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Verhungern auf dieser Erde? (I)

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„Der Tod durch Verhungern ist ein stiller Tod. Das Fleisch schrumpft um den Schädel, die Wangen werden zu tiefen Löchern, die Lippen treten zurück, die Rippen treten deutlich hervor. Dann schwellen vielfach die Füße und Gelenke an — das sind die Kennzeichen von .Kwashiorkor , dem bevorstehenden Hungertod. Ein Vater bringt sein Kind zur Klinik. Die Schwester schaut nur einmal hin. ,Es ist tot', sagt sie und bedeckt den Kopf des Kindes mit einem Tuch. Das Hospital ist mit vielen Kindern belegt, aber es ist unnatürlich ruhig. Es gibt nur noch wenig schreiend quirlendes Leben. Mit diesen Worten beschreibt ein UNO-Beobachter einen winzigen Ausschnitt der Hungersnot, an der Jahr für Jahr 25 Millionen Menschen sterben.

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„Der Tod durch Verhungern ist ein stiller Tod. Das Fleisch schrumpft um den Schädel, die Wangen werden zu tiefen Löchern, die Lippen treten zurück, die Rippen treten deutlich hervor. Dann schwellen vielfach die Füße und Gelenke an — das sind die Kennzeichen von .Kwashiorkor , dem bevorstehenden Hungertod. Ein Vater bringt sein Kind zur Klinik. Die Schwester schaut nur einmal hin. ,Es ist tot', sagt sie und bedeckt den Kopf des Kindes mit einem Tuch. Das Hospital ist mit vielen Kindern belegt, aber es ist unnatürlich ruhig. Es gibt nur noch wenig schreiend quirlendes Leben. Mit diesen Worten beschreibt ein UNO-Beobachter einen winzigen Ausschnitt der Hungersnot, an der Jahr für Jahr 25 Millionen Menschen sterben.

Noch 1839 notierte die damals neunzehnjährige Queen Victoria in ihr Tagebuch: „... Walter Scott sagte: .Warum die armen Leute behelligen? Laßt sie in Ruhe...'“ Heute hat aber schon der letzte erkannt, daß es damit nicht getan ist — die Dritte Welt selbst gerät in Aufruhr und bringt die Revolution.

Es ist eine Revolution der steigenden Erwartungen, die die zurückgebliebene Welt in einem etwa 6000 Kilometer breiten Gürtel rund um den Äquator heimgesucht hat, dessen tropische Glut durch die Elendskontinente Asien, Afrika und Lateinamerika schneidet. Die Menschen der jungen Staaten werden mit ihrer Lage — wirtschaftliche Stagnation oder allzu langsam fortschreitende Entwicklung — zunehmend unzufriedener. Sie haben erkannt, daß ihre ungünstigen Lebensumstände nicht unvermeidlich und schicksalhaft gegeben sind; und sie haben gelernt, ihre eigenen Verhältnisse mit denen der hochtechnisierten Staaten zu vergleichen. Die weltweite Kommunikation gibt ihnen die Möglichkeit dazu. Die Dritte Welt ist im Aufbruch, und die in ihr entfachten Erwartungen sind ein Potential, wenn auch ein ambivalentes Potential.

Zu dieser Revolution der steigenden Erwartungen kommt noch eine Theologie der Revolution: Sie ist eine massive Bewegung in den christlichen Kirchen, die hauptsächlich von Vertretern der Dritten Welt ausgeht. Es handelt sich dabei um die Besinnung auf die revolutionären Faktoren der christlichen Lehre. Die Ausgangsposition hat etwa Gonzalo Castillo Cärdenas so formuliert: „Es ist die Frage, ob Christen, die überzeugt sind, daß die gegenwärtige .Ordnung' eine .Beleidigung Gottes und der Menschen' ist, und die sich der mannigfachen Formen der Gewalt bewußt sind, die die bestehende Ordnung gegenüber den Schwachen, den Unterprivilegierten, den Armen, den Menschen, die eine Randexistenz führen — und das ist die Mehrheit —, ausübt, ob solche Christen in dieser Situation wirksamen Widerstand leisten werden, so lange, bis sie das Ziel einer neuen sozialen Ordnung, die auf Gerechtigkeit beruht, verwirklicht haben.“ Eine theologische Begründung revolutionären Verhaltens kann insbesondere für solche Länder von Bedeutung sein, in denen der christliche Glaube eine wichtige Rolle spielt — wie etwa in Lateinamerika.

