Von einem Land, das offiziell NICHT EXISTIERT

HINTERGRUND

Moldawien

Als eigenständiger Staat existiert die Republik Moldau (Moldawien) erst seit 1991, als die Moldauische Sowjetrepublik sich während der Auflösung der Sowjetunion für unabhängig erklärte.

Transnistrien

Transnistrien ist seit 1992 zwar faktisch unabhängig, wurde jedoch bislang von keinem anderen Staat anerkannt - auch nicht von Russland - und wird weiterhin von Moldawien beansprucht.

Tiraspol

Die transnistrische Hauptstadt Tiraspol gleicht einem Freilichtmuseum der Sowjetunion: Auf einem gewaltigen Sockel blickt eine Lenin-Statue in die sozialistische Zukunft.

Grenzen & Brücken

Die 1992 gesprengte Brücke über den Dnjestr wurde von der OSZE wiederhergestellt (im Bild der stv. Missionsleiter S. Young mit Ex-Außenminister F.-W. Steinmeier). Wladimir Putin (r.) hat die russischen Truppen bis heute nicht abgezogen.

"Obwohl eine Wiedervereinigung von Moldau und Transnistrien unwahrscheinlich ist, zwingt sie die Vernunft zur Zusammenarbeit."

"In den letzten zwei Jahrzehnten sind in Transnistrien 200.000 Menschen ausgewandert, das ist ungefähr ein Drittel der gesamten Bevölkerung."

Die in dicke, olivgrüne Parkas gehüllten Männer am Schranken von Dorotcaia sehen aus wie aus einem alten Buch über die Sowjetunion. Nach einem kurzen Blick in die Papiere schütteln sie den Kopf. Hier sei nur "kleiner Grenzverkehr". Wir werden zu einem Umweg von zehn Kilometern in die nächste Ortschaft gezwungen. Dort interessiert man sich besonders für den österreichischen Pass. Der Besucher möge am Abend wieder zurück sein, sonst könnte er Schwierigkeiten bekommen, brummt ein Grenzbeamter und legt statt eines Stempels ein Papier in kyrillischer und lateinischer Schrift in den Pass ein.

Sowjetisches Freilichtmuseum

Die "Pridnestrowische Moldauische Republik", wie sich Transnistrien selbst bezeichnet, ist als solche in keinem Atlas zu finden und von keinem Staat der Welt anerkannt -nicht einmal von Russland, dessen Armee 1991 verhindert hat, dass der schmale Landstreifen östlich des Dnjestr (Nister) von moldauischen Truppen besetzt würde. Mit 3567 Quadratkilometern ist Transnistrien etwas kleiner als das Burgenland. Staatssprache ist Russisch, es zirkuliert der Pridnestrowische Rubel. Die Hauptstadt Tiraspol gleicht einem Freilichtmuseum der Sowjetunion: Auf einem gewaltigen Sockel blickt eine Lenin-Statue in die sozialistische Zukunft. Nahe dem Ufer des Dnjestr erinnert eine ewige Flamme an die mehr als 1000 Opfer des Unabhängigkeitskrieges und an die Gefallenen im sowjetischen Afghanistan-Feldzug. Vor einer orthodoxen Kapelle dient ein in Tarnfarben gestrichener Kettenpanzer mit der Aufschrift "Fürs Vaterland" als Denkmal für die hart erkämpfte Freiheit.

"2006 haben sich in einer Volksbefragung 80 Prozent für die Unabhängigkeit ausgesprochen", sagt Nikolay Smolensky, Vizerektor an der staatlichen Schewtschenko-Universität in Tiraspol. Wenn es nach ihm ginge, dann wäre das nur ein Übergangsstadium zur Aufnahme in die Russische Föderation. Den Vergleich mit der Sowjetunion weist er zurück: "Wir haben ein anderes Wirtschaftssystem.

Dass wir die Denkmäler nicht abreißen, heißt nicht, dass wir in der Vergangenheit leben." Die Bürger der kleinen Republik hätten volle Reisefreiheit. Allerdings nur jene, die über einen moldauischen, ukrainischen oder russischen Pass verfügen. Denn mit dem transnistrischen Dokument kommt man nur bis zur eigenen Grenze. Das ist den meisten zu eng. In den letzten zwei Jahrzehnten sind 200.000 Menschen, also ein Drittel der Bevölkerung, ausgewandert.

Mit Auswanderungsplänen trägt sich auch Igor, ein schlaksiger 22jähriger Student, der gemeinsam mit seiner Schwester ein Gästezimmer der katholischen Kirche bewohnt, das ihm der polnische Pater Piotr Kuszman zur Verfügung stellt. Der junge Mann spielt die Orgel in der Kirche und lernt Polnisch. Sobald er fertig ist, will er nach Polen auswandern.

Verfolgung aus religiösen Gründen, wie einst in der Sowjetunion, gebe es heute nicht mehr, sagt Pater Piotr. Die katholische Kirche gehört neben den Methodisten und der russisch-orthodoxen Kirche zu den vier anerkannten Religionsgemeinschaften. Allerdings sei die Kontrolle des Staates über religiöse und andere NGOs äußerst bürokratisch, meint der Geistliche. Damit man Gelder aus dem Ausland entgegennehmen dürfe, müsse man genaue Budgetpläne genehmigen lassen. Das von der Caritas gesponserte Kinderheim Petruschka in Tiraspol werde aber von den Behörden geschätzt.

