westens

Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert

Von Heinrich August Winkler. C. H. Beck 2013.1343 S., Paperback, € 24,70

Nacht über Europa

Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs

Von Ernst Piper. Propyläen Verlag 2013.592 S., geb., € 27,80

Die Schlafwandler

Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Von Christopher Clark. DVA 2013.896 S., geb., € 41,20

Der Erste Weltkrieg

Eine europäische Katastrophe

Von Bruno Cabanes und Anne Duménil. Konrad Theiss 2013.480 S., geb., € 51,40

Der Große Krieg

Die Welt 1914 bis 1918

Von Herfried Münkler. Rowohlt 2013.928 S., geb., € 30,80