In der Diskussion Um eine Theologie der Revolution lassen sich Tendenzen beobachten, die darin ein Surrogat für gesellschaftliche Umwälzungen verstehen. Wirtschaftliche Ausbeutung und gesellschaftliche Entrechtung sind jedoch der Ausgangspunkt revolutionärer Entwicklungen, die sich gegen das etablierte Herrschaftssystem richten. Sie können zwar auf mancherlei Weise von außen angeregt oder behindert werden, und sie können auch eine stimulierende Wirkung auf andere Länder haben. Dennoch ist die Revolution in ihrer politischen Bedeutung zunächst eine nationale Angelegenheit. Sie entbehrt in der Regel auch nicht eines nationalistischen Akzents, denn es geht meist auch um die Befreiung von kolonialen und „imperialistischen“ Einflüssen,

Algerien, Kuba und Kongo sind Beispiele dafür.

Bodenreform — aber wie?

Aus der nationalen Begrenztheit folgt, daß Möglichkeit und Erfolg einer Revolution von der geschichtlichen Lage und den jeweiligen Zuständen abhängen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer Differenzierung; dennoch lassen sich für die bedrohten Länder der Dritten Welt einige gemeinsame Merkmale zur Kennzeichnung der gesellschaftlichen Lage angeben. Für eine unzureichende Nahrungsmittelversorgung ist neben mangelnder Ausbildung, fehlender Technisierung und zu geringer Gesamtentwicklüng eine ungünstige Bodenverteilung eine wichtige Ursache. In Lateinamerika gehören zum Beispiel 1,5 Prozent der Landbesitzer über 65 Prozent des kultivierbaren Bodens, während sich weitere 70 Prozent aller Landbesitzer weniger als 4 Prozent des Bodens teilen müssen. Diese Unterschiede in der Bodenverteilung sind zwar in anderen Regionen nicht ganz, so kraß, aber selbst in Indien vereinigen 13 Prozent der ländlichen Haushalte 63 Prozent der Anbaufläche auf sich, während 47 Prozent der Haushalte sich mit nur einem Prozent der gesamten Anbaufläche begnügen müssen. Die große Zahl der Kleinbauern kann selbst bei intensivsten Bemühungen sich und die Familie nicht ernähren, während die großen Ländereien nur sehr extensiv oder gar nicht genutzt werden. In Guatemala haben 2,2 Prozent der Grundbesitzer 70 Prozent des nutzbaren Bodens, von dem aber nur 10 Prozent bearbeitet werden. Zwar ist eine Bodenreform kein Allheilmittel, aber — wie das Beispiel Mexiko beweist — der Beginn einer nationalen Revolution.

Ähnlich wie die Bodenverteilung ist auch die Einkommensstruktur; obwohl in den meisten Entwicklungsländern das durchschnittliche Einkommen pro Kopf und Jahr unter 200 US-Dollar liegt und oft nur den zwanzigsten oder dreißigsten Teil des Einkommens der Industrieländer ausmacht, sind doch die Unterschiede zwischen armer und reicher Bevölkerung größer als in den hochentwickelten Ländern. In Lateinamerika ist das Durchschnittseinkommen hauptsächlich deshalb höher als in anderen Entwicklungsgebieten, weil hier die Einkommensunterschiede besonders groß sind.

