Türkisches Bohrschiff - © Foto: APA/AFP/Bulent Kilic
International

Was für die Türkei spricht

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz der vielen Spannungen und der Drohungen aus Ankara muss klar sein, dass die Türkei für den Westen große Bedeutung hat. Ein Gastkommentar.

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Trotz der vielen Spannungen und der Drohungen aus Ankara muss klar sein, dass die Türkei für den Westen große Bedeutung hat. Ein Gastkommentar.

Die Türkei macht wieder einmal Schlagzeilen um sich und die EU. Eigentlich sollte in dieser Woche eine neue Runde zur Wiedervereinigung Zyperns vereinbart und fixiert werden. Eine Woche lang verhandelten die Vertreter der beiden Staaten miteinander unter UNO-Vermittlung.

Doch der Anlauf scheiterte, nach zyprischen Angaben an der Türkei. Das Verhältnis zwischen EU und Türkei ist derzeit gerade wegen des Zypernkonflikts extrem angespannt. Vor allem, dass türkische Bohrschiffe in zyprischen Gewässern auftauchten, um nach Gas zu suchen, entzündete den Konflikt erneut. Die Türkei scheint jedenfalls Fakten schaffen zu wollen. Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu pocht dabei darauf, die Rechte der türkischen Zyprer ernstzunehmen und sie fair an den Gasvorkommen zu beteiligen. „Die Provokationen der Türkei sind für uns alle inakzeptabel, und wir stehen hier auf der Seite Zyperns“, so der deutsche Europastaatsminister Michael Roth, der mit seinen Außenministerkollegen Sanktionen gegen die Türkei erließ, indem ihr EU-Gelder gekürzt und ein Luftverkehrsabkommen auf Eis gelegt werden.

Die geteilte Insel

Die Geschichte des Konfliktes geht viel weiter zurück: 1974 intervenierte die Türkei nach einem griechischen Militärputsch, um den Anschluss der Insel an Griechenland zu verhindern. Seitdem ist Zypern in eine türkische Republik Nordzypern, die bis heute lediglich von der Türkei anerkannt wird, und eine südliche Republik Zypern, geteilt. 2004 wurden Pläne zur Wiedervereinigung von den griechischen Zyprern abgelehnt, die im selben Jahr der EU beitraten. Das aktuelle Beispiel verdeutlicht, wie wenig Verständnis es für die gegenseitigen Interessen gibt. Allerdings führt aus historischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Gründen kein Weg an die Türkei vorbei, wenn der Westen in Eurasien eine Rolle spielen will.

Denn sie hat sich mehrmals als sehr nützlich erwiesen. Es war nicht nur die Flüchtlingskrise, wo sich die Türkei als wertvoller Verbündeter erwies. Wie sich das Habsburgerreich mit der Türkei verbündete, um Russlands Expansion im 19. Jahrhundert auszubalancieren, so lässt sich die historische Analogie auch auf die Gegenwart anwenden. 1952 trat die Türkei der NATO als Anker im Süden bei, um die Sowjetunion in Schach zu halten. Doch sie bietet heute weitaus mehr. Die Türkei stabilisiert die Region ums Schwarze Meer, kontrolliert den Zugang von diesem zum Mittelmeer, hält Russland im Kaukasus in Schach und ist ein Gegenspieler zum islamischen Fundamentalismus in der Region. Sie genießt in der zentralasiatischen Region, rund um das kaspische Meer, hohen Einfluss. Die Türkei pflegt zu Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan, Kirgistan, Turkmenistan, Aserbaidschan, Armenien und Georgien gute Beziehungen. Viele diese Länder waren unter osmanischer Herrschaft und sind der Türkei bis heute historisch, kulturell, religiös, wirtschaftlich und sprachlich verbunden.

Die Türkei macht wieder einmal Schlagzeilen um sich und die EU. Eigentlich sollte in dieser Woche eine neue Runde zur Wiedervereinigung Zyperns vereinbart und fixiert werden. Eine Woche lang verhandelten die Vertreter der beiden Staaten miteinander unter UNO-Vermittlung.

