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Vergessene Müllberge am Ende der Welt

Für viele ist das Geschäft mit dem Giftmüll die einzige Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen. Es ist immer noch besser als gar kein Lohn.

Wohin mit unserem Giftmüll? Diese Frage beschäftigt die Welt schon seit Jahren. Vergräbt man den toxischen Abfall, verseucht er Grundwasser und Boden und somit alles, was darauf wächst. Verbrennt man ihn, verpesten freigesetzte Giftstoffe unsere Luft. Versenkt man ihn im Meer, werden Tiere vergiftet oder getötet und Küsten durch angespülte Abfälle verschmutzt. Egal, auf welche Art und Weise Giftmüll entsorgt wird, die Folgen sind immer verheerend. Steigende Krebsraten, Missbildungen bei Neugeborenen, zerstörte Lebensräume. All das sollte Warnung genug sein, sollte die Aufmerksamkeit der politischen Entscheidungsträger darauf lenken, nach Lösungen zu suchen. Und doch wachsen die giftigen Müllberge stetig weiter. Diese befinden sich aber selten in den Ländern, die die toxischen Abfälle produzieren. Stattdessen wird Giftmüll meist aus westlichen Industriestaaten in Entwicklungsländer exportiert. Diese haben weniger strenge Umweltschutzbestimmungen, außerdem kommt den Industrienationen die Verschiffung der Abfälle billiger, als das Recycling und die ordnungsgemäße Entsorgung vor Ort.

Als besonders beliebtes Ziel der Müllexporteure gilt Afrika. In Accra, der Hauptstadt Ghanas, befindet sich etwa die berühmt-berüchtigte Elektromülldeponie von Agbogbloshie. Lange Zeit war Agbogbloshie ein Vogelschutzgebiet. Heute landen hier täglich Tausende von nicht mehr funktionierenden Handys, Fernsehern und anderen elektrischen Altgeräten aus den Industrieländern der Welt. Öl, Quecksilber und andere Chemikalien sickern in den Boden. Viele der Slumbewohner, darunter auch zahlreiche Kinder und Jugendliche, durchsuchen die Müllberge Tag für Tag nach wertvollen Metallen wie Kupfer und Eisen. Um an diese Metalle heranzukommen, wird mithilfe von Feuer das Plastik der Geräte geschmolzen. Dadurch entstehen hochgiftige Dämpfe, die die Menschen in Agbogbloshie täglich einatmen. Mundschutz oder Schutzkleidung gibt es hier nicht, manche besitzen nicht einmal Schuhe.

Hungerlohn und Krankheit

Die recycelten Rohstoffe werden für einen Hungerlohn an Schrotthändler weiterverkauft und gelangen über diese wieder zurück nach Europa, Amerika und Asien. Die giftigen Rückstände bleiben jedoch in Agbogbloshie zurück. Die Bewohner des Slums, der von den Einheimischen auch "Sodom und Gomorrha" genannt wird, leiden an Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Husten und ziehen sich nicht selten Verletzungen während der Arbeit auf der Deponie zu. Der giftige Qualm schädigt außerdem Gehirn, Nerven- und Fortpflanzungssystem der Menschen. Die Lebenserwartung in Agbogbloshie ist niedrig, viele Menschen sterben an Krebs oder Nierenversagen.

Obwohl die Basler Konvention von 1989 den Transport von gefährlichen Abfällen in andere Länder verbietet, sind viele der Elektro-Altgeräte, die auf der afrikanischen Mülldeponie landen, bereits bei ihrer Ankunft Schrott. Da aber der grenzüberschreitende Transport von Gebrauchtware erlaubt ist, ist auch der Elektromüll als Second-Hand-Ware gekennzeichnet. Jene Geräte, die tatsächlich noch funktionieren, werden zunächst weiterverkauft, landen letzten Endes aber doch auf den Müllbergen von Agbogbloshie.

Doch nicht nur afrikanische Länder werden von den Industriestaaten als Mülldeponien missbraucht. So landen beispielweise auch in den armen Regionen von China und Indien Unmengen an toxischen Abfällen. Für viele Menschen ist das Geschäft mit dem Giftmüll die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Ein Hungerlohn ist immer noch besser als gar kein Lohn. Ein Teufelskreis, aus dem es so gut wie kein Entrinnen gibt. Das Problem ist komplex. Würde man den Leuten die Arbeit auf den riesigen Mülldeponien verbieten, hätten sie kein Einkommen mehr. Fördern die Industriestaaten jedoch weiterhin den illegalen Mülltransport in Entwicklungsländer, werden noch mehr Menschen mit ihrer Gesundheit bezahlen und die Umwelt weiterhin verseucht. Aber was unternimmt die westliche Politik dagegen? Erst 2015 besuchte der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller Agbogbloshie. Geschockt von den dort herrschenden Zuständen, versprach er Hilfe. Ghanas Partnerland Nordrhein-Westfalen startete ein Projekt zum Bau einer Gesundheitsstation. Außerdem wurden in Kooperation mit der Universität von Ghana medizinische Untersuchungen an Anwohnern und Arbeitern durchgeführt, um die Schadstoffbelastung nachzuweisen. Eine gute Sache und hoffentlich Vorreiter für weitere Projekte dieser Art. Das mangelnde Interesse der Industriestaaten, den illegalen Müllexport zu stoppen, erweckt allerdings den Eindruck, es handle sich bloß um einen Tropfen auf dem heißen Stein.

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