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Weder Kommunismus noch Kapitalismus?

Der Demokratisierungsprozeß in den einstigen Kerngebieten des Kommunismus ist zum Stillstand gekommen. Die wirtschaftliche Misere Rußlands ist unübersehbar. Die einstige Weltmacht leidet unter Führungsschwäche. Den Politikern in Europa und den USA ist durch den Tschetschenien-Konflikt deutlicher bewußt als je zuvor, wie sehr Rußland zu einem Unsicherheitsfak-tor geworden ist.

Da meldet sich einer wieder zu Wort, der die russische Seele kennt wie kaum ein anderer. Er verbrachte elf Jahre im sibirischen Lager und in der Verbannung und hatte dann in Amerika im unfreiwilligen Exil 20 Jähre Zeit, über Rußland und die Welt nachzudenken und zu schreiben: Alexander Solschenizyn. Im vorigen Sommer kehrte er heim, durchreiste das riesige Land von Wladiwostok bis Moskau. Die Frucht all dieser Erfahrungen legte er jetzt in einem kleinen, überaus inhaltsreichen Buch vor.

Er wurde 1970 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, wagte aber nicht, ihn in Stockholm entgegenzunehmen, aus Sorge, nicht mehr nach Rußland zurückkehren zu können. Wenige Jahre später entledigte sich Leonid Breschnjew des unbequemen Kritikers: Er wurde am 13. Februar 1974 in Handschellen in das Linienflugzeug von Moskau nach Frankfurt gesetzt. Im Züricher Exil veröffentlichte er seinen 1976 geschriebenen autobiographischen Roman „Die Eiche und das Kalb”, zwei Jahre später übersiedelte er nach Vermont in den USA.

Die Absicht, ihn mundtot zu machen, schien aufzugehen. Seine vierbändige Erzählung der Vorgeschichte der bolschewistischen Machtergreifung 1917 („Das rote Rad”) erzielte nicht annähernd die Breitenwirkung seiner früheren Bücher, des „Archipel Gulag”, der „Krebsstation”, des „Tag im Leben des Iwan Denissowitsch”.

1983, als noch niemand den Zusammenbruch des Kommunismus ahnte, erklärte er: „Mein tiefer

Wunsch ist es, eines Tages lebend -denn ich bin nicht mehr jung - in mein Land zurückkehren zu können.” Solschenizyn war damals 65 Jahre alt. Trotz der Perestrojka, der er sehr distanziert gegenüberstand und noch heute steht, trotz der ihm 1990 wieder zuerkannten sowjetischen Staatsbürgerschaft, entschloß er sich erst im Mai 1994, zurückzukehren. Er flog nach Wladiwostok und reiste quer durch Sibirien nach Moskau, was ihm von einem kritisch eingestellten Landsmann die ironische Feststellung eintrug, vom Osten in Rußland Einzug zu halten wie die Sonne. Zugleich erschien seine Analyse des Rußland von heute.

Im russischen Fernsehen sagte Solschenizyn vor anderthalb Jahren auf die Frage, ob er die Gefahr eines Bürgerkrieges in Rußland sehe: „Ich glaube, sie besteht nicht, es sei denn, die Präsidialmacht würde weiterhin schwere Fehler begehen, einen nach dem anderen, und die Erfüllung der unmittelbaren Aufgaben hinauszögern.” Genau diese negativen Voraussetzungen sind eingetreten.

Tschetschenien muß kein Einzelfall bleiben. Dazu Solschenizyn in seiner neuen Schrift: „Wir müssen schließlich klar erkennen: Transkaukasien hat seinen eigenen Weg, nicht den unseren, Moldawien den seinen, das Baltikum den seinen, und für Mittelasien gilt das umso mehr.” Das

Unglück liege darin, daß der Zerfall der UdSSR innerhalb der falschen, seit Lenin gezogenen Grenzen stattgefunden und damit Rußland russische Gebiete entrissen habe.