Doch der Anlauf scheiterte, nach zyprischen Angaben an der Türkei. Das Verhältnis zwischen EU und Türkei ist derzeit gerade wegen des Zypernkonflikts extrem angespannt. Vor allem, dass türkische Bohrschiffe in zyprischen Gewässern auftauchten, um nach Gas zu suchen, entzündete den Konflikt erneut. Die Türkei scheint jedenfalls Fakten schaffen zu wollen. Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu pocht dabei darauf, die Rechte der türkischen Zyprer ernstzunehmen und sie fair an den Gasvorkommen zu beteiligen. „Die Provokationen der Türkei sind für uns alle inakzeptabel, und wir stehen hier auf der Seite Zyperns“, so der deutsche Europastaatsminister Michael Roth, der mit seinen Außenministerkollegen Sanktionen gegen die Türkei erließ, indem ihr EU-Gelder gekürzt und ein Luftverkehrsabkommen auf Eis gelegt werden.

Die geteilte Insel

Die Geschichte des Konfliktes geht viel weiter zurück: 1974 intervenierte die Türkei nach einem griechischen Militärputsch, um den Anschluss der Insel an Griechenland zu verhindern. Seitdem ist Zypern in eine türkische Republik Nordzypern, die bis heute lediglich von der Türkei anerkannt wird, und eine südliche Republik Zypern, geteilt. 2004 wurden Pläne zur Wiedervereinigung von den griechischen Zyprern abgelehnt, die im selben Jahr der EU beitraten. Das aktuelle Beispiel verdeutlicht, wie wenig Verständnis es für die gegenseitigen Interessen gibt. Allerdings führt aus historischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Gründen kein Weg an die Türkei vorbei, wenn der Westen in Eurasien eine Rolle spielen will.

Denn sie hat sich mehrmals als sehr nützlich erwiesen. Es war nicht nur die Flüchtlingskrise, wo sich die Türkei als wertvoller Verbündeter erwies. Wie sich das Habsburgerreich mit der Türkei verbündete, um Russlands Expansion im 19. Jahrhundert auszubalancieren, so lässt sich die historische Analogie auch auf die Gegenwart anwenden. 1952 trat die Türkei der NATO als Anker im Süden bei, um die Sowjetunion in Schach zu halten. Doch sie bietet heute weitaus mehr. Die Türkei stabilisiert die Region ums Schwarze Meer, kontrolliert den Zugang von diesem zum Mittelmeer, hält Russland im Kaukasus in Schach und ist ein Gegenspieler zum islamischen Fundamentalismus in der Region. Sie genießt in der zentralasiatischen Region, rund um das kaspische Meer, hohen Einfluss. Die Türkei pflegt zu Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan, Kirgistan, Turkmenistan, Aserbaidschan, Armenien und Georgien gute Beziehungen. Viele diese Länder waren unter osmanischer Herrschaft und sind der Türkei bis heute historisch, kulturell, religiös, wirtschaftlich und sprachlich verbunden.

Der kürzliche Flirt mit Russland und der Ankauf russischer S-400 Luftabwehrsysteme ist ein Warnschuss an den Westen, wohin die Reise der Türkei gehen kann.

Zudem ist das eine Region mit erheblichen Gas- und Ölvorkommen, wo Russland, China und der Westen um Einfluss konkurrieren. Die Transadriatische Pipeline geht 2020 in Betrieb, wo Gas aus Aserbaidschan über die Türkei nach Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Griechenland, Italien, Albanien und von dort aus nach Deutschland, Frankreich und Großbritannien transportiert wird, um die Abhängigkeit von Russlands Gaslieferungen zu reduzieren. Aserbaidschan lehnte eine russische Basis ab – auf Initiative des Westens und der Türkei. Sie kann auch dazu dienlich sein, gemeinsam mit Russland Chinas Expansion auf diese Region auszubalancieren und zumindest etwas zurückzuhalten. Die Türkei ist für den Westen der Schlüssel zur Öffnung des Tores nach Asien. Der westliche Einfluss auf diese Region wäre drastisch geringer, wenn die Türkei als Verbündeter wegfiele. China und Russland würden sich die Einflusssphäre teilen und der Westen ginge leer aus. Hinzu kommt, dass ohne die Türkei die Lage im Nahen Osten ebenfalls weitaus schwieriger zu kontrollieren wäre. Eine destabilisierte Türkei würde in dieser Region und in Zentralasien geopolitische Unordnung auslösen. Türkische Instabilität würde tektonische Machtverschiebungen zugunsten der Russen und Chinesen bedeuten, die nur darauf warten würden, das Vakuum der Türken zu füllen. Die westlichen Bemühungen einer unabhängigen und stabilen zentralasiatischen Region, die (ähnlich dem Balkan) ein ethnisches Pulverfass ist, kann gelingen, wenn man die Türkei nicht verprellt. Sie ist für dieses Ziel unabdingbar.

