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Wort der Kritik bleibt stecken

Der Protest gegen den Kroa-tenfeldzug drängt sich rasch und leicht auf unsere Lippen: Warum wieder Krieg, wieder Leid, Tausende Flüchtlinge, Verwundete, Tote, neuer Haß und neuer Racheschwur? Kann es auch nur einen einzigen, einen winzigen Grund geben, das alles zu rechtfertigen? Aber dann bleibt einem dieser Protest irgendwie zwischen Herz und Hirn auf Lippen und schreibenden Händen stecken. Drei Jahre haben die Kroaten darauf gewartet, daß die internationale Staatengemeinschaft ihnen zu Hilfe kommt, dem Eroberer das'besetzte Land wieder entreißt, die Bedrohung kroatischer Städte durch serbische Artillerie und Raketenstellungen beseitigt, die Tausenden vertriebenen

Kroaten wieder in ihre Heimat zurückkehren läßt. Alles vergeblich. Und jetzt stellen sich jene, die drei Jahre lang geredet und sonst fast nichts unternommen haben, im flotten Sporthemd vor die Kamera und spielen die Entrüsteten? Was soll da wen ankotzen? Im ehemaligen Jugoslawien dauert der grausame Konflikt jetzt schon so lange, daß viele schon zu vergessen scheinen, daß es am Anfang einen klaren Aggressor und klare Opfer gab. Inzwischen haben sich die Fronten verwischt, und die Grenzlinien zwischen Tugend und Sünde, die immer mitten durchs Herz von Menschen und nie zwischen Gruppen, Völkern oder Armeen verläuft, sind in Blut zerronnen. Haben wir nicht dennoch alle im stillen gehofft, daß irgendeine militärische Tat Klarheit schafft und endlich ein Fundament für politische Ordnungsgespräche liefert?

Wenn es stimmt, daß die Serbenführer derzeit nur diese Sprache verstehen, dann könnte sie die jüngste Blitzoffensive Kroatiens vielleicht doch zur Vernunft und zu echten Verhandlungen an den Tisch bringen. Vieles deutet ja darauf hin, daß sich Kroatiens Staatspräsident Franjo Tudj-man mit dem serbischen Staatspräsidenten Slobodan Milosevic im geheimen längst darüber verständigt hat: Die Krajina soll zurück an Kroatien gehen, die ostbosnischen Enklaven (bisher UNO-„Schutzzonen”) sollen an die bosnischen Serben fallen. Ein gerechtes Geschäft? Nein, sicher nicht, denn es geht auf

Kosten der Schwächsten, also der Bosnier. Aber auch hier gilt: Offenbar sind derzeit nur mit solchen Tauschhändeln Voraussetzungen für politische Lösungen erreichbar. Konkret hieße dies: „Ethnische Säuberungen” werden in gewissen Gebieten endgültig sanktioniert. Das würde aber nichts daran ändern, daß noch immer nicht und de facto nie völkisch „reine” Gegenden möglich wären. Wo immer künftige Grenzen verlaufen, werden die Staaten Minderheiten auf ihrem Gebiet haben und ihnen Überlebensrechte zugestehen müssen. Auch die Kroaten den verbliebenen Krajina-Serben. Hätten sie solche schon vor vier Jahren angeboten, hätten die Serben keinen Kriegsvorwand gehabt. Aber die Tugendgrenze ...

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