Die Beziehungen zwischen der Republik Moldau und der abtrünnigen Provinz haben sich schon vor bald 20 Jahren entspannt. Die 14. russische Armee hat nach Vermittlungen der OSZE ihren Personalstand auf nur mehr etwa 1500 Mann reduziert, Panzer abgezogen und tausende Tonnen an Munition vernichtet. An der Grenze patrouillieren jetzt die transnistrischen Soldaten gemeinsam mit russischen und solchen aus der Republik Moldau. Der völlige Truppenabzug, zu dem sich Russlands Präsident Boris Jelzin 1999 verpflichtet hatte, wurde aber von Wladimir Putin nicht vollzogen. Immerhin haben sich die Beziehungen so weit normalisiert, dass der Grenzverkehr funktioniert. Transnistrische Arbeitskräfte pendeln täglich über den Dnjestr, moldauische Bauern dürfen ihre Äcker auf der anderen Seite des Flusses bebauen. Mitte November wurde auch die 1991 zerstörte und mit EU-Mitteln wiedererrichtete Brücke Gura Bicului-Bychok über den Dnjestr wiedereröffnet. Die Straßenverbindung von Chisinãu in die von Tiraspol nur 100 Kilometer entfernte ukrainische Schwarzmeermetropole Odessa ist damit wiederhergestellt.

Fußball ohne Grenzen

Anders als in der Ukraine, wo die Krim durch die russische Annexion in jeder Hinsicht vom Mutterland abgetrennt wurde, gibt es in Moldau/Transnistrien Bereiche, wo die Grenze nicht existiert. So spielen die Vereine in einer einzigen Fußballiga. Und das moldauische Nationalteam, das kürzlich bei der WM-Ausscheidung Österreich knapp unterlag, setzt sich aus Spielern beider Landesteile zusammen. Wenn es ein Match auf der je anderen Seite gibt, wird die Grenzabfertigung vereinfacht.

Obwohl eine Wiedervereinigung in absehbarer Zeit nicht wahrscheinlich ist, zwingt die ökonomische Vernunft die beiden zur engen Zusammenarbeit. Auf dem von der Firma Kvint produzierten Branntwein, dessen Qualität auch im Ausland geschätzt wird, prangt nicht das Wappen der transnistrischen Republik, sondern die Aufschrift "Product of Moldova". Denn ein nicht anerkanntes Land hat auch keine Exportmärkte. Die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Chisinãu, dessen Regierung in den Medien als "faschistisches Regime" verunglimpft wird, und Tiraspol sind im beiderseitigen Interesse eng. Dabei wundert sich die Oppositionsführerin in Moldau, Maia Sandu, über den absurden Energiedeal: Moldau bezieht Gas vom russischen Konzern Gazprom und liefert einen Teil an Transnistrien, das über ein Gaskraftwerk verfügt. "Transnistrien bekommt Gratisgas von uns und liefert uns dafür Strom, den wir bezahlen müssen", sagt sie (siehe Interview). Würde man den Strom in Rumänien oder der Ukraine kaufen, käme es billiger.

Russland wird nicht nur in Transnistrien als strategischer Partner gesehen. Bei den Präsidentschaftswahlen in Moldau setzte sich vergangenes Jahr in der Stichwahl mit Igor Dodon jener Kandidat durch, der die russische Annexion der Krim begrüßt hatte. Er hat zuletzt eine Verfassungskrise ausgelöst, weil er sich monatelang weigerte, den von Premier Pavel Filip nominierten Eugen Sturza als Verteidigungsminister anzugeloben. Den Grund dafür sieht der Zeithistoriker Ruslan Schewtschenko in Moskau: "Russland wollte einen prorussischen Militär in dieser Position." Zumindest diese Kraftprobe hat Dodon verloren: Sturza wurde schließlich im November vom Parlament vereidigt.

Die Reportagereise wurde von "Concordia" unterstützt.

CONCORDIA

13 Jahre Unterstützung aus Österreich

Wenn sie mit der Schule fertig ist, sagt die 14jährige Lidia, wolle sie in Spanien einen Job suchen. Ihre ältere Schwester ist schon aus dem Haus: Sie war vom inzwischen inhaftierten Stiefvater missbraucht worden. Dank eines Stipendiums von Concordia studiert sie jetzt in der Hauptstadt Chisinãu. Oder: Bei der Roma-Familie Potulai droht die Decke einzustürzen. Concordia finanziert die Reparatur, verlangt aber einen Eigenbeitrag der alleinerziehenden Mutter von vier Kindern: Sie soll die Bauarbeiter mit Essen versorgen. Oder: Concordia hat der neunköpfigen Familie Mutelica eine Kuh geschenkt, die für ausreichend Milch sorgt. Das erste Kalb muss man aber an eine andere Familie weitergeben. Mit Concordia kommt die größte, im Sozialbereich tätige NGO der Republik Moldau aus Österreich. Das einst vom Jesuitenpater Georg Sporschill für Waisen-und Straßenkinder gegründete Projekt hat sich in den 13 Jahren seiner Tätigkeit im Land zu einer nach modernsten Standards arbeitenden Organisation entwickelt. Die den Kinderdörfern nachempfundene "Stadt des Kindes" wurde indes aufgelöst, weil das Konzept als veraltet gilt. Die Kinder sind nun in Pflegefamilien untergebracht. Direktorin Otilia Sirbu koordiniert die Aktivitäten mit dem Ministerium für Gesundheit und Soziales, das vor allem für Concordias Arbeit in ländlichen Regionen dankbar ist: Die Lücken im sozialen Netz sind hier noch riesig. Nähere Informationen unter www.concordia.or.at

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