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Nervosität an der Nordsee: weil sich die Situation von Transitmigranten in Frankreich verschärft, verlagert sich das Geschehen.

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Nervosität an der Nordsee: weil sich die Situation von Transitmigranten in Frankreich verschärft, verlagert sich das Geschehen.

Wie klein so ein Grab aussieht, wenn es nicht eingefasst ist und keinen Grabstein hat. Wenn da nur ein aufgeworfener Sandhaufen ist mit einigen Blumen. Der Tote liegt hier schon seit dem Herbst. Die Blumen kamen Mitte Juni, als seine Identität bekannt wurde und die Geschichte, die dahinter steckt. Ende Oktober, als er am Strand von De Koog auf der Nordseeinsel Texel angeschwemmt wurde, nannte man ihn "der Wetsuit-Mann", wegen des Neoprenanzugs, den er trug. Auffällig dünn für die Jahreszeit war der Anzug, trotzdem ging man von einem Taucher aus. Bis ein Journalist recherchierte, dass der Wetsuit-Mann Mouaz Al Balkhi hieß, ein 22-jähriger Syrer. Den Anzug hatte er Anfang Oktober in Calais gekauft.

Dort, wo der Ärmelkanal nur 33 Kilometer misst, brach Mouaz Al Balkhi zur letzten Etappe seiner Flucht auf. "Ich kann England sehen", smste er einem Onkel auf der anderen Seite. Wenig später stieg er in die Nordsee. Dass er schwimmend die englische Küste zu erreichen versuchte, gilt niederländischen Medien und Behörden als sicher - auch wenn eine Schwester des Toten das bestreitet: Mouaz hätte davon gesprochen, vom Meer aus eine Fähre oder ein anderes Boot zu erreichen. Beide Varianten lassen einen erschaudern, während Bienen um die Blumen auf dem Grab brummen und Vögel in den Bäumen trillern. Von Den Burg, dem Hauptdorf auf Texel, gibt es nun eine direkte Verbindung zu den Dramen von Calais.

Hoek van Holland - das neue Calais?

Es ist nicht der einzige Ort an der niederländischen Küste, auf den das zutrifft. Etwa 150 Kilometer südlich, in der Nähe von Rotterdam, liegt der Hafen Hoek van Holland. Anfang Juni findet der britische Zoll in Harwich, dem Zielhafen der Fähren aus Hoek, 68 Migranten aus Afghanistan, China, Vietnam und Russland. Zur gleichen Zeit wird bekannt, dass auf dieser Strecke in diesem Jahr schon 160 Flüchtlinge festgenommen wurden - genauso viele wie im gesamten letzten Jahr. Offenbar weichen sie auf andere Routen aus, weil die Lage in Calais immer dramatischer wird, wo über 2000 Menschen auf eine Chance warten, unerkannt nach England zu gelangen. Der Mythos leicht zugänglicher Arbeit und weniger Kontrollen ist für Generationen von Transitmigranten am Kanal der Stoff, aus dem ihre letzte Hoffnung ist.

In Den Haag verkündet die Regierung umgehend, "Hot Spots" wie Häfen und Bahnhöfe strenger zu kontrollieren. Die Medien überbieten sich in Spekulationen, ob Hoek van Holland nun "das neue Calais" wird. Klaas Dijkhoff, der Staatssekretär für Justiz und Sicherheit, besucht die Grenzschützer in Hoek van Holland und spricht ein Machtwort: auf keinen Fall werde es Zustände wie in Calais geben. Vor dem Zaun des Fracht-Terminals steht er und sagt, man würde vielleicht schon bald mit dem britischen Immigration Service vor Ort kooperieren. Einen Tag später werden hinter dem Zaun drei Albaner aus einem LKW gezogen.

Die Zeichen der Zeit erschließen sich schnell in Hoek van Holland. Ein Blick auf den Zaun, vor dem der Staatssekretär stand, genügt: zwei Meter, darüber drei dünne Standardreihen Stacheldraht. Dieser Ort gehört bislang auf der Landkarte der klandestinen Migration zur Peripherie. Die Reaktion der Verkäuferin am Ticket-Schalter zeigt, dass man eine baldige Änderung dieses Status befürchtet: absolut nichts dürfe sie sagen zum Thema, beharrt sie. Nervosität an der Nordsee. Was man auch daran sieht, dass ein Sprecher der Reederei Stena Line nur anonym Auskunft geben will: es gab immer mal wieder Migranten an Bord, aber dies hier, sagt er, ist ein anderes Kaliber. Den Vergleich mit Calais aber lehnt er ab: zwar seien schon Menschen über den Zaun geklettert und gleich festgehalten worden, doch in der Regel stiegen die Flüchtlinge vorher in die Container.

Der Wasserbett-Effekt

Am Ende des Zauns liegt der Eingang zum LKW-Terminal. Sander Egging, ein niederländischer Fahrer, kommt gerade aus der Eincheck-Baracke. Während er die Frachtaufkleber auf seinen Wagen klebt, erzählt er, dass in Calais ein 18 Kilometer langer Parcours angelegt würde. Die Fahrer müssten dann nicht mehr anhalten und der Stop-and-go-Verkehr vor dem Hafen, der Flüchtlingen eine Möglichkeit zum Verstecken biete, verschwände. Dann zeigt er seinen verplombten Container: "Nichts zu machen!" Dabei wäre Sander Egging eigentlich eine gute Partie. Nicht weil er entsprechende Ambitionen hätte, sondern weil niederländische oder deutsche Fahrer öfters durchgewunken würden als Kollegen aus Bulgarien oder Polen. "Die Migranten neulich wurden auch bei osteuropäischen Fahrern gefunden".

Vom Deich aus lässt sich die Einfahrt der LKWs beobachten. Zwar verstellen hohe Bäume den Blick auf das, was bei der überdachten Kontroll-Station genau geschieht, doch fahren auffällig viele Trucks dort zügig vorbei und schnurstracks auf die Fähre. Ein Anruf bei Alfred Ellwangen, dem Sprecher der Grenzpolizei, verschafft Gewissheit: "Wir kontrollieren jetzt mehr, basierend auf Informationen, die wir von staatlichen Behörden bekommen, oder vom Zoll. Aber wir haben keine 100%-Quote." In Hoek, betont er, würden nun auch spezial ausgebildete Hunde eingesetzt, um in der Fracht versteckte Flüchtlinge zu finden. In Calais dagegen sind Hunde und CO2-Scanner seit Jahren flächendeckend Standard.

Dass Transitmigranten sich andere Routen suchen, wenn die Situation in Nordfrankreich zu heikel wird, ist noch nichts Besonderes. Experten nennen das einen Wasserbett-Effekt. Neu ist aber, dass dieser sich über 300 Kilometer bis in die Niederlande auswirkt. Vor dem Bankrott der Reederei Trans Europa Ferries war das belgische Ostende eine Ausfallbasis. Später übernahm das benachbarte Zeebrugge diese Funktion. Im August 2014 wurden im Hafen von Tilbury 35 Afghanen in einem Container aus Zeebrügge gefunden. Einer von ihnen starb auf der Überfahrt. Zwei Überlebende traten im Juni vor einem britischen Gericht als Zeugen gegen vier vermeintliche Schlepper auf. Nachdem sie vergeblich versucht hätten, in Calais und Dunkerque auf einen LKW zu gelangen, hätte ihr Mittