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Währungsstabilität — ein Traum?

Es wird schwerfallen, zu leugnen, daß wirrein ökonomisch gesehen, zur Zeit ein, wenn schon nicht goldenes, so doch zumindest silbernes Zeitalter durchleben. Das ist freilich eine Globalaussage, und es wird sicher eine ganze Reihe von Menschen geben, deren eigenes Schicksal diese Behauptung Lügen zu strafen scheint. Als Globalaussage besteht sie aber sicher zu Recht. Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte niemand zu hoffen gewagt, daß ein Zustand der Wirtschaft, wie wir ihn seit etwa einem Jahrzehnt durchleben, erreichbar und haltbar wäre.

Nicht zuletzt wegen ihres Unvermögens, die drängenden binnenwirtschaftlichen Probleme zu lösen, taumelte die Welt in furchtbare Katastrophen. Heute liegen die Dinge anders, wir sind offensichtlich imstande, unsere binnenwirtschaftlichen Probleme einigermaßen zu meistern, haben aber bisher nur wenig Geschick gezeigt, den Entwicklungsländern zu helfen, eine Frage, die für unser Schicksal vielleicht nicht minder wichtig ist, als es die Krise der dreißiger Jahre gewesen ist.

Aber auch das silberne Zeitalter ist nicht ohne Probleme, wenngleich die Behauptung gewagt werden soll, daß sie kleiner sind als die der dreißiger Jahre. Im Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Diskussion steht zur Zeit die Sicherung der Währungsstabilität oder, wie oft zu hören ist, das Hintanhalten der säkularen Inflation. Die Beherrschung der Preis- Lohn-Spirale ist eine der wichtigsten Aufgaben, die der Wirtschaftspolitik der westlichen Industriestaaten zur Lösung gestellt ist.

Es ist unzutreffend, den ständigen mehr oder minder starken Preis- und Lohnauftrieb auf eine Ursache zurückzuführen, ebenso wie es unzutreffend wäre, diesen Prozeß zu dramatisieren. Die Realität ist weder schwarz noch weiß, sie ist bestenfalls grau. Trotzdem: diese Entwicklung trübt nicht unerheblich das Hochgefühl über den wirtschaftlichen Aufschwung.

Eine Reihe von Phänomenen wird als Ursache der säkularen Inflation angegeben. Die Ursachenarten liegen „zwischen den Extremen naturgegebener und biologischer und ökonomischer Umweltgestaltung der handelnden Gruppen und arationalen menschlichen Verhaltensweisen gestreut".

In der Sprache der ökonomischen Theorie der Bestimmung des Volkseinkommens entsteht die Preis-Lohn-Spirale dann, wenn die Investition dazu neigt, die Vollbeschäftigungsersparnisse zu übersteigen.

Im politischen Tageskampf haben ohne Zweifel die organisierten Gruppen mit ihren Wünschen einen wesentlichen Einfluß auf die Entwicklung des Preis- und Lohnniveaus. Aus dem reichen Arsenal der politischen Kampf- und Druckmittel werden die verschiedensten Instrumente eingesetzt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder um eine Position zu halten. Da die strategischen Positionen der einzelnen relevanten Gruppen sich in der Regel kaum unterscheiden, ist das Vorprellen einer Gruppe normalerweise mit dem sofortigen Nachziehen anderer Gruppen verbunden. Die Folge davon ist oftmals ein stark überforderter Bundeshaushalt, von dem bedeutende Auftriebstendenzen ausgehen.

Die bisherigen Erfahrungen zeigten, daß, von Ausnahmen abgesehen, die Interessentengruppen nur in sehr bescheidenem Maße verantwortungsbewußt und sachgerecht Vorgehen. Da-

her sind ständig Konfliktsituationen und Zwangslagen an der Tagesordnung. Die jüngste Geschichte der Wirtschaftspolitik in Österreich liefert ein reiches Anschauungsmaterial zur Untermauerung dieser Feststellung. Nicht einmal die „Diktatur der leeren Kassen“ ist imstande, überspitzte Forderungen an das Budget zurückzuschrauben.

