Abkaik Raffinerie - © Foto: APA / AFP / Planet Labs Inc./HO
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Wer kann das perfekte Attentat?

1945 1960 1980 2000 2020

Die Hintergründe des Anschlags auf die größte saudische Erdölraffinerie sind noch lange nicht geklärt. Ein Versuch, sich durch das Gewirr möglicher und unmöglicher Erklärungen zu tasten.

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Die Hintergründe des Anschlags auf die größte saudische Erdölraffinerie sind noch lange nicht geklärt. Ein Versuch, sich durch das Gewirr möglicher und unmöglicher Erklärungen zu tasten.

Das Spiel soll den Menschen bekanntlich auf den Ernst des Lebens vorbereiten. Für besonders Interessierte an den Feldern der Weltpolitik und den Ränkespielen der Geheimdienste und Regierungen empfiehlt sich da ein international bekanntes Spiel zur Vorbereitung auf höhere berufliche Weihen. Es trägt in England den Namen „Bullshit“ und heißt in deutschen Landen „Berliner Beschiss“. Dabei gewinnt jener Teilnehmer der Kartenrunde, der es am besten versteht, seine Mitspieler zu belügen.

Einen nicht unähnlichen Eindruck musste man in den vergangenen Tagen als Newskonsument gewinnen. Da ereigneten sich auf dem Gelände der größten saudischen Raffinerie in Abkaik heftige Explosionen, ausgelöst durch unbekannte Flugobjekte. Die Zerstörungen an der Aramco-Anlage legten fünf Prozent der globalen Ölversorgung lahm, ein Ausfall von 5,7 Millionen Fass Öl pro Tag. In der Folge kam es zu einem Reigen von heftigen Anschuldigungen und Gegenanschuldigungen, ausgetauscht zwischen Saudi-Arabien, dem Iran, den Huthi-Rebellen im Jemen und den USA. Alle vier sind in den jemenitischen Krieg verwickelt. Und alle vier gefielen sich in der Herausgabe von Teil- oder Unwahrheiten: 1. Gleich nach dem Attentat meldeten sich die Huthi-Rebellen zu Wort und bekannten sich zu dem Attentat. 2. Die USA und Verteidigungsminister Pompeo machten die iranische Führung für den Anschlag direkt verantwortlich. Ein anonymer Regierungsbeamter sprach sogar von einem Raketenangriff vom unmittelbaren Staatsgebiet des Iran aus. 3. Der Iran leugnet jede Rolle bei dem Attentat. 4. Die Saudis sagen, dass die verwendeten Waffen aus dem Iran stammen und nicht im Jemen abgefeuert worden sind.

Was ist also, wenn alle diese Angaben nicht stimmen? Im Hintergrundgespräch mit der FURCHE machte ein Militärexperte keinen Hehl daraus, dass „die Wahrheit vermutlich erst in Jahren ans Licht kommen wird“. Inzwischen ist man auf Spekulationen angewiesen: Was also könnte wirklich passiert sein in Abkaik, wenn die genannten Narrative nicht wahr sind?

Überschätzte Huthi

Zunächst: Was können die Huthi – und vor allem, was nicht? Dass sie Drohnen bedienen und zusammensetzen können ist seit Jahren bekannt, auch dass sie über Drohnen von über 800 Kilometer Reichweite verfügen. Allerdings sind die Rebellen nach Angaben des in London beheimateten Rüstungsnetzwerks Conflict Armament Research (CAR) (das unter anderem die Hochrüstung der Huthi beobachtet) nicht in der Lage, ein unbemanntes Flugobjekt auf dem technisch höchsten Stand zu produzieren. CAR nimmt an, dass der Iran die Huthi durch Waffenschmuggel über den Oman mit Teilen von Drohnen versorgt, die zur Aufklärung und für Angriffe verwendet werden.

