Wo Judenhass salonfähig ist

Der Antisemitismus gehört in Ungarn zum Alltag. Die christlich-jüdische Zusammenarbeit ist zu schwach, um dem nachhaltig entgegenzutreten.

"Das Judentum machte sich überall breit, trat in führende Stellen, beherrschte das Schrifttum und die Kultur, eroberte die Presse, gab dort den Ton an.“ Das schrieb der katholische Bischof von Székesfehérvár, Ottokar Prohászka, 1929 über "Die Judenfrage in Ungarn“. Dasselbe kann man heute öffentlich von Lóránt Heged˝us hören, Pfarrer der reformierten Kirche und spiritueller Begleiter der rechtsextremen Jobbik-Partei. Nicht öffentlich ist solches bis in etablierte - auch katholische -Kreise zu vernehmen, als selbstverständlich vertretene These, die keiner Begründung bedarf. Ende November machte sich eine Delegation des Internationalen Rats der Christen und Juden ICCJ unter der Leitung von ICCJ-Vizepräsident Rabbiner Ehud Bandel auf die Spuren des Antisemitismus in Ungarn. Bandels Resümee: "Anders als neue Formen des Antisemitismus im Westen, der gegen Israel gerichtet ist, bietet der ungarische Antisemitismus nichts Neues: Es ist der abscheuliche alte Antisemitismus, der die wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise benutzt, um Juden dafür verantwortlich zu machen.“ Peter Feldmajer, Präsident des Verbands jüdischer Glaubensgemeinschaften in Ungarn (Mazsihisz) wies darauf hin: Nicht fanatisierte Massen schürten den Antisemitismus. Es seien gebildete "Ehrenmänner“ und Junge im Umfeld von Jobbik und deren Medien.

Im April 2012 traten Kardinal Peter Erd˝o, der reformierte Bischof Gusztáv Bölcskei sowie der lutherische Bischof Péter Gáncs mit einer gemeinsamen Erklärung an die Öffentlichkeit. Ein Jobbik-Abgeordneter hatte im Parlament eine Ritualmordlegende als historisch bezeichnet. In der Stellungnahme der Kirchen hieß es: "Der christliche Glaube und die christliche Liebe zum Mitmenschen lässt sich unter keinen Umständen mit Antisemitismus und Schüren von Hass gegen religiöse Gemeinschaften und Volksgruppen vereinbaren.“ Als der betagte Rabbiner József Schweitzer im Juni Opfer einer antisemitischen Attacke wurde, verurteilten alle Kirchenoberhäupter und Premier Viktor Orbán den Angriff.

"Die Regierung flirtet mit dem Antisemitismus“

Am 26. November forderte ein weiterer Jobbik-Abgeordneter, alle jüdischen Abgeordneten im Parlament und in der Regierung zu erfassen. Als Staatsbürger Israels seien sie ein "Risiko für die nationale Sicherheit“. Die ICCJ-Delegation traf die Spitzen des Verbands jüdischer Glaubensgemeinschaften in Ungarn (Mazsihisz). Dort fielen deutliche Worte über Jobbik als "Nazi-Partei“ und die dringende Bitte, sich bei der ungarischen Regierung für eine klare Abgrenzung von dieser Art Politik einzusetzen. Vorsichtiger war Weihbischof János Székely, in der katholischen Bischofskonferenz für die christlich-jüdische Zusammenarbeit zuständig Man solle nicht jede Ausfälligkeit kommentieren; die grundlegende Richtung der Kirchenleitungen sei eindeutig. Wohl nicht alle Gläubigen folgen diesen Festlegungen der Oberhirten, wohl nicht einmal alle Amtsträger und Lehrende in den kirchlichen Ausbildungsstätten.

Leib, Leben und Besitz von jüdischen Menschen sind in Ungarn heute nicht bedroht. Sehr wohl jedoch Sinti und Roma. Antisemitisches ist von den Kirchenleitungen nicht zu hören. Doch die Kirchen fördern die national-konservative Politik Viktor Orbáns. Und die ist ohne die dunkle Seite des Antisemitismus nicht zu haben. Reformrabbiner Ferenc Raj sagte es so: "Die Regierung ist nicht antisemitisch, aber sie flirtet damit.“

* Der Autor ist Geschäftsführer d. Koordinierungsausschusses für christl.-jüd. Zusammenarbeit

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