Diese Einkommensunterschiede sind Ausdruck verschiedenster Formen der Ausbeutung und der sozialen Unterdrückung. So gibt es Beispiele, daß ganze Bevölkerungsgruppen oft bewußt von den Bildungseinrichtungen ferngehalten werden, um weiter als unterbezahlte Arbeiter zur Verfügung zu stehen.

Aufruhr und Unruhe

Die durch die soziale Lage entstehenden Probleme steigern sich durch unerfüllte Entwicklungsversprechen und nicht zuletzt durch die Vermehrung der Bevölkerungszahlen. Diese Situation kann sich so zuspitzen, daß auch ein nüchterner Beobachter als einzigen Ausweg eine revolutionäre Änderung erkennen muß. Dennoch müssen nationale Revolutionen eine Ultima ratio bleiben; nicht etwa, weil sie mit Gewalt verbunden sind, denn Ausbeutung und Unterdrük- kung sind auch Formen lebensbedrohender Gewalt gegenüber ganzen Bevölkerungsschichten. Aber die Chance des Erfolges ist oft zu gering, und ein Mißerfolg hat lang andauernde Folgen gerade für diejenigen, denen geholfen werden sollte. Den beiden Weltmächten im Westen und im Osten ist diese Gefahr, bekannt. „Die Drohung des

Verhungerns bringt Menschen gegen Menschen auf und Bürger gegen ihre Regierungen“, schrieb L. B. Johnson in seinem letzten Amtsjahr als Präsident der Vereinigten Staaten, „sie führt zum Aufruhr und zur politischen Unruhe.“

Wie das Bemühen um den Frieden ist die Entwicklungshilfe eine weltweite Aufgabe. „Entwicklung ist der neue Name für Friede“, schrieb dazu Papst Paul VI. in seinem Rundschreiben „Über den Fortschritt der Völker“. Wenn nun Richtlinien und Wege gesucht werden, damit die

Hilfe an die Dritte Welt erfolgreich ist, dann muß vor dem naiven Optimismus gewarnt werden, das funda- 1 mentale Problem dieser Länder in 1 seinem vollen politischen, ökonomi- ’ sehen und sozialen Umfang lösen zu 1 können. Die Industriestaaten müssen ’ sich bewußt sein, daß die Dritte Welt 1 selbst der Hauptfaktor in diesem ’ Prozeß bleiben muß. Warum, so fragen sich die Helfenden immer häufiger, war unsere Hilfe so oft erfolglos?

Die Gründe können bei den Entwicklungsländern selbst liegen: „Wir müssen an erster Stelle dort helfen, wo die Bevölkerung gegen die Regierung oder unzufrieden ist“, kann hier wohl für eine Fassadenpolitik stehen, wobei dazu noch ein vielfach korrupter Beamtenapparat der jungen Staaten kommt.

Aber auch die Hilfsprojekte tragen heute an dem gegenseitigen Mißtrauen Schuld. Sie waren oft nicht der Entwicklungsphase des betreffenden Landes und der Psyche der Bevölkerung angepaßt. Ein riesiges Stahlwerk in ein Gebiet zu bauen, das noch von nomadisierenden Hirtenvölkern belebt wird, ist wohl das beste Beispiel dafür. Oder aber waren die Projekte eine Mikrohilfe, die eine organische Hilfe auf der Ebene der Dorfgemeinschaft vernachlässigte. Chester Bowies sagte dazu vor dem Senat der USA: „Ich habe gesehen, daß in Dörfern Dinge vollbracht werden, die an das Wunderbare grenzen, wenn das rechte Maß technischer Hilfe mit verhältnismäßig geringem Kapital und der aktiven organischen Mithilfe der ansässigen Bevölkerung verbunden zur Anwendung kommt. Ich habe aber, auch gesehen,,welcher Leerlauf und welche Vergeudung entstehen kann, wenn die Hilfe am falschen Ort, auf dem falschen Weg und aus falschen Beweggründen zur Anwendung kommt.“ Es ist also ein Unsinn, wenn es auch schon geschehen ist, dreihundert Zugmaschinen für ein Projekt in einem Bezirk bereitzustellen, wenn die Bevölkerung dort noch nie von Mechanisierung gehört hat. Ebenso unsinnig ist es auch — leider aber wahr —, in ein trockenes und noch dazu unbevölkertes Gebiet fünftausend Rinder zu transportieren.

