Vor sich hergeschoben, in die Länge gezogen ...

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Wird der Generationswechsel das Verhältnis zwischen Österreich und Israel entspannen?

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Wird der Generationswechsel das Verhältnis zwischen Österreich und Israel entspannen?

Zwei Autorinnen schrieben ein gut lesbares, auch zum Widerspruch anregendes Buch über die Beziehungen zwischen Österreich und Israel "im Schatten der Vergangenheit": "Gratwanderungen". Auf nur 387 Seiten werden unter anderem so komplexe Themen wie "Diplomatie im Schatten der NS-Vergangenheit", "Die Kreisky-Ära" und die "Waldheim-Affäre" behandelt. Um es vorwegzunehmen: Der Staat Israel hat sich - trotz der Haltung des offiziellen Österreichs, das jede österreichische Verantwortung für geschehene Verbrechen leugnete - von pragmatischen Überlegungen leiten lassen und sich um gute Beziehungen zu Österreich bemüht. Obwohl die Schoa integraler Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der Juden in Israel und anderswo wurde, mußte die Außenpolitik des jüdischen Staates doch in erster Linie berücksichtigen, daß Österreich während des Kalten Krieges, aber auch schon nach 1945, ein klassisches Durchreiseland für die jüdischen Einwanderer aus dem Osten war und es auch trotz der Spannungen während der Kanzlerschaft Bruno Kreiskys geblieben ist.

Israel (und der Jüdische Weltkongreß) akzeptierte die Staatsdoktrin, wonach Österreich lediglich das erste Opfer des Nationalsozialismus war. Das war nicht immer populär in Israel, doch bezüglich einer möglichen "Wiedergutmachung" hat sogar ein Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens als langjähriger disziplinierter Sozialdemokrat während eines Israelbesuches "den österreichischen Standpunkt sehr geschickt vertreten", wie sein in Tel Aviv amtierender Genosse dem Ballhausplatz melden konnte. Den freilich hatte Innenminister Oskar Helmer im Ministerrat auf die Formel gebracht: "Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen." Beim In-die-Länge-Ziehen und Vor-sich-Herschieben war Österreichs Politik sehr erfolgreich.

Die Berichte österreichischer Diplomaten in Israel und die mit ihnen geführten Gespräche zeigen eine Bandbreite zwischen dem Gefühl, als Diplomat in Tel Aviv verbannt zu sein und der Bemühung einer Diplomatin, schon Jahre vor der Mission Hebräisch zu lernen. Die israelischen Vertreter haben hier ebenfalls verschiedene Erfahrungen sammeln können. Reuwen Dafni, dessen gesamte Familie ermordet wurde, empörte sich darüber, daß "jeder zweite Wiener" behauptete, einen Juden gerettet zu haben. Die Studie beschäftigt sich auch mit den aus Österreich Vertriebenen: "Geblieben sind auch schöne Erinnerungen an eine vertraute Kultur und die geliebte Landschaft sowie das Heimweh nach einer Welt, die vernichtet wurde."

Ein besonderes Kapitel ist dem "Israelfreund" Richard Nimmerrichter (Staberl) gewidmet, dessen Beispiel zeigt, "daß ein positives Israelbild noch keine Meinungsänderung über ,die Juden' allgemein bewirken muß." In einigen Kapiteln dokumentieren die Verfasserinnen den Stimmungswandel der österreichischen Öffentlichkeit von der Israeleuphorie 1967 bis zur Libanoninvasion von 1982, als Israel ins Kreuzfeuer der Kritik geriet. Freilich wird auch eine linke Israelkritik unter die Lupe genommen, "die zur Entlastung antisemitischer Ressentiments dienen kann".

Die antisemitischen Ausfälle Kreiskys werden im Buch ebenso dokumentiert wie die negativen Reaktionen auf diese "unbedachten Äußerungen" vor allem bei der ÖVP sowie die israelischen Retourkutschen. "Die auf beiden Seiten zu beobachtende besondere Emotionalität in diesen Konflikten deutet darauf hin, daß es sich dabei tatsächlich um mehr als das Austragen von politischen Differenzen handelte." Doch in Österreich haben Kreisky die gehässigen Bemerkungen über Juden genauso wenig geschadet wie seine Beziehungen zu Nationalsozialisten und seine Kampagne gegen Simon Wiesenthal. Kreisky hat auch die Karriere von Kurt Waldheim gefördert, der lange, bevor er sich auf seine "Pflichterfüllung" berief und damit Österreichs Staatsdoktrin zum Wanken brachte, als UNO-Generalsekretär Israel besuchte und sich dort in der Synagoge der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem eine einmalige Taktlosigkeit leistete. Als bislang einziger Besucher weigerte er sich, eine in jeder Synagoge verlangte Kopfbedeckung zu tragen, "wohingegen er beim anschließenden Besuch in einer Moschee bereit gewesen war, der moslemischen Tradition entsprechend die Schuhe auszuziehen." Der gegenwärtige Staatspräsident Israels bezeichnete Waldheim 1981 als einen der "unangenehmsten Männer, denen zu begegnen ich das zweifelhafte Vergnügen hatte. Er war feindselig und kalt; er hatte nichts gelernt und noch weniger begriffen." Als Israel nach der Wahl Waldheims zum Präsidenten seinen Botschafter aus Wien abzog, reagierten österreichische Politiker mit Zurückhaltung. Nicht so die Medien. Einige gingen so weit, jüdische Österreicher für die Kommentare israelischer Medien haftbar zu machen.

Die Verfasserinnen haben mit Recht "eine gewisse Einseitigkeit" festgestellt: "Das Interesse von seiten Österreichs an Israel ist zweifellos größer als jenes von Israel an Österreich." Dies hat mit den innenpolitischen Problemen Israels und mit der Tatsache zu tun, daß Österreich seit 1989 nicht mehr Transitland ist.

Obwohl die israelischen Medien über das "Phänomen Haider" beunruhigt sind, akzeptiert das offizielle Israel das Herunterspielen der Wahlerfolge der FPÖ, weil man "sich nicht in innerösterreichische Angelegenheiten einmischen" will. Die Autorinnen haben sich auch mit Helmut Zilks Wunsch nach einem Schlußstrich kritisch auseinandergesetzt. Wer nicht willens ist, sich mit der Schoa auseinanderzusetzen, wird Israel nicht verstehen. Damit erklären auch die Verfasserinnen, weshalb Hans Dichand bislang in Israel auf Ablehnung stieß. Der Generationenwechsel in beiden Ländern und ein sensiblerer österreichischer Umgang mit der Vergangenheit werden, so ist zu hoffen, die Beziehungen zwischen den beiden kleinen Ländern erheblich erleichtern.

Der Autor war 1982 bis 1995 Redakteur des offiziellen Organs der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, der "Gemeinde", und ist seit zehn Jahren Korrespondent des israelischen Rundfunks in Österreich.

Gratwanderungen. Die Beziehungen zwischen Österreich und Israel im Schatten der Vergangenheit Von Helga Embacher und Margit Reiter, Picus-Verlag, Wien 1998, 350 Seiten, geb., öS 350,-

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