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Worte werden zu Fronten

Huntington behauptet nicht, seine These würde alles und jedes erklären; sie entwirft ein idealtypisch vereinfachtes Bild, das, wie er zugibt, manches unterschlägt, anderes verdunkelt, aber doch wirklichkeitsgerechter sein soll als jeder andere Versuch, die Realität zu begreifen - sei es Francis Fukuyamas Behauptung, der globale Sieg der liberalen Demokratie bringe das „Ende der Geschichte“, oder die Idee irgend einer neuen Bipolarität (etwa zwischen Norden und Süden).

Er will auch nicht glauben machen, daß mit der Kultur und der Religion geistige und geistliche Kräfte die allein entscheidenden wären.

Sein Geschichtsbild ist nämlich gar nicht idealistisch oder spiritualistisch; es folgt dem Schema von Aufstieg, Blüte und Niedergang, wie es schon Oswald Spengler im „Untergang des Abendlandes“ entworfen hat und von anderen Autoren wie Toynbee, Fernand Braudel oder Carrol Quigley modifiziert wurde. In der Frühzeit einer Kultur sind die Menschen „kraftvoll, dynamisch, gemein, brutal, mobil und expansionistisch“; dann kommt es zur Stabilisierung, wenn innere Konflikte eingedämmt oder konstruktiv umfunktioniert und äußere Bedrohungen abgewehrt werden, wozu eine leistungsfähige politische, militärische, wirtschaftliche Organisation nötig ist, die die Früchte des Kämpfens und Wirkens produktiv einsetzt.

Normalerweise kommt es dann zu einer friedens- und wohlstandsförderlichen Großreichsbildung - aber das verführt zum Verzicht auf Askese, zum Verlust der produktiven Dynamik, zu einer Kultur der Bequemlichkeit und Annehmlichkeit - und zum Niedergang infolge inneren Verfalls oder der Niederlage gegen eine jüngere und stärkere Kultur (siehe zum Beispiel S. 496 ff.). Allerdings können Kulturen auch die Kraft zur Erneuerung haben und können dann dem quasi-biologischen. Entwicklungsschema entrinnen (das hatte schon Toynbee gegen Spengler geltend gemacht).

Im übrigen folge die Kultur „fast immer der Macht“ (S. 136), und Huntington wäre kein amerikanischer Politikwissenschaftler, würde er nicht die in jedem Einführungslehrbuch zur Internationalen Politik angeführten Machtfaktoren und Machtressourcen zur Sprache bringen: Territorialer Besitzstand und Bevölkerungsstärke (wobei heutzutage starkes Bevölkerungswachstum auch zum Problem werden kann), Bildungsniveau und wirtschaftliche Ausstattung (vor allem die industrielle), Effizienz und Effektivität des politisch-administrativen Systems, militärische Potentiale (bis zum Atomwaffenbesitz) und so fort. Nur wer sich auf Grund seiner Macht Respekt verschaffen kann, wirkt kulturell attraktiv.

Mit einem namhaften Fachkollegen, Joseph Nye Jr., unterscheidet Huntington „harte“ und „sanfte“ Macht; die erste zwingt andere zur Erfüllung unseres Willens, die zweite bewirkt, daß die anderen sich unseren Willen aneignen, weil sie unsere Denk- und Wertungsweisen übernehmen - und das ist sozusagen die kulturelle Macht; diese funktioniert freilich nur, sofern sie „auf einem Fundament von harter Macht ruht“ (S. 137), weil nur so das Überlegenheitsbewußtsein die anderen beeindruckt.

Die „Kulturen“ müssen daher auch Macht verwalten und ihre Kräfte vereinigen können - entweder in einem Großreich (wie früher, siehe zum Beispiel das ägyptische, das römische, das altchinesische Beispiel) mithilfe eines Hegemonialsystems unter der Führung eines Kernstaates. Wo das nicht gelingt und noch nicht gelungen ist, wie in der heutigen islamischen Zivilisation, führt die Rivalität zwischen den in Frage kommenden Staaten zur Instabilität des betreffenden Kulturraums - und das kann auch für die Außenstehenden bedrohliche Folgen haben (S. 285).

Die Krise des Westens

Die Neuzeit stand im Zeichen einer weltpolitischen Dominanz des Westens; zuletzt war sie durch den Ost-West-Gegensatz in Frage gestellt, aber die „Wende“ von 1990 hat das geändert: der Kalte Krieg ist vorüber, der Westen hat ihn gewonnen, und nun sei, wie man euphorisch meinte, das Zeitalter der Menschenrechte, der Demokratie und der friedlichen Zusammenarbeit der Völker und Staaten angebrochen: Zum erstenmal seit ihrer Gründung ist die UNO nicht durch das Veto eines östlichen Staates gelähmt, natürlich gibt es noch Übergangskrisen, aber sie würden gemeistert werden.

Genau das bestreitet Huntington massiv. Überall regen sich Gegenkräfte gegen die Verwestlichung; die nichtwestlichen Weltregionen erinnern sich an ihre eigenen ganz anderen Kulturtraditionen, die nichtchristlichen Religionen blühen auf und entwickeln ein offensives Selbstbewußtsein.