Letztlich sind es aber auch die Beweggründe der Geberländer, die Entwicklungshilfe von vornherein nutzlos werden lassen: Wenn, die Hilfsmaßnahmen nicht an erster Stelle die soziale Not sehen, sondern eine politische Reaktion hervorrufen sollen, dann weiß auch der kleinste „Fellache“, daß versucht wird, ihn zu „kaufen“. Ebenso falsch ist es von den Industrienationen, Hilfspro- gramme von oben herab zu gewähren, wie man gleichsam einem hilflosen Bettler ein Almosen darreicht. Diese Hilfe erreicht — schon rein menschlich gesehen — nicht ihr Ziel. Entwicklungshilfe soll weder politischer Zündstoff noch politischer Feuerlöscher sein. Trotzdem unternimmt sowohl der Osten wie auch der Westen erhebliche Anstrengungen, um in Afrika, Asien und Lateinamerika Fuß zu fassen. Nach einem Wort Lenins führt der Weg des Kommunismus nach Berlin und Paris über Peking und Kalkutta. Nach dem zweiten Weltkrieg, als die alten Kolonialmächte zum Teil überstürzt abzogen, zerbrachen plötzlich die alten sozialen Ordnungen, und während sich erst neue bilden mußten, drohten die jungen Länder der Dritten Welt in ein wirtschaftliches und soziales Chaos zu stürzen — der Boden für eine „kommunistische“ Machtergreifung schien vorbereitet zu sein. Wenn trotzdem bisher nur Kuba zum echten „Satelliten“ wurde — und auch das nur sehr bedingt —, so hat das verschiedene Gründe:

Die jungen Staaten fühlten sich In ihrer gerade erst errungenen politischen Freiheit vom Kommunismus bedroht Sie wehrten sich, und das sogar geschickt. Zwar , waren .sie vom russischen Beispiel in manchen Beziehungen beeindruckt, anderseits aber wußten sie sehr wohl, daß die atemberaubend schnelle Entwicklung der UdSSR vom rückständigen Agrarland zur zweitgrößten Industrienation über die Leichen unzähliger selbständiger Bauern gegangen war und daß der einseitige Aufbau der Schwerindustrie zu einer katastrophalen Vernachlässigung der Landwirtschaft geführt hatte.

China strahlt zweifellos auch auf die jungen Staaten eine faszinierende Wirkung aus, ist es doch selbst ein „farbiges" Entwicklungsland, das unleugbar eine erstaunliche Aufbauleistung in kurzer Zeit erbracht hat. Die chinesische Atombombe ist ein politisches Symbol des „Emporkömmlings China“, ein Symbol der Stärke der Dritten Welt.

Für die Industriestaaten ist das Beispiel China aber zum Schrecksymbol geworden, und es wäre politischer Selbstmord, die Situation in der Dritten Welt negieren zu wollen. Drei Erscheinungsformen dieser Gefahr sind heute schon offen ausgebrochen: zum ersten die sozialen Revolutionen in Lateinamerika, zum zweiten die Stammeskriege in Afrika und letztlich auch die Zerstörung politischer Strukturen in Asien. Wie bereits bei der Behandlung der Revolution des steigenden Erwartens erwähnt, handelt es sich bei diesen Auseinandersetzungen einstweilen um die national begrenzten Zwistigkeiten, deren Funke aber heute oder morgen bereits auf die Industriestaaten überspringen kann. Der sowjetische Atomforscher D. Sacharow sieht als Ende der Probleme „eine Welle von Kriegen und Haß, die den Lebensstandard in der ganzen Welt absinken lassen“ wird.

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