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"Wir wollen einen Libanon wie vor dem Krieg“

Latife Abdel Aziz leitet ein multireligiöses Zentrum in der Nähe von Beirut. Das "Haus des Friedens“ ist für Einheimische wie für interessierte ausländische Besucher zu einer wichtigen Anlaufstation geworden. Das Gespräch führte Ralf Leonhard

Der Libanon ist das Land unterschiedlichster Religionen und Konfessionen. Aber nur wenige Initiativen beschäftigen sich in der Zeit eines wieder aufkeimenden Bürgerkrieges mit dem Miteinander von Schiiten, Sunniten, Drusen, Maroniten, orthodoxen oder griechisch-katholischen Christen. Eine davon ist das Begegnungszentrum Dar Assalam (Haus des Friedens) Latife. Abdel Aziz ist die Leiterin dieser Einrichtung. Die Furche: Sie leiten das Begegnungszentrum Dar Assalam. Wofür steht dieses Haus?

Latife Abdel Aziz: Dar Assalam ist eine interkulturelle Brücke, ein Versöhnungsort, wo die Leute einander begegnen und miteinander diskutieren können. Wir wollen das Land und seine Geschichte in all seinen Facetten zeigen. Wir möchten dem Besucher nicht ein geschöntes Bild bieten, sondern es in all seinen Gegensätzen veranschaulichen: vom Müll am Strand bis zur schönsten Zeder im Gebirge. Der Libanon, der ja einst als Schweiz des Orients galt, hat sich durch den Bürgerkrieg sehr verändert. Der Wiederaufbau des Landes seit 1991 hat vieles an Infrastruktur und Architektur wiederhergestellt. In den Köpfen hat dieser Neubeginn nicht immer stattgefunden. Leider gibt es auch im Libanon inmitten der politischen Gegensätze zwischen den arabischen Staaten, Iran, Israel, den Ansprüchen der USA und ihrer Verbündeten beziehungsweise Russlands auch Fundamentalisten, die von den genannten Ländern instrumentalisiert werden. Wir wollen aber auch den Kontakt zwischen Jugendlichen fördern, zwischen Einheimischen und Ausländern. Dar Assalam ist ein Haus für alle Konfessionen. Wir wollen so einen kleinen Libanon bauen, in dem die Gemeinschaft aller Libanesen über den Differenzen steht.

Die Furche: Viele der Gruppen, die hierher kommen, werden über die Kirchen organisiert. Hat Dar Kontakte zu allen religiösen Gruppen?

LA: Dar Assalam hat Kontakte zu allen Gruppierungen im Land: zu Christen und Muslimen, auch zu den palästinensischen Flüchtlingen im Lande und zu verschiedenen politischen Parteien sowie verschiedenen sozialen Projekten. Wir selbst begreifen uns als überkonfessionell und politisch unabhängig. Wir wollen unseren Gästen ein breites Spektrum zeigen, damit sie sich ein eigenes Urteil bilden können. Die meisten Besucher haben schon etwas über den Libanon gelesen. Wir wollen ihr Wissen ergänzen oder ihren Horizont erweitern.

Die Furche: Was hat Sie persönlich hierher gebracht?

Abdel Aziz: Ich habe im Libanon Physik studiert und längere Zeit als Assistentin an der Universität gearbeitet bis ich als private Dozentin an Gymnasien wechselte. Dennoch hatte ich keine Ahnung, was eigentlich in meinem Land passiert. Nur um ein Beispiel zu nennen: Meine Universität war nur einen Kilometer vom palästinensischen Flüchtlingslager Chatila entfern. Und dennoch hatte ich keine Ahnung von den Lebensumständen der dort lebenden Flüchtlinge. Erst durch dieses Haus und die Studienreisen, die von hier ausgehen, habe ich den Libanon richtig kennengelernt. Als ich zum ersten Mal im Dar Assalam war und von seiner Arbeit erfuhr, war ich sofort Feuer und Flamme für dieses Projekt und wollte mich gern einbringen. Ich weiß noch genau, mein erster "Einsatz“ bestand darin, bei einem Stromausfall die Kerzen zu verteilen. Dann habe ich mich entschlossen, Deutsch zu lernen, damit ich auch in direkten Kontakt mit den Gästen aus deutschsprachigen Ländern treten konnte.

Die Furche: Ist es nicht eines der großen Probleme des Libanon, dass alle Gruppen und Konfessionen nur ihre eigene Realität kennen?

Abdel Aziz: Sicher, während des Bürgerkriegs waren die Bezirke fast isoliert voneinander. Durch die Medien wurde der Hass, den Parteien und Milizen schürten, noch angeheizt. Auch hier gab es die sogenannten "ethnischen Säuberungen“. Aus den meisten von Christen und Muslimen gemischt bewohnten Vierteln und Ortschaften wurden rein muslimische bzw. rein christliche Quartiere. Ich bin Muslima und besuchte vor dem Krieg eine Klosterschule, was durchaus üblich war, wir waren immer mit Christen befreundet, mein Bruder zum Beispiel hat immer gemeinsam mit einem Freund die Glocken geläutet. Im Bürgerkrieg wurde man fast notgedrungen zum Parteigänger der eigenen Konfession. Diese Form der parteilichen Denkweise existiert heute leider immer noch in den Köpfen vieler Libanesen.

Die Furche: Was kann man wirksam dagegen tun?

Abdel Aziz: Ich bin überzeugt, dass der Libanon durch all die hier lebenden Konfessionen bereichert wird. Wir müssen eine friedliche Koexistenz erreichen, damit der Libanon steht. Gerade die Vielfältigkeit von Religionen und Parteien zeichnet unser Land aus. Dieses Haus hat mir das eröffnet und ich hoffe, dass wir mit unserer Arbeit einen Beitrag zum Aufbau des gegenseitigen Verständnisses und Respekts leisten können.

Die Furche: Warum spricht man schon wieder über einen drohenden Bürgerkrieg?

Abdel Aziz: Es gab nach dem Abkommen von Taif 1989, das das Ende des Krieg einläutete, keine kritische Auseinandersetzung mit dem Denken, das zum Bürgerkrieg führte. Alle militärischen und politischen Führer, die damals als Vertreter der verschiedenen Kriegesparteien daran teilnahmen, regieren das Land weiter. Sie führen heute einen Krieg mit anderen Waffen. So sind heute die Islamisten mit schwarzen oder weißen Turbanen, die vom Iran oder Saudi-Arabien instrumentalisiert werden, auf dem Vormarsch. Sie spielen auf dem Instrument des Glaubens. Das ist bei den Libanesen wie bei vielen Entwicklungsländern der schwächste Punkt, mit dem man die Menschen gegeneinander aufbringt, bei Christen wie bei Muslimen. Ich bin der Überzeugung, dass der Glaube eine private Beziehung zwischen dem Menschen und Gott ist. Ich kann beten, egal ob ich meine Hände auf den Bauch lege oder sonst wohin. Leider wollen die Libanesen das bisher nicht verstehen.

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