Ausgestoßen?

Eine Türkei, die das Gefühl hat, vom Westen endgültig ausgestoßen zu sein, wird sich zwangsweise islamisieren, sie würde aus Trotz jede NATO-Erweiterung erschweren und ohne sie wäre eine Stabilisierung Zentralasiens schwierig zu erreichen, meint Zbigniew Brzezinski, der verstorbene nationale Sicherheitsberater des US-Präsidenten Carter. Ihr kürzlicher Flirt mit Russland und der Ankauf russischer S-400 Luftabwehrsysteme ist ein Warnschuss an den Westen, wohin die Reise gehen kann. Denn immer dann, wenn türkische Interessen ignoriert werden und wurden, wendet sie sich dem Osten zu. Fingerspitzengefühl hat der Westen im Umgang mit ihr in letzter Zeit nicht bewiesen. Die zurückhaltende Unterstützung des Militärputsches 2016 gegen Erdoğan sitzt den Türken tief in den Knochen und hat ihr Vertrauen zum Westen erschüttert. „Die Unterstützung der USA für den Putschversuch gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan war ein schwerer Fehler, der dem Ruf der USA in der Türkei einen schweren Schlag versetzen könnte“, schreibt Brzezinski. Die Beziehung zur EU ist ebenfalls gereizt. In den 2000er-Jahren gerieten die anfangs vielversprechenden EU-Beitrittsverhandlungen ins Stocken. Die pro-europäische türkische Bevölkerung will den EU-Beitritt, Erdoğan setzte eifrig Reformen um, aber Deutschland und Frankreich ließen den Prozess schleifen, da sie einem Beitritt gegenüber einem Land dieser Größe skeptisch waren und Zypern als relativ neues EU-Mitglied seine Stimme nutzte, um die Verhandlungen zu verlangsamen. Die Haltung der EU machte es den Türken „leicht, das Gefühl zu bekommen, dass sie, selbst wenn sie alles reformierten, immer noch zu groß, zu arm und zu muslimisch [seien], um beizutreten“, sagt Nicholas Danforth, ein Türkei-Experte beim German Marshall Fund aus den USA.

Die halbherzigen Beitrittsverhandlungen haben die Annahme bestätigt, als Verbündeter nützlich, jedoch für den inneren Kreis unerwünscht zu sein. Und das, obwohl die EU mit 42,8 Prozent der größte Wirtschaftspartner der Türkei ist und geostrategische Interessen geteilt werden. Der deutsche Ex-Kanzler Schröder will trotz aller Herausforderungen mit der Türkei die Beitrittsverhandlungen fortsetzen: „… Umso wichtiger ist es jetzt, den Beitrittsprozess fortzusetzen, denn dieser verpflichtet die Türkei, unseren Wertekanon Schritt für Schritt zu übernehmen. Wir müssen verhindern, dass das Land sich dem Mittleren Osten zuwendet, sich stärker nach Osten und Süden orientiert als nach Westen, nach Europa. Denn der Sicherheitszuwachs einer in Europa integrierten Türkei ist erheblich.“ Wie wichtig die Türkei als NATO-Partner – trotz des Tabu-Kaufes russischer Raketen – für den Westen ist, formuliert ihr NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg: „Die Türkei ist als NATO-Mitglied viel mehr als nur die S-400.“

Der Autor ist Herausgeber des Online-Magazins "Kopf um Krone".