Peter R. Hofstätter hat in seiner Gruppendynamik, Kritik der Massenpsychologie, einen solchen in der Tagespolitik immer wieder vorkommenden Zustand, der nicht zuletzt für die Auftriebstendenzen, makroökonomisch gesehen, mitverantwortlich gemacht werden kann, etwa folgendermaßen beschrieben: Je widersprechender die Gruppenziele sind, und je mehr sich eine gruppeninterne Rivalität in außengerichtete Agressivität verwandelt, um so stärker wird die Diskrepanz zwischen dem Erstrebten und dem Erreichbaren.

Die Instrumente der Geld- und Kreditpolitik und der Finanzpolitik sind, wie die Praxis zeigt, in den Auseinandersetzungen der modernen Massendemokratie nur sehr bedingt, häufig verspätet und auch oft nicht mit der genügenden Schärfe einzusetzen, weil dies von mächtigen Interessentengruppen verhindert wird. Oft ist daher das Optimum des wirtschaftspolitisch Erreichbaren zuwenig. Es sei nur darauf hingewiesen, daß es wirtschaftliche Situationen gibt, in denen auch ein ausgeglichenes, sich aber vergrößerndes Budget (Haavelmo-Theorem) die Auftriebstendenzen verstärkt und dadurch das stetige Wirtschaftswachstum gefährdet.

Aber noch ein anderes, in der praktischen Wirtschaftspolitik viel zuwenig beachtetes Phänomen ist nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung der Löhne und Preise. Bei oligopolistisch organisierten Märkten, und das ist die vorherrschende Marktform in der modernen Industriewirtschaft, sind Preise, Produktion und Reklame durch die Kosten, die Nachfrage und auch durch das Ziel des Wirtschaftens nicht mehr eindeutig bestimmt, wie das beim Modell der sogenannten vollkommenen Konkurrenz der Fall ist, sondern es liegt, grob gesprochen, ein weiter „Unbestimmtheitsbereich“ vor. )

Das bedeutet, daß Preise und Produktion und in weiterer Folge Realeinkommen und Verteilung des Sozialprodukts nicht „naturgesetz lieh“ durch den Marktmechanismus bestimmt werden, sondern auch durch eine Reihe anderer Faktoren psychologischer Natur, wie Druck und Drohungen, beeinflußbar sind. Der Mensch ist bei oligopolistischen Marktformen dem Apparat der Wirtschaft nicht einfach ausgeliefert, sondern er kann das Ergebnis beeinflussen, ohne den Apparat zu zerstören. Allerdings ergibt sich daraus die Frage, wie die einzelnen Firmen in einer Hochkonjunktur normalerweise die Preise festsetzen. Es würde nun zu weit führen, die bisher einigermaßen geklärten Möglichkeiten

1 Unter einem Oligopol versteht man einen Markt, in dem efhe Unternehmung nur mit einer begrenzten Anzahl anderer, nahegelegener und ähnliche Produkte erzeugender Firmen, die sie sehr gut kennt und deren Verhalten sie sorgfältig beobachtet, in Konkurrenz tritt.

des Verhaltens einzelner Unternehmungen in einem oligopolistischen Markt aufzuzählen. Es ist aber leicht einzusehen, daß sie verschiedene Strategien einschlagen können. Entweder wirtschaftsfriedliche, indem sie sich auf friedliche Art und Weise zu verständigen suchen, oder Kampfstrategie, wie etwa die ruinöse Konkurrenz. Die immer stärker werdende Organisation der Wirtschaft von der politischen Seite her dürfte aber in zunehmendem Maße Kampfstrategien ausschalten, ein Umstand, der nicht zu unterschätzen ist. Es ist nun weiter durchaus realistisch anzunehmen, daß die Preise auf diesen oligopolitischen Märkten gerade in einer Hochkonjunktur nach oben tendieren, weil hierzu die allen Firmen gemeinsame Gewinnmaximierungstendenz drängt. In konjunkturell günstigen Situationen werden daher leicht Preiserhöhungen durchgeführt, entweder um einen Vorsprungseffekt zu erzielen, oder Kostensteigerungen, die bei Löhnen oder anderen Kosten eingetreten sind, zu kompensieren. Im wesentlichen gelten diese Feststellungen auch für die monopolistischen Arbeitsmärkte.