Die Huthi scheinen aber nicht in der Lage, zusätzlich die detaillierte Aufklärung über das Ziel (Raffinerie) und die Präzision eines Angriffs herzustellen, in dem – wie hier – mehr als zehn Drohnen oder Fernlenkwaffen präzise die verwundbarsten Teile der Anlage treffen – aus einer Entfernung von über 1000 Kilometern. Der Anschlag sei „hochprofessionell“ durchgezogen worden, meint etwa der Raketenexperte Markus Schiller in der Welt.

Das Spiel soll den Menschen bekanntlich auf den Ernst des Lebens vorbereiten. Für besonders Interessierte an den Feldern der Weltpolitik und den Ränkespielen der Geheimdienste und Regierungen empfiehlt sich da ein international bekanntes Spiel zur Vorbereitung auf höhere berufliche Weihen. Es trägt in England den Namen „Bullshit“ und heißt in deutschen Landen „Berliner Beschiss“. Dabei gewinnt jener Teilnehmer der Kartenrunde, der es am besten versteht, seine Mitspieler zu belügen.

Einen nicht unähnlichen Eindruck musste man in den vergangenen Tagen als Newskonsument gewinnen. Da ereigneten sich auf dem Gelände der größten saudischen Raffinerie in Abkaik heftige Explosionen, ausgelöst durch unbekannte Flugobjekte. Die Zerstörungen an der Aramco-Anlage legten fünf Prozent der globalen Ölversorgung lahm, ein Ausfall von 5,7 Millionen Fass Öl pro Tag. In der Folge kam es zu einem Reigen von heftigen Anschuldigungen und Gegenanschuldigungen, ausgetauscht zwischen Saudi-Arabien, dem Iran, den Huthi-Rebellen im Jemen und den USA. Alle vier sind in den jemenitischen Krieg verwickelt. Und alle vier gefielen sich in der Herausgabe von Teil- oder Unwahrheiten: 1. Gleich nach dem Attentat meldeten sich die Huthi-Rebellen zu Wort und bekannten sich zu dem Attentat. 2. Die USA und Verteidigungsminister Pompeo machten die iranische Führung für den Anschlag direkt verantwortlich. Ein anonymer Regierungsbeamter sprach sogar von einem Raketenangriff vom unmittelbaren Staatsgebiet des Iran aus. 3. Der Iran leugnet jede Rolle bei dem Attentat. 4. Die Saudis sagen, dass die verwendeten Waffen aus dem Iran stammen und nicht im Jemen abgefeuert worden sind.

Was ist also, wenn alle diese Angaben nicht stimmen? Im Hintergrundgespräch mit der FURCHE machte ein Militärexperte keinen Hehl daraus, dass „die Wahrheit vermutlich erst in Jahren ans Licht kommen wird“. Inzwischen ist man auf Spekulationen angewiesen: Was also könnte wirklich passiert sein in Abkaik, wenn die genannten Narrative nicht wahr sind?

Überschätzte Huthi

Zunächst: Was können die Huthi – und vor allem, was nicht? Dass sie Drohnen bedienen und zusammensetzen können ist seit Jahren bekannt, auch dass sie über Drohnen von über 800 Kilometer Reichweite verfügen. Allerdings sind die Rebellen nach Angaben des in London beheimateten Rüstungsnetzwerks Conflict Armament Research (CAR) (das unter anderem die Hochrüstung der Huthi beobachtet) nicht in der Lage, ein unbemanntes Flugobjekt auf dem technisch höchsten Stand zu produzieren. CAR nimmt an, dass der Iran die Huthi durch Waffenschmuggel über den Oman mit Teilen von Drohnen versorgt, die zur Aufklärung und für Angriffe verwendet werden.

Die Huthi scheinen aber nicht in der Lage, zusätzlich die detaillierte Aufklärung über das Ziel (Raffinerie) und die Präzision eines Angriffs herzustellen, in dem – wie hier – mehr als zehn Drohnen oder Fernlenkwaffen präzise die verwundbarsten Teile der Anlage treffen – aus einer Entfernung von über 1000 Kilometern. Der Anschlag sei „hochprofessionell“ durchgezogen worden, meint etwa der Raketenexperte Markus Schiller in der Welt.

