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„ Wien ist keine Theaterstadt"

dieFurche: Wenn Politiker ein Amt antreten, gibt es oft eine Menge von Ankündigungen Wzs kündigen Sie an, wovon Sie ziemlich sicher sind, daß Sie nach einem Jahr eine Vollzugsmeldung erstatten können?

Peter Marroe: Ich will mich zunächst einmal auf zwei Dinge beschränken: Erstens die Vereinssituation. In der Vergangenheit wurden Kulturmanagement und Kulturverwaltung ausgelagert. Das ist auch gut so. Doch diese Präsidenten und im Statut aufgezählten Organe wurden so besetzt, wie es den Verhältnissen im Gemeinderat entspricht. Ich höre zu meiner Überraschung, daß es in den Vereinen Fraktionsbesprechungen wie bei einer Klubsitzung gibt. Das ist inakzeptabel. Das wird sich mit Sicherheit ändern, wenn Sie mich in einem Jahr wieder danach fragen.

Zweitens: der partnerschäftliche Gedanke zwischen Kultur und Wirtschaft. Wir leben in einer Zeit, wo die Budgets knapper werden. Noch können wir zwar mit Stolz auf Budgetvermehrungen hinweisen, doch man darf nicht damit rechnen, daß das so weitergeht. Daher ist es ganz wesentlich, daß hier eine vernünftige Partnerschaft entsteht - Gleichrangigkeit und nicht Bittstellertum, weil die Kultur der Wirtschaft mindestens so viel bringt wie umgekehrt.

Ich möchte aber noch etwas machen. Ich würde versuchen, daß die gestützen Stellen - Theater- oder Musikgruppen - Bilanz ziehen...

dieFurche: Künstlerische Qualität soll also an Publikumszahlen gemessen werden ...

Marboe: Das ist ein Killerargument, das nicht stimmt. Aber ich will nicht den Erfolg am-Nicht-Publikum messen. Man kann mir nicht einreden, es sei herrlich, am Publikum vorbei zu produzieren. Ich glaube nicht, daß jemand sagt: „Es ist eh alles wurscht, wir spielen das was wir für richtig halten, egal ob die Leute kommen oder nicht." Wenn man im Gespräch mit einem Begisseur, einem Drehbuchautor oder einem Schriftsteller etwas nachhakt, dann geben sie ja sehr bald zu, daß sie sich nach einem gefüllten Theater oder Kinosaal sehnen. In jedem Autor steckt der Wunsch, auch Erfolg zu haben.

Ich glaube nicht, daß der Erfolg der alleinige Gradmesser der Qualität sein darf, aber es darf auch nicht umgekehrt sein. Ich will erreichen, daß die Künstler nicht eine Art Erfolgs-phobie haben; daß es ein Nachweis der Inkompetenz wäre, wenn man Publikum hat, wenn man gehört und gesehen wird. In Amerika ist das alles überhaupt kein Problem.

dieFurche: Können sie ein Beispielfür ein Am-Publikum-vorbei Produzieren nennen?

Marboe: In Österreich werden um Millionenbeträge Filme produziert, die dann von 5.000 Leute gesehen werden. Der amerikanische Film „Bocky I" mit Sylvester Stallone hat 900.000 Dollar gekostet, und er hat Milliarden hereingespielt. Es ist keine Schande, Erfolg zu haben.

dieFurche: Wie wird sich die Messung des Erfolges gestalten?

Marboe: Ich schaue mir ein Theater oder ein Orchester über einen gewissen Zeitraum an und setze mich dann mit der grundsätzlichen Einstellung zum Publikum auseinander. Wenn die fatal ist, wenn über einen Zeitraum von Jahren bewußt oder unbewußt am Publikum vorbeiproduziert wird, dann entspricht das einfach nicht dem kulturpolitischen Anliegen einer Stadt. Eine Stadt lebt nicht nur von ihren Künstlern, sondern von ihrem Publikum. Das eine ohne das andere ist nicht denkbar.

dieFurche: Haben Sie schon ein paar Institutionen unter diesem Aspekt beobachtet?

