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"Wir verschenken nicht, WIR KOOPERIEREN"

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Womit in Armut lebenden Menschen am meisten geholfen ist, erklärt Robert Zeiner, internationaler Projektleiter der österreichischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit (ADA).

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Womit in Armut lebenden Menschen am meisten geholfen ist, erklärt Robert Zeiner, internationaler Projektleiter der österreichischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit (ADA).

Welche Ziele hat die interntionale Entwicklungszusammenarbeit bislang erreicht? Was hat man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und welche neuen Herausforderungen gilt es zu bewältigen?

DIE FURCHE: Unter welchen Bedingungen ist Entwicklungszusammenarbeit nachhaltig? Robert Zeiner: Ganz wichtig ist es, die lokalen Voraussetzungen zu berücksichtigen, etwa Regierungssysteme, Ressourcen, gesellschaftliches und kulturelles Umfeld. Wir orientieren uns an den Bedürfnissen unserer Partner vor Ort. Als Rahmen dienen da etwa der nationale Entwicklungsplan des jeweiligen Landes oder auch von Regionen oder Gemeinden. Wir wollen die Partner in ihrem Management entlasten, anstatt sie mit administrativen Herausforderungen zu strapazieren. Zudem bemühen wir uns im Verband mit anderen Gebern -der EU oder anderen Ländern - um gemeinsame Vorgangsweisen. Einzellösungen oder technologisch übergestülpte Lösungen funktionieren nicht. Eine Schule wo hinzustellen, ohne das lokale Bildungssystem zu berücksichtigen und die Finanzierung der Lehrer zu gewährleisten, macht keinen Sinn.

DIE FURCHE: Das Milleniums-Ziel, bis 2015 den Anteil der Weltbevölkerung zu halbieren, der in absoluter Armut lebt, wurde erreicht. War das Ziel zu niedrig gesteckt?

Zeiner: Das kann man im Nachhinein immer sagen. Aber seit 2000 konnte die Anzahl der Armen, die mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen müssen, von 1,9 Milliarden Menschen auf 1,2 Milliarden reduziert werden. In den Entwicklungsländern konnten wir diese Zahl sogar mehr als halbieren. Doch mittlerweile leben drei Viertel der armen Weltbevölkerung in den "middleincome"-Ländern wie China oder Indien. Die große Herausforderung wird es sein, dort eine bessere Verteilung zu erreichen.

DIE FURCHE: Paradoxer Weise sind Schwellenländer wie China gleichzeitig als Geber in der Entwicklungszusammenarbeit aktiv.

Zeiner: Mittlerweile investieren neue Länder wie China, Brasilien, Indien, Südkorea, Südafrika oder Mexiko in ärmere Länder. China etwa investiert viel in Afrika, sicher auch wegen des Interesses an den dortigen Ressourcen, obwohl China laut OECD-Kriterien selbst noch als Entwicklungsland gilt.

DIE FURCHE: Die Standards für Menschenrechte oder Umweltschutz sind in Ländern wie China ja nicht gerade zufriedenstellend. Zeiner: Diese Schwellenländer stellen sich zunehmend diesen Grundsatz-Debatten oder werden zumindest herausgefordert. Das sehe ich als große Chance. Es ist eine Gratwanderung, einerseits Prinzipien nicht aufzugeben und trotzdem zu schauen, wie bleiben diese neuen Akteure bei der Stange. DIE FURCHE: Kritiker meinen, das Fundraising in Europa zementiere das Bild von Afrika als "Katastrophenkontinent", den Menschen als bloßen Hilfsempfängern.

Zeiner: Wir verschenken ja kein Geld, wir kooperieren. Die verschiedensten Beteiligten müssen von vornherein eingebunden sein -zivilgesellschaftliche Organisationen, Unternehmen etc. In Katastrophen-und Krisenfällen wie jetzt bei der Ebola oder im Irak geht es natürlich auch um sofortige Hilfe. Bei der langfristigen Entwicklungszusammenarbeit hingegen geht es um ein partnerschaftliches Miteinander auf Augenhöhe.

DIE FURCHE: Der Begriff "Entwicklungshilfe" ist bereits retro und wurde abgelöst durch "globale Partnerschaft für Entwicklung". Was kann man sich darunter vorstellen?

Zeiner: Es geht um die Eigenverantwortlichkeit der Partner. Dazu unterstützen wir den Aufbau von Kapazitäten vor Ort -und nutzen dann diese Kapazitäten auch für die weitere Zusammenarbeit. Etwa beim Wasserprogramm in Uganda, bei dem die ADA mit Knowhow und Mitteln die Errichtung der Infrastruktur, der Verwaltung, den Betrieb und die Instandhaltung fördert. Inzwischen haben so über eine Million Menschen mehr in Uganda Zugang zu sauberem Trinkwasser. Wenn etwa Wasserpumpen kaputt gehen, werden die Leute in Uganda diese selbstständig ersetzen können.

