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Wir müssen unseren Lebensstil ändern

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Stoffe für Konflikte auf dieser Welt gibt es in unübersehbarer Fülle. Einige der gefährlichsten von ihnen wären dadurch zu entschärfen, daß sich die Industrienationen ernsthaft an den Umbau ihres Wirtschaftssytems machen.

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Stoffe für Konflikte auf dieser Welt gibt es in unübersehbarer Fülle. Einige der gefährlichsten von ihnen wären dadurch zu entschärfen, daß sich die Industrienationen ernsthaft an den Umbau ihres Wirtschaftssytems machen.

Betrachtet man die „ökologischen Zeichen” der Zeit, die von der geplanten Sprengung der Shell-Bohrinsel über die Ankündigung des französischen Präsidenten zu weiteren Atomtests bis zur heimischen „Lösung” des Ozon-Problems durch das Sommerbenzin reichen, so besteht für Optimismus kein Grund. Die Doppelzüngigkeit ist zu einem Wesenselement der Umweltpolitik der reichen Nationen geworden Doch wir alle wissen nicht erst seit Karl May, daß das Reden mit gespaltener Zunge gerade bei der Urbevölkerung eines Landes reichlich Stoff für Konflikte abgibt. Das gilt hierzulande ebenso wie für den Nord-Süd-Kon-flikt.

Am Beispiel des ominösen Sommerbenzins läßt sich das gut zeigen: Anstatt zuzugeben, daß der Transitvertrag ein Flop war und sich schleunigst sinnvolle Maßnahmen der Verkehrseindämmung einfallen zu lassen, tut der neue Umwelt-Minister so, als könnte mit dieser minimalen technischen Verbesserung eine maximale Verbesserung der Umweltsituation erreicht werden. Nichts gegen das Sommerbenzin; es kann ein winziger Mosaikstein im Bild der die Umwelt weniger belastenden technischen Neuerungen sein.

Jedoch mit echter Umweltpolitik, die sich etwa über eine Strategie zur Beduzierung und Vermeidung von Verkehr in Zeiten von Handelsabkommen wie dem GA1T und der daraus resultierenden Umweltprobleme zu beschäftigen hätte, hat das gar nichts zu tun. Diese Art von moderner Umweltpolitik tut alles, um die wahren Probleme zu verschleiern und den Menschen dafür biologisch abbaubaren Sand in die Augen zu streuen. Die Tiroler aber merken schon, daß auch dieser Sand in den Augen brennt und wehren sich - noch relativ friedlich.

Die Strategie unseres neuen Umwelt-Ministers mit beim Sommerbenzin ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Begierungen der Industrienationen bei den UN-Konferenzen für Umwelt und Entwicklung in Rio (1992) und Rerlin (1995) gegenüber der Dritten Welt agierten. Der Satz George Bushs bei der Konferenz in Bio, wonach der Lebensstil der USA nicht zur Diskussion stünde, bezeichnet haarscharf das Problem und verhindert dessen Lösung. Denn die USA haben in den letzten 50 Jahren mehr fossile Brennstoffe und Mineralien verbraucht, als die gesamte übrige Menschheit seit Beginn ihrer Geschichte.

Das nicht ändern zu wollen, ist in etwa so, wie wenn Ihr Nachbar an jedem Wochende, wo Sie sich ein wenig ausrasten möchten, Parties feiert, dabei überlaut Musik spielt, Feuerwerke abbrennt und so Ihr Gemüsebeet mit leeren Hülsen übersät, seine Gäste Ihre Rosenstöcke plündern und Ihr Gartentor verparken und auf Ihre Proteste hin entschuldigend sagt, daß er halt gar so gastfreundlich ist und Sie ja einmal auf ein Vierterl Wein vorbeikommen können, die Parties aber natürlich weitergehen wie bisher. Es versteht sich von selbst, daß dies ebenso für den europäischen Lebensstil gilt.

Die Doppelzüngigkeit der reichen Nationen besteht nun vor allem darin, daß sie zwar vorgeben, den Umweltschutz groß auf ihre Fahnen zu heften, tatsächlich aber nur so „grün” handeln, als es ihr Konzept der „nachhaltigen Entwicklung” nicht gefährdet.

Dieses Konzept ist mit dem Wirtschaftssystem der freien Marktwirtschaft nicht nur konform, sondern nahezu ident, weil es das Prinzip des Wachstums auch auf den Umweltschutz als eines auf Entwicklung hin angelegten Wirtschaftszweiges anwendet. Das ist bereits in dem Bericht der Brundtland-Kommission von 1987, aus dem der Begriff der nachhaltigen Entwicklung stammt, angelegt, wenn es darin heißt: „Technologische und soziale Organisationen lassen sich managen und optimieren, um eine neue Ära des Wirtschaftswachstums einzuleiten”.