Marroe: Nein, ich war ja nicht Kulturstadtrat, ich war einfacher Konsument. Jetzt habe ich andere Maßstäbe anzulegen. Aber ich sage von vornherein: Es haben alle dieselben Chancen, es haben alle dieselben Verpflichtungen mit dem Steuergeld auch so umzugehen, daß man es aus der politischen Verantwortung heraus rechtfertigen kann. Das gilt auch für das WUK oder die Arena {zwei Zentren junger, alternativer Kultur in Wien, Anm d Red).

dieFurche: Wznn es der Sparkurs erfordern sollte, das Budget zu kürzen, müßten dann aus Ihrer Sieht eher die großen Träger der Hochkultur oder die vielen kleinen Kulturinitiativen Haare lassen?

Marroe: Ich halte es für ganz schlecht, diese Bereiche immer wieder gegeneinander auszuspielen. Ich werde das Gute in beiden Bereichen unterstützen und das weniger Gute in beiden Bereichen versuchen einzuschränken. Die individuelle Beurteilung von Kunst durch einen Politiker halte ich für Unfug. Aber ob das Publikum kommt, wie die Medien und die internationale Kritik reagieren -da gibt es nachvollziehbare Kriterien.

dieFurche: Sie haben immer wieder „weniger Politik in der Kunst" gefordert Aber gehört es nicht zum Wesen des Künstlers, politisch zu sein?

Marboe: Erinnern Sie sich an das Theaterstück „Heldenplatz", wo Politiker als Lügner oder Vorstadtpopanze bezeichnet wurden? Man hat sehr bald verstanden, daß Thomas Bernhard diese Dinge nicht als Politiker ausspricht, sondern mit dem künstlerischen Stilmittel der Übertreibung arbeitet - und da gelten die Spielregeln der Freiheit der Kunst. Problematisch wird der Künstler, wenn er in seinem politischen Engagement die Grenzen der Kunst überschreitet und sich dann auf seine Freiheit als Künstler beruft - siehe Peter Handkes „Gerechtigkeit für Serbien". Vaclav Havel hingegen hat gesagt: Ich bin jetzt Politiker, ich möchte nach politischen Maßstäben gemessen werden und nicht mehr nach denen des Dichters.

dieFurche: Es heißt immer wieder, die wahre Kulturpolitik in Wien macht der Präsident der Wiener Festwochen Wie hoch ist denn das Kulturbudget der Stadt und wie viel trägt es zu den Festwochen bei?

Marroe: Das Gerede von einem Par-allel-Kulturstadtrat ist Unsinn. Von der Stadt kommen rund 140 bis 150 Millionen Schilling direkt oder indirekt der Abwicklung der Wiener Festwochen zugute. Mein Kulturbudget beträgt insgesamt genau 1,959.268 Milliarden Schilling. Das ist genug, um die Kulturpolitik in dieser Stadt zu steuern.

dieFurche: Bei uns laufen Musicals vor ausverkauften Häusern und sind trotzdem defizitär. Läuft da nicht etwasfalsch?

Marroe: Ganz richtig, Die Strukturen sind einfach ganz anders als in den USA. Außerdem muß nicht ein Musical, daß am Broadway Erfolg hat, auch bei uns erfolgreich sein.

dieFurche: Was haben Sie vor, um die Situation des Musicals in Osterreich zu verbessern?

Marroe: Ich würde mir zwei Dinge wünschen: Erstens muß es eine intelligente Balance zwischen importierten und österreichischen, exportierbaren Musicals geben. Man kann sehr viel Geld hereinholen, wenn man selbst der Lizenzgeber ist. Warum soll nicht einmal ein Musical, das in Wien entstanden ist, in zehn Jahren am Broadway laufen. Bisher war es immer umgekehrt. Zweitens: Ein Broadway-Hit entsteht ja nicht von heute auf morgen, im Vorfeld wird sehr viel experimentiert. Eine Produktion läuft auf mehreren kleinen Bühnen, bis sie schließlich auf den Broadway kommt. Ich würde mich freuen, wenn es das auch in Wien gäbe. Auch muß man überlegen ob man die Kapazitäten richtig ausschöpft. Wir wissen, daß nur fünf Prozent der Wienerinnen und Wiener mehr als dreimal im Jahr ins Theater gehen. Da kann man doch nicht von einer Theaterstadt sprechen! 95 Prozent gehen überhaupt nicht oder weniger als dreimal ins Theater. Das ist ein unglaubliches Beservoir, um das man sich bemühen muß.

Das Gespräch führten

1leiner Boberski und Michael

Kraßnitzer.

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