Vor allem aber geht die relative Macht des Westens nach Maßgabe fast aller Kriterien zurück, und zwar schon seit Jahrzehnten. Schon Paul Kennedy hatte in seinem „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ 1987 betont, die * „internationale Gemeinschaft“ sei politisch und kulturell viel unterschiedlicher, als man in Washington bisher angenommen hat, und der Niedergang der USA würde „im Moment noch überdeckt von den enormen militärischen Kapazitäten des Landes und auch dadurch, daß es ihm gelungen ist, den amerikanischen Kapitalismus und die amerikanische Kultur zu internationalisieren“ (S. 785).

Aber seither hat sich die Rewußt-seinslage weltweit geändert, die Macht wird massiver in den Dienst gegensätzlicher Ideen gestellt; die liberale Vorstellung, wirtschaftliche Verflechtung könne den Frieden sichern, erweist sich als illusionär (nie war die Handelsverflechtung der mächtigeren Staaten größer als vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges). Die Hoffnung auf vertrauensvolle kulturübergreifende Partnerschaften sei trügerisch, allenfalls kühle Beziehungen seien zu erwarten, oft auch feindselige (S. 351).

In globaler Perspektive, auf der „Makro-Ebene“, seien die Beziehungen zwischen dem Westen und allen anderen Kernstaaten und Machtkoalitionen am heikelsten, weil der Westen noch immer seine Ordnungsprinzipien weltweit durchsetzen wolle: seine westliche Freiheitsi- “““ dee, die Menschenrechte, die pluralistische Demokratie; das alles wird als Ausdruck eines westlichen Imperialismus gedeutet. Zwischen der, islamischen und der westlichen Welt habe ein „Quasi-Krieg“ bereits begonnen (S. 346 ff.); das Günstigste, was man von der Zukunft erwarten könne, sei ein „kalter Friede“ (S. 188). Überhaupt wäre die islamische Zivilisation von besonders „blutigen Grenzen“ umgeben; nicht nur dort, wo sie es mit „westlichen“ Nachbarn zu tun hat, kommt es am häufigsten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Auch anderwärts seien die Nahtstellen zwischen verschiedenen Kulturen - mögen sie entlang von Staatsgrenzen oder durch das Gebiet eines Staates verlaufen - besonders konfliktgefährdet, und erst recht multikulturell besiedelte Bäume. Gerade solche Konflikte bergen die größte Eskalationsgefahr in sich.

Ostasien ist, Huntington zufolge, eine besonders konfliktgefährdete Region: dort treffen sechs Kulturkreise mit ganz gegensätzlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen aufeinander: vier „Kernstaaten“ seien in die Dynamik einbezogen, Chinesen hätten schon heute die Region weitgehend unter ihren Einfluß gebracht; Chinas wachsende Stärke würde unweigerlich das derzeitige Kräfteverhältnis durcheinanderbringen; am ehesten sei Stabilität noch zu erwarten, wenn die Führungsrolle Reijings anerkannt würde.

Indien wird wohl - um ein Gegengewicht zu China zu bilden - gute Re-ziehungen zu Rußland erstreben. Vor schwierigen Entscheidungen wird Japan stehen (soll es mit den USA verbündet bleiben, oder, was wahrscheinlicher ist, sich auf China hin orientieren?), noch mehr aber Rußland: soll es mit den USA versuchen, eine musli-misch-sinische Koalition auszubalancieren - oder sich zusammen mit China gegen den Westen stellen? Auch die Türkei und Mexiko stehen vor Weggabelungen (S. 226 ff, S. 235 ff).

Die Welt von morgen wird also ein labiles System bilden, besonders geprägt vom westlich-islamischen und vom westlich-chinesischen Gegensatz (S. 294). Zwar spricht Huntington von einerneuen, polyzentri-schen „Weltord-nung“ (sieh obiges Schema), und beiläufig beruft er sich auch auf Henry Kissinger, der schon vor Jahren ein Rild vom künftigen Sechsmächtesystem entworfen hat (S. 21); aber der Hinweis ist mißverständlich: Kissinger beschwor seinerzeit die Wiederherstellung des europäischen Großmächtesystems nach dem Ende der Bipolarität zwischen Napoleon und seinen Gegnern; dies war die Restauration einer „Staatenfamilie“, deren maßgebliche Mitglieder ein „Konzert der Mächte“ als gemeinsame Hegemonie einer „Heiligen Allianz“ begründeten, geprägt von gemeinsamen Ideen und Rechtsvorstellungen. Genau davon kann aber, nach Huntington, im Weltsystem von morgen keine Rede sein: Es fehlt an Verständnis und Vertrauen, kulturübergreifende Solidarität (der Mächtigen oder auch der Machtlosen) ist eine Chimäre.

Eben deshalb steht ein „Zusammenprall der Kulturen“ in Aussicht und vielleicht nicht nur einer.

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