„Wenn Elefant und Maus verhandeln, muss ein Löwe aufpassen“

Der Auschwitz-Überlebende Hajo Meyer fordert die EU auf, sich gegen Israels Palästinenserpolitik zu stellen. Der Boykott soll politisch wie wirtschaftlich sein, daneben aber auch Kultur und Wissenschaft einbeziehen.

In seinem Buch „Das Ende des Judentums – Der Verfall der israelischen Gesellschaft“ kritisiert Hajo Meyer Israels Politik gegenüber den Palästinensern auf das Schärfste. Denn er sieht damit seine „Lektion“, die er als Auschwitz-Überlebender gelernt hat, verraten: „Nie so werden wie die, die uns das angetan haben.“

Die Furche: Herr Meyer, Sie kritisieren seit langem Israels Politik gegenüber den Palästinensern. Jetzt gibt es darüber auch ein schweres Zerwürfnis zwischen den USA und Israel. Werden die Amerikaner einen Frieden erzwingen?

Meyer: Amerika ist dazu überhaupt nicht bereit. Die USA haben viel zu viele geopolitische Interessen im Nahen Osten. Da sind riesige wirtschaftliche und militärische Interessen dahinter. Noch dazu ist die Israel-Lobby in den USA so unglaublich mächtig, dass einem bange wird. Die einzige Hoffnung Israel zur Räson zu bringen, könnte Europa sein. Aber Deutschland bestimmt nicht. Früher war Österreich das einzige Land, das einen fairen Blick auf die Palästinenser und Israel hatte.

Die Furche: Bruno Kreisky.

Meyer: Und er hatte Recht! (Haut auf den Tisch.) Ich habe das damals noch nicht richtig einschätzen können. Ich wusste nicht, was ich an ihm hatte. Das war ein intelligenter Mann. Der hat das damals schon gesehen, wo das hinführt. Und er hat sich getraut, Israel scharf zu kritisieren.

Die Furche: Er war Jude. Damit konnte seine Kritik nicht leicht als Antisemitismus abgetan werden.

Meyer: In Leipzig, in der Schule von Hegel, haben mich Schüler gefragt: Sind Sie denn nicht bang, dass Sie den Neonazis Argumente liefern. Da habe ich geantwortet: Stimmt, aber wenn ich schweige, dann haben die Neonazis schon jetzt gewonnen. Ich muss sagen können, was ich empfinde. Den Applaus von der falschen Seite kann man nie verhindern.

Die Furche: Was macht Sie sicher, auf der richtigen Seite zu stehen?

Meyer: Das Judentum, wie es seit Moses Mendelsohn in Mitteleuropa entstanden ist, basiert auf zwei Sätzen: Levitikus 19 Vers 34: Den Fremdling, der unter euch wohnt, sollt ihr behandeln als einen, der unter euch geboren ist. Liebe deinen Nächsten, er ist wie du … Und die zweite Basis ist von Rabbi Hillel, der in einem Satz sagen sollte, was die ganze Thora enthält. Seine Antwort: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu.“ Darauf beruht das Reformjudentum. Diese mitmenschliche Ethik ist universal. Der Zionismus hingegen beruht auf völlig anderen Leitlinien. Auf dem Buch Joschua zum Beispiel. Das ist der Ursprung aller ethnischen Säuberungen: Gott wird böse, wenn sie noch ein Baby am Leben lassen. Israels Siedler berufen sich darauf.

Die Furche: Und werden von der Staatsmacht unterstützt.

Meyer: Das ist der Weg des Paranoikers. Da ist jeder von einer anderen Gruppe ein Feind. Um den ethischen Code im Volk wegzubekommen, braucht es Gehirnwäsche. In Israel findet die vom Kindergarten angefangen seit mehr als 60 Jahren statt. Das ist auch der Grund für das brutale Vorgehen der israelischen Soldaten im Westjordanland und im Gazastreifen. In den Schulbüchern werden die Palästinenser nicht einmal als Untermenschen angesehen.

Die Furche: Jetzt haben Sie eingangs gesagt, Sie setzen auf Europa. Was soll von hier kommen?

Meyer: Haben Sie schon einmal einen Elefanten und eine Maus am Verhandlungstisch gesehen. Das geht nicht. Da muss ein Löwe daneben sitzen und darauf achten, dass der Elefant die Maus anständig behandelt. Dieser Löwe muss Europa sein. Die EU kann politisch und vor allem wirtschaftlich Druck auf Israel ausüben. So wie jeder einzelne Bürger, jede Bürgerin. Das Beispiel Südafrika zeigt, welchen Erfolg ein Boykott haben kann. Dieser Boykott darf sich aber nicht nur auf israelische Produkte begrenzen. Dieser Boykott muss auch kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit einbeziehen. Und wichtig: Die europäischen Medien müssen endlich mit ihrer Selbstzensur aufhören.

* Das Gespräch führte Wolfgang Machreich

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