Damit kommt der Patriot auf ein Thema, das nicht nur ihm, sondern großen Teilen der Bevölkerung und natürlich auch vielen Politikern besonders am Herzen liegt: 25 Millionen russischer Menschen, 18 Prozent der Gesamtheit der Russen, gingen dem heutigen Rußland verloren. „Sie befinden sich heute ,im Ausland', ohne sich von der Stelle bewegt zu haben, sie blieben einfach dort, wo ihre Väter und Großväter lebten - die größte Diaspora in der Welt.” Das Problem stellt sich vor allem in der östlichen Ukraine und auf der Krim, in Kasachstan, auch im nicht ausdrücklich erwähnten Lettland. Solschenizyn sieht eine mögliche Lösung in einer zeitlich akzeptablen Ausreise der Russen aus den selbständig gewordenen ehemaligen Sowjetrepubliken und in ihrer Ansiedlung in Rußland, ferner im Schutz der „im Ausland” bleibenden Russen (etwa durch eine doppelte Staatsbürgerschaft) sowie in einer vernünftigen Minderheitenpolitik, auch im eigenen Land. „Wir müssen jede noch so kleine Nation hüten, ihre Kultur, ihr Selbstbewußtsein.” Die drei ostslawischen Staaten Rußland, Weißrußland, Ukraine (möglichst auch das von vielen Russen bewohnte Kasachstan) sollten eine weitgehende wirtschaftliche und politische Union anstreben.

Und dann: „Das Helsinki-Abkommen, das ... die Unverletzbarkeit staatlicher Grenzen betrifft, haben die westlichen Staatsmänner unbedacht und verantwortungslos auf innere, administrative Grenzen übertragen.” Daraus folgt die brisante Forderung: Nicht die Grenzen sollten unantastbar sein, sondern der Wille der Nationen, die ein Territorium bevölkern. Das mag - wie seinerzeit das Selbstbestimmungsrecht der Völker in den 14 Punkten Woo-drow Wilsons - wenig reale Aussichten haben. Aber vielleicht hätte die Anerkennung und Durchsetzung dieses Standpunktes auch den Völkern des früheren Jugoslawien viel Blut und Leid erspart.

Keineswegs denkt Solschenizyn -im Gegensatz zu manchen Kreisen der russischen Armee - in „imperialen” Kategorien, im Gegenteil: „Die Wiederherstellung der UdSSR wäre der sicherste Weg, das russische Volk seiner Eigenart zu berauben ... Alle Bestrebungen sollten nach innen gerichtet sein.” Die Demokratisierung muß seiner Ansicht schrittweise erfolgen, jede Schocktherapie sei zum Scheitern verurteilt: „Wir haben schon deshalb keine Demokratie, weil keine lebendige, ungebundene örtliche Selbstverwaltung geschaffen worden ist; sie blieb dem Druck der örtlichen Kommunistenbosse ausgesetzt.” Wobei man freilich hinzufügen muß, daß ganz ohne die früheren, eingearbeiteten Strukturen vermutlich das Chaos noch ärgere Blüten getrieben hätte.

Im Wirtschaftsleben, so der den westlichen Kapitalismus ablehnende Autor, gäben in Rußland jetzt die „Geldmacher” den Ton an. Rußland würde nicht einmal Finanzhilfe vom Westen brauchen, aber es sei ungerecht, daß Rußland die Schulden des alten kommunistischen Systems bezahlen soll. Dies ist politisch natürlich nicht haltbar. Immerhin hatte Solschenizyn schon in seiner berühmten Harvard-Rede von 1978 dem Westen vorgeworfen, Rußland nie verstanden zu haben und dann selbstsicher, wie es seine Art ist, hinzugefügt: „Eure Gesellschaft könnte ich keineswegs als Leitbild für die Neugestaltung unseres Landes vorschlagen.” Denn im Westen habe die verantwortungslose Freiheit den allergrößten Raum erhalten.

Rußland braucht nach Meinung Solschenizyns eine Art moralischer Aufrüstung. „Die Bolschewiken haben unser Wesen zerstört, verbogen, ausgebrannt ... Wir müssen ein ethisches Rußland aufbauen.” Der geradezu missionarische Eifer Alexander Solschenizyns wurde und wird von manchen bewundert, von vielen mit Achtung aufgenommen, natürlich auch von nicht wenigen kritisiert - auch von Russen, die wie er als Dissidenten mutig gegen das kommunistische Regime aufgetreten sind. Er war ein Einzelkämpfer gegen den Kommunismus und ist entschlossen, auch jetzt seinen Weg allein zu geben, unbeirrbar überzeugt von der Richtigkeit seiner ethischen und politischen Vorstellungen. Im Westen stellt sich die Frage, wer willens und imstande sein könnte, die Erneuerung Rußlands in seinem Sinne zu betreiben - und nach welchem Leitbild dies, wenn die pluralistische westliche Demokratie abgelehnt wird, erfolgen soll.

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