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Von Märchen und Albträumen in Korea

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die seit Jahrzehnten vom Wettbewerb abgeschottete Wirtschaft Nordkoreas würde praktisch in der Sekunde der Öffnung für den Außenhandel zusammenbrechen.

Der Albtraum und das Märchen haben beide derzeit Hochkonjunktur in der Weltpolitik -und sie demonstrieren dabei recht eindrucksvoll, wieviel sie gemeinsam haben. Sie kopieren beide die Wirklichkeit in ihre Sphären, modellieren sie - und lassen sie als romantisches oder horribles Fluidum wieder in die Realität zurücktröpfeln. Man könnte das Ganze die "Liquid Reality" nennen, und ihr hervorragendster Proponent ist derzeit US-Präsident Trump und seine Administration.

In ihrer Erscheinung als Albdruck werden Kinder in Käfige gesperrt - so wie in den Zauberwäldern der Gebrüder Grimm, nur diesmal im echten Texas. Im Großen aber wird die Welt märchenhaft in Gut und Böse geteilt, in Freund und Verbrecher. Aber während Trump so den Konflikt pflegt, verspricht er gleichzeitig Erlösung von allen Gegensätzen, und das in historischer Windeseile. So wurde ein 70 Jahre alter Konflikt zwischen Nordkorea und den USA binnen weniger Stunden auf eine Weise beseitigt, die man als "quasierotisch-romantisch" bezeichnen müsste.

Freundschaft und Machterotik

Auf einer zauberhaften Insel vor Singapur, auf der einst eine Pestkolonie angesiedelt war und nun Menschen von ungeheurem Reichtum leben -an diesem erlösten Ort also trafen einander die Staatschefs Donald Trump und Kim Jong-un, um die Schatten der Vergangenheit und den Krieg der Völker vergessen zu machen. Sie schüttelten einander die Hände, fassten einander brüderlich an der Schulter, tuschelten und lachten verschworen. Donald zeigte Kim sogar seine gepanzerte Limousine und gab ihm seine persönliche Telefonnummer. Er lobte das Talent des Nordkoreaners und verteidigte sein "hartes" Regime. Und beide versprachen ein Ende von Krieg, Atomgefahr, Aufrüstung und Manövern.

Ein politisches Märchen also, das eine neue Epoche des Friedens und der Sicherheit einleiten soll. Überhaupt stand am Ende dieser Zusammenkunft der Frieden ganz oben. Und man kann ihn sich tatsächlich nur wünschen. Da Märchen immer formelhaft für alle Ewigkeit stationären Zustand versprechen, "und sie lebten glücklich und zufrieden ...", sollte nun aber noch geprüft werden, ob die neue Liebe auch wirklich halten kann.

Dazu ist wichtig, den "Frieden" zu definieren, den Trump und Kim meinen. Ivan Illich, der austroamerikanische Philosoph, hat die westliche Form des Friedens einmal als "gemeinen Frieden" bezeichnet, als einen polemischen Sammelbegriff, hinter dem sich die Aggression der Starken gegen die Schwachen verberge. Tatsächlich lässt sich der Frieden mit Nordkorea auch als Schrecken beschreiben, wenn er der Definition von Frieden laut Lexikon für internationale Politik folgt: "die aktive Erhaltung der Ordnung". Das hieße doch im Fall von Nordkorea die Aufrechterhaltung des Regimes als Stabilität zu interpretieren.

Ein "instabiler Frieden"

Besser aber und treffender ist die Definition des Friedensforschers Kenneth Boulding, der die neue Liebe zwischen Washington und Pjöngjang als "instabilen Frieden" beschreiben würde: Es gibt zwar keine aktuelle bewaffnete Auseinandersetzung, aber Anwendung von Waffengewalt bleibt als Gefahr bestehen.

Warum das so ist, liegt an einem gemeinhin übersehenen Faktor, den Bouldings Kollege Johan Galtung "ökonomisches Ungleichgewicht" nannte. Galtung meinte damit die Konflikte, die ökonomische Überlegenheit im Freihandel und in der Globalisierung auslösen. Aber auf Nordkorea und den Rest der Welt angewendet, stimmt die Schlussfolgerung ebenfalls.

Dazu braucht man sich nur vorzustellen, was passieren würde, wenn Kim Jong-un sich entscheiden würde, den rosigen Vorschlägen seines US-Partners zu folgen und sein Land für die Wirtschaft zu öffnen (Hotelstrände statt Bunkeranlagen). Die seit Jahrzehnten vom Wettbewerb abgeschottete Ökonomie, die in einer seltsamen Mischung aus Planwirtschaft und tolerierter Schattenwirtschaft dahinvegetiert, würde praktisch in der historischen Sekunde der Öffnung zusammenbrechen. Wie in Russland würden sich vermutlich die Eliten des Landes den Anteil an den Rohstoffen sichern, die im Norden der Halbinsel seit der Zeit der japanischen Kolonialherrschaft ausgebeutet werden. Es würde Kohle-und Eisenbarone geben und auf der landwirtschaftlichen Ebene Reis-, Mais-und Kartoffelmagnaten. Die Luxushotels an der Küste würde vermutlich Trump Junior errichten -und damit einen Todesstreifen in einen Strand für Superreiche verwandeln, die den Thrill mögen.