So seltsam es klingt: Für Saudi-Arabien hat das Versagen der Sicherheitsvorkehrungen in Abkaik auch positive Folgen.

Zweitens: Wieviel wusste die iranische Führung? Der Iran befand sich zum Zeitpunkt des Anschlags in Vorbereitung eines Treffens zwischen den Präsidenten Hassan Rohani und Donald Trump. Das Interesse der Führung in Teheran, dieses Treffen zu torpedieren, das vielleicht eine Milderung der US-Sanktionen gegen das Regime gebracht hätte, muss als gering bezeichnet werden. Dennoch gibt es Kräfte, die ein Interesse an der Eskalation des Konfliktes haben dürfen. Unter anderen Teile der Revolutionsgarden, die im Iran einen Staat im Staat bilden und jene Spezialeinsätze mit geheimdienstlicher Aufklärung durchführen können, wie er hier vorliegt.

Drittens: Selbst wenn es Kräfte gibt, die einen Anschlag planen, muss dieser noch lange nicht erfolgreich sein. Saudi-Arabien hat in den vergangenen Jahren eine ungeheure Aufrüstung hingelegt und auch in die modernsten Abwehrsysteme investiert. Es ist dazu ein kriegführendes Land, hat also genug Feinde um wachsam sein zu müssen. Vor allem, da der Anschlag vom Wochenende in einer Serie von kleineren gleichartigen Angriffen der Huthi-Rebellen steht.

Wo war die Verteidigung?

Die Frage ist also: Warum konnte dieser Angriff erfolgreich sein? Oder wie der ehemalige US-Diplomat Gary Grappo auf Sky meinte: „Die Saudis haben hier sehr viel zu erklären“.

Tatsächlich gibt es seltsame Koinzidenzen. Erst vor einer Woche hat der Kronprinz und mächtige Mann im Hause Saud, Prinz Mohammed bin-Salman, seinen Ölminister entlassen. Kahlid al-Falih, ein Mann mit großem Portfolio (Energie, Industrie, Bergbau), ist vor die Tür gesetzt worden, als Minister und damit als Chef von Aramco. Laut Financial Times hat er mit seiner Entlassung „den Preis für die gedämpften Ölpreise der vergangenen Monate bezahlt“. Gleichzeitig war der Intimfeind der Saudis, der Iran, gerade drauf und dran, sich den USA anzunähern und dadurch einen strategischen Vorteil gegenüber dem Königreich zu erhalten.

So seltsam es klingt: Für Saudi-Arabien hat das Versagen der Sicherheitsvorkehrungen in Abkaik auch positive Folgen. Der Ölpreis ist gestiegen, wie seit dem Ölschock nicht mehr, das Verständnis der Weltöffentlichkeit für die Anliegen der Huthi ist kaum noch existent und das Verhältnis der USA mit dem Iran hat sich extrem abgekühlt. Was ist nun die Wahrheit? Sie lautet so: Flugobjekte unbekannter Herkunft schlugen am Samstag in Abkaik ein.

Saudi Arabien - © Grafik: Rainer Messerklinger (Quelle: APA)
© Grafik: Rainer Messerklinger (Quelle: APA)
das Attentat

Ein weiter Weg für Drohnen

Die Satellitenbilder, welche der US-Dienst Digital Globe am Tag nach dem Attentat auf die Raffinerie Abkaik zur Verfügung stellte, zeigen an den jeweils gleichen Stellen an vier Tanks Einschusslöcher, die entweder durch sehr präzisen Drohnenbeschuss oder durch Raketeneinschläge entstanden sein müssen. Experten schließen die saudische These und die Behauptung der Huthi, Drohnen seien eingesetzt worden, eher aus. Auch die Erreichbarkeit mit Drohnen erscheint unter den bisher von den Huthi eingesetzten Flugkörpern sehr riskant. Wie weit es mit der Unterstützung durch saudische „Kreise“, wie die Huthi behaupten, her ist, scheint auch zweifelhaft. (tan)