DIE FURCHE: Hilfe zur Selbsthilfe ist zwar schon ein älteres Stichwort, aber ist Bildung ein Schlüsselsektor der Entwicklungshilfe? Zeiner: Ja. Österreich fördert dabei nicht den Grundschulbereich, sondern vor allem die Berufsbildung und die tertiäre Bildung. Es gibt Hochschulkooperationen zwischen österreichischen, lateinamerikanischen, asiatischen und afrikanischen Universitäten. DIE FURCHE: Welche Rolle spielt neuerdings die Privatwirtschaft in der Entwicklungszusammenarbeit?

Zeiner: Sie wird zunehmend als wichtiger Teil nachhaltiger Entwicklung anerkannt. Wir fördern Wirtschaftsentwicklung in den Partnerländern und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Aktivitäten. Am Balkan etwa haben wir unterstützt, dass Agrarproduzenten ihre Produkte zertifizieren lassen können. Das ermöglicht ihnen, sich am europäischen Markt stärker positionieren zu können.

DIE FURCHE: Werden diese Wirtschaftskooperationen wichtiger, weil das EZA-Budget für 2015 um ein Viertel gekürzt wurde?

Zeiner: Das betrifft Österreich. Global gesehen sind im Vorjahr höhere Summen von Zuschüssen zirkuliert als je zuvor. Einige EU-Länder haben sich trotz Wirtschaftskrise bemüht, das 0,7-Prozent BIP-Ziel zu erreichen.

DIE FURCHE: Nach welchen Prioritäten werden die Entwicklungsziele gesetzt? Zeiner: Die obersten Ziele lauten Armutsbekämpfung, Umweltschutz und Friedenssicherung. Geschlechtergerechtigkeit ist ein wichtiges Querschnitts-Thema, das bei jedem Projekt eine Rolle spielt. Unsere Schwerpunkte sind Wasser und Siedlungshygiene, nachhaltige Energie, Landwirtschaft und Bildung.

DIE FURCHE: In Hungerregionen werden teils riesige Monokulturen angelegt und die kleinteilige Landwirtschaft zerstört. Der Globalisierungskritiker Jean Ziegler spricht von "neoliberaler Gewalt" und sieht die Gefahr, dass nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit zum Auslaufmodell wird.

Zeiner: Wir unterstützen solche Modelle nicht, sondern nur eine nachhaltige Landund Forstwirtschaft. In den Partnerländern, in denen wir zusammenarbeiten, sehe ich diesen Trend nicht.

DIE FURCHE: Die ADA wickelt jährlich 500 Projekte ab. Dennoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Zeiner: Das ist uns bewusst. Die globale Entwicklungszusammenarbeit kann allenfalls eine Katalysatorwirkung haben. Viele Entwicklungen gäbe es aber ohne EZA nicht, etwa die Debatte um verantwortungsvolle Unternehmensführung oder Fairtrade.

DIE FURCHE: Eigentliches Ziel der Entwicklungshilfe wäre es ja, sich selbst überflüssig zu machen. Wird das je geschehen?

Zeiner: Dieses Ziel sollte man im Auge behalten, auch wenn wir es angesichts des globalen Bedarfs nicht so schnell erreichen werden. Zur Armut kommen neue Probleme wie Klimawandel, Sicherheit oder Wirtschaftskrisen hinzu. Und die Weltbevölkerung hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt.

DIE FURCHE: 2030 soll es niemanden mehr geben, der mit weniger als 1,25 Dollar täglich auskommen muss. Ein realistisches Ziel?

Zeiner: Ich schließe das nicht aus, obwohl der Zielkatalog umfangreicher geworden ist. Ein neues Ziel ist etwa der Zugang zu nachhaltiger Energie für alle, weil sich gezeigt hat, dass das ein wichtiges Kriterium zur Armutsbekämpfung ist. Wenn man abends in seiner Hütte sitzt und kein Licht hat, ist das keine gute Voraussetzung, um zu lernen oder ein Produkt herzustellen, um es am nächsten Tag verkaufen zu können. In Bhutan haben wir dazu beigetragen, dass die Menschen im ganzen Land bis zur letzten Ortschaft auf über 5000 Meter Seehöhe Strom haben. Solche Erfolge motivieren.

Helfen, aber richtig!

Die UNO hat den 5. September zum internationalen Tag der Wohltätigkeit erklärt. Um Menschen in anderen Erdteilen zu helfen, braucht es interkulturelle Kompetenz. Hierzulande helfen sich Gleichgesinnte in Nachbarschaftszentren. Über das Spendenverhalten der Österreicher und schließlich eine kritische Annäherung an die Hilfsaktivitäten Mutter Teresas.

Redaktion: Sylvia Einöder, Otto Friedrich

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