Jenen 50 Prozent der Nordkoreaner, die laut FAO 2017 noch von Hunger gefährdet leben, also rund zehn Millionen Menschen, würde das nicht helfen. Dem Großteil der heute noch halbwegs versorgten anderen Hälfte wohl auch nicht. Nordkorea hat laut einer Berechnung von Forbes eine Kaufkraftparität, die jener des Nachbarn Südkorea um das 20fache unterlegen ist. Eine Erkenntnis, die auch ein Vergleich des BIP pro Kopf zeigt: 1700 Dollar pro Kopf in Norkorea stehen laut Weltbank 25.458 Dollar in Südkorea entgegen.

Das Überleben der Diktatur

Und das bringt einen zu einem anderen möglichen Kalkül der nordkoreanischen Führung. Das der unausgesetzten "talentierten" (Donald Trump) Diktatur, die nur dann überleben kann, wenn die Öffnung dieses Systems nicht stattfindet und der Staat sein Schwanken zwischen Krieg und Frieden als Instrument benutzt, um Geld zu bekommen für einen Staat, der seit den 1980er Jahren bankrott ist.

Und in diesem Sinne ist, die Unmöglichkeit märchenhafter Freundschaft zwischen Diktatur und Demokratie vorausgesetzt, eine Zukunft wahrscheinlich, in der der "instabile Frieden" wieder zu einer stabilen Krisenlage wird. Dann wird man sich vielleicht wieder des weitsichtigen Karl Jaspers entsinnen, der am Höhepunkt der atomaren Rüstung sagte: "Wir erleben die Übergangszeit zwischen der bisherigen Geschichte, die eine Geschichte des Krieges war, und einer Zukunft, die entweder das totale Ende oder einen Weltfriedenszustand bringen wird." So gesehen bewahrheitet sich die Strategie Trumps auf reale Weise: als neues Spiel zwischen Albtraum und Märchen.

Die seit Jahrzehnten vom Wettbewerb abgeschottete Wirtschaft Nordkoreas würde praktisch in der Sekunde der Öffnung für den Außenhandel zusammenbrechen.

Der Albtraum und das Märchen haben beide derzeit Hochkonjunktur in der Weltpolitik -und sie demonstrieren dabei recht eindrucksvoll, wieviel sie gemeinsam haben. Sie kopieren beide die Wirklichkeit in ihre Sphären, modellieren sie - und lassen sie als romantisches oder horribles Fluidum wieder in die Realität zurücktröpfeln. Man könnte das Ganze die "Liquid Reality" nennen, und ihr hervorragendster Proponent ist derzeit US-Präsident Trump und seine Administration.

In ihrer Erscheinung als Albdruck werden Kinder in Käfige gesperrt - so wie in den Zauberwäldern der Gebrüder Grimm, nur diesmal im echten Texas. Im Großen aber wird die Welt märchenhaft in Gut und Böse geteilt, in Freund und Verbrecher. Aber während Trump so den Konflikt pflegt, verspricht er gleichzeitig Erlösung von allen Gegensätzen, und das in historischer Windeseile. So wurde ein 70 Jahre alter Konflikt zwischen Nordkorea und den USA binnen weniger Stunden auf eine Weise beseitigt, die man als "quasierotisch-romantisch" bezeichnen müsste.

Freundschaft und Machterotik

Auf einer zauberhaften Insel vor Singapur, auf der einst eine Pestkolonie angesiedelt war und nun Menschen von ungeheurem Reichtum leben -an diesem erlösten Ort also trafen einander die Staatschefs Donald Trump und Kim Jong-un, um die Schatten der Vergangenheit und den Krieg der Völker vergessen zu machen. Sie schüttelten einander die Hände, fassten einander brüderlich an der Schulter, tuschelten und lachten verschworen. Donald zeigte Kim sogar seine gepanzerte Limousine und gab ihm seine persönliche Telefonnummer. Er lobte das Talent des Nordkoreaners und verteidigte sein "hartes" Regime. Und beide versprachen ein Ende von Krieg, Atomgefahr, Aufrüstung und Manövern.