Dazu kommt, daß bei aller Furcht vor wirtschaftlichen Rückschlägen doch mehr und mehr die Tendenz vorzuherrschen beginnt, daß der Staat durch seine aktive Wirtschaftspolitik stän dig für Vollbeschäftigung zu sorgen hat und daher Preissteigerungen bei den Gewerkschaften sofort mit Lohnforderungen beantwortet werden und umgekehrt auf Lohnerhöhungen mit Preissteigerungen reagiert wird. Beiden Partnern sind

Lohnerhöhungen beziehungsweise Preissteigerungen häufig ein willkommener Anlaß, um mit ihren Forderungen durchzukommen. Mit der; Verantwortung gegenüber der Gesamtheit wird’ eS dabei nicht so genau genommen, entweder,

weil die Zusammenhänge nicht durchschaut werden, oder weil es ganz einfach nicht möglich ist, eine Gruppe aus diesem Prozeß ohne Nachteile für sie herauszuhalten. Nur ein gemeinsames Vorgehen, wie es in der Paritätischen Kommission versucht wurde, kann hier Abhilfe schaffen. Nach jeder Preis- und Lohnrunde ist ein das reale Wachstum des Sozialprodukts übersteigendes Nominelles festzustellen.

Weiter ist die Nachfrage für eine Reihe von wichtigen Gütern bereits sehr starr geworden, und sie wird umso starrer, je mehr das zunehmende „Inflations-Vollbeschäftigungsbewußtsein" die Reaktionsschwelle für Preissteigerungen hinausschiebt. Auch sind bei vielen Gütern die Veränderungen der Preise relativ klein, so daß für Käufer, die vielfach keine ausreichende Kenntnis des Marktes haben, viele Preisänderungen unter der Schwelle der Fühlbarkeit liegen. Daher ist die Elastizität der Nachfrage, das heißt die Reaktion auf die Preisveränderung, gleich null. Es ist ziemlich klar, wohin diese Entwicklung führt, über kurz oder lang wird sicher eine Interessentengruppe energisch eine staatliche Preiskommission fordern, und zwar mit dem Argument, daß der Lohn-Preis-Spirale auf andere Art nicht beizukommen sei. Es steht hier eine Entscheidung von ungeheurer Tragweite für die

Zukunft unserer Wirtschaftsordnung an, und es wäre noch an der Zeit, sich mit dem Problem einer derartigen Kommission ernstlich und nicht unter Zeitdruck auseinanderzusetzen. Es würde auch zu nichts führen, sollte versucht werden, das ganze Problem zu einem ideologischen Experimentierfeld zu machen. Wer allerdings die politische Situation in Österreich kennt, dem wird es schwerfallen, an eine sachverständige Diskussion dieser Frage zu glauben.

Aus dieser schlagwortartigen und lückenhaften Darstellung einiger Probleme der säkularen Inflation erhellt, daß nichts notwendiger wäre als eine Besinnung auf den Sachverstand. Würden, getragen von echtem staatspolitischen Verantwortungsbewußtsein und mit dem nötigen Sachverstand, zunächst einmal die Instrumente der Währungs- und Finanzpolitik kompromißlos eingesetzt, dann sollte es möglich sein, die säkulare Inflation in engsten Grenzen zu halten. In weiterer Folge könnten dann wirtschaftspolitische Instrumente entwickelt werden, die gewissermaßen in Hilfeleistung zur Währungs- und Finanzpolitik treten. Freilich, eine lediglich von Interessentenstandpunkten und wahlstrategischen Überlegungen diktierte Wirtschaftspolitik wird dieses Problem kaum meistern können.

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