Aus Sicht der armen Länder und der Natur kann dies nur als gefährliche Drohung verstanden werden. So faßt der aus Uganda stammende Hochschullehrer Yash Tandon seinen Beitrag zum Sammelband „Der Planet als Patient” über die Situation Afrikas mit den Worten zusammen: „Die sogenannten Wohltaten dieses Systems haben bislang zwei Drittel der Menschheit noch nicht erreicht ... ökologisch hat das System fast seinen Tiefpunkt erreicht.”

Die reichen Staaten machen dafür in erster Linie die Bevölkerungsexplosion verantwortlich, weil sie nicht zur Kenntnis nehmen wollen, daß der von ihnen durch die Kolonisation verursachte Zerfall des sozialen Zusammenhalts und der wirtschaftlichen Stabilität (wenn auch auf niedrigem Niveau) die Basis für die Notwendigkeit großer Familien und ethnischer Konflikte geschaffen haben.

Deutschland etwa, das „Umweltmusterland”, verweist gerne auf die Fülle an Maßnahmen, die es bereits für Umweltschutz ergriffen und wieviel Geld es dafür schon ausgegeben hat und verschweigt dabei schamhaft, daß es damit seine eigene Wirtschaft in Schwung hält und sich dabei der Abstand der führenden Nationen zu den von ihnen sogenannten „unterentwickelten” in den achtziger Jahren nicht nur nicht verringert, sondern vergrößert hat.

Tariq Banuri, der zum Forscherteam des Instituts für wirtschaftliche Entwicklung in Helsinki gehört, erstaunt deshalb die Argumentation des Nordens, weil sie völlig verschleiert, daß nach wie vor „die Umweltkrise fast ausschließlich durch den exzessiven und schädlichen Konsum des Nordens verursacht” wird.

Ebenso doppelzüngig beklagt gerade Deutschland den Krieg in Bosnien, ist aber laut jüngstem Jahresbericht des Internationalen Friedensfor-schungs-Instituts nach den USA und vor Großbritannien und Frankreich an die zweite Stelle der weltgrößten Waffenexporteure aufgestiegen. Auch der Krieg ist eben ein gutes Geschäft.

Ein dauerhaft erträglicher Zustand der Umwelt auf dieser Erde erscheint Banuri deshalb nur durch „eine Änderung des Konsumverhaltens, insbesondere eine Minderung des globalen Verbrauchs von Energie, Mineralien und Biomasse” erreichbar. Das heißt, ohne Änderung des Lebensstiles der Industrienationen wird eine Umweltkrise und die damit verbundenen nationalen und internationalen Konflikte kaum abzuwenden sein.

Denn der Stoff, aus dem künftige Alpträume sind, ist die Scheinmoral des Nordens, der den Menschen im Süden für einen eventuellen Schuldennachlaß oder einer Kreditgewährung hohe Opfer abverlangt, selbst aber nicht bereit ist, seinen Lebensstandard auch nur in Frage stellen zu lassen, geschweige denn zu ändern.

Dabei wäre es höchst an der Zeit, die Prämisse, unter die im Westen alles gestellt wird, zu überdenken. Oder, wie der Professor für Umweltge-schichte an der Univeristät von Kansas, Donald Worster, es formuliert: Wir müssen „andere Wertmaßstäbe als die der Wirtschaftlichkeit an die erste Stelle unserer Bestrebungen setzen: den Wert der natürlichen Schönheit, den Wert des respektvollen Empfindens angesichts dessen, was nicht wir geschaffen haben, und vor allem die Wertschätzung des I^ebens selbst.”

Was daher zur Konfliktvermeidung unbedingt not täte, wäre, die unserem Wirtschaftssystem zugrundeliegenden Ideen aufzugeben, daß wir

erstens die Natur durch Arbeit unterwerfen und bezwingen müssen und zweitens, daß der ständige Wettkampf jeder gegen jeden ein „gesunder Wettbewerb” ist. Dazu ist es nötig eine Demokratisierung der internationalen Institutionen wie UNO, Weltbank oder Währungsfonds einzuleiten, weil die dort gefaßten Beschlüsse weitreichende und nicht selten schädliche Konsequenzen für die Menschen in der Dritten Welt haben.

Die in Indien lebende Physikerin Vandana Shiva drückt das in ihrem Beitrag so aus: „Die Wurzel der ökologischen Krise auf institutioneller Ebene ist die Entfremdung lokaler Gemeinschaften von ihren Rechten, an den Entscheidungen über Umweltprobleme aktiv teilzunehmen.

Um den ökologischen Zerfall aufzuhalten, müssen die lokalen Rechte gestärkt werden.” Ein Programm zur Änderung des westlichen Lebensstiles wäre zweifellos nicht populär, weil es schmerzliche Einschnitte beinhalten müßte, aber es wäre ein das einzig erfolgversprechende Antikriegspro-gramm zur Zukunftssicherung der Menschheit.

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