Ein politisches Märchen also, das eine neue Epoche des Friedens und der Sicherheit einleiten soll. Überhaupt stand am Ende dieser Zusammenkunft der Frieden ganz oben. Und man kann ihn sich tatsächlich nur wünschen. Da Märchen immer formelhaft für alle Ewigkeit stationären Zustand versprechen, "und sie lebten glücklich und zufrieden ...", sollte nun aber noch geprüft werden, ob die neue Liebe auch wirklich halten kann.

Dazu ist wichtig, den "Frieden" zu definieren, den Trump und Kim meinen. Ivan Illich, der austroamerikanische Philosoph, hat die westliche Form des Friedens einmal als "gemeinen Frieden" bezeichnet, als einen polemischen Sammelbegriff, hinter dem sich die Aggression der Starken gegen die Schwachen verberge. Tatsächlich lässt sich der Frieden mit Nordkorea auch als Schrecken beschreiben, wenn er der Definition von Frieden laut Lexikon für internationale Politik folgt: "die aktive Erhaltung der Ordnung". Das hieße doch im Fall von Nordkorea die Aufrechterhaltung des Regimes als Stabilität zu interpretieren.

Ein "instabiler Frieden"

Besser aber und treffender ist die Definition des Friedensforschers Kenneth Boulding, der die neue Liebe zwischen Washington und Pjöngjang als "instabilen Frieden" beschreiben würde: Es gibt zwar keine aktuelle bewaffnete Auseinandersetzung, aber Anwendung von Waffengewalt bleibt als Gefahr bestehen.

Warum das so ist, liegt an einem gemeinhin übersehenen Faktor, den Bouldings Kollege Johan Galtung "ökonomisches Ungleichgewicht" nannte. Galtung meinte damit die Konflikte, die ökonomische Überlegenheit im Freihandel und in der Globalisierung auslösen. Aber auf Nordkorea und den Rest der Welt angewendet, stimmt die Schlussfolgerung ebenfalls.

Dazu braucht man sich nur vorzustellen, was passieren würde, wenn Kim Jong-un sich entscheiden würde, den rosigen Vorschlägen seines US-Partners zu folgen und sein Land für die Wirtschaft zu öffnen (Hotelstrände statt Bunkeranlagen). Die seit Jahrzehnten vom Wettbewerb abgeschottete Ökonomie, die in einer seltsamen Mischung aus Planwirtschaft und tolerierter Schattenwirtschaft dahinvegetiert, würde praktisch in der historischen Sekunde der Öffnung zusammenbrechen. Wie in Russland würden sich vermutlich die Eliten des Landes den Anteil an den Rohstoffen sichern, die im Norden der Halbinsel seit der Zeit der japanischen Kolonialherrschaft ausgebeutet werden. Es würde Kohle-und Eisenbarone geben und auf der landwirtschaftlichen Ebene Reis-, Mais-und Kartoffelmagnaten. Die Luxushotels an der Küste würde vermutlich Trump Junior errichten -und damit einen Todesstreifen in einen Strand für Superreiche verwandeln, die den Thrill mögen.

Jenen 50 Prozent der Nordkoreaner, die laut FAO 2017 noch von Hunger gefährdet leben, also rund zehn Millionen Menschen, würde das nicht helfen. Dem Großteil der heute noch halbwegs versorgten anderen Hälfte wohl auch nicht. Nordkorea hat laut einer Berechnung von Forbes eine Kaufkraftparität, die jener des Nachbarn Südkorea um das 20fache unterlegen ist. Eine Erkenntnis, die auch ein Vergleich des BIP pro Kopf zeigt: 1700 Dollar pro Kopf in Norkorea stehen laut Weltbank 25.458 Dollar in Südkorea entgegen.

Das Überleben der Diktatur

Und das bringt einen zu einem anderen möglichen Kalkül der nordkoreanischen Führung. Das der unausgesetzten "talentierten" (Donald Trump) Diktatur, die nur dann überleben kann, wenn die Öffnung dieses Systems nicht stattfindet und der Staat sein Schwanken zwischen Krieg und Frieden als Instrument benutzt, um Geld zu bekommen für einen Staat, der seit den 1980er Jahren bankrott ist.

Und in diesem Sinne ist, die Unmöglichkeit märchenhafter Freundschaft zwischen Diktatur und Demokratie vorausgesetzt, eine Zukunft wahrscheinlich, in der der "instabile Frieden" wieder zu einer stabilen Krisenlage wird. Dann wird man sich vielleicht wieder des weitsichtigen Karl Jaspers entsinnen, der am Höhepunkt der atomaren Rüstung sagte: "Wir erleben die Übergangszeit zwischen der bisherigen Geschichte, die eine Geschichte des Krieges war, und einer Zukunft, die entweder das totale Ende oder einen Weltfriedenszustand bringen wird." So gesehen bewahrheitet sich die Strategie Trumps auf reale Weise: als neues Spiel zwischen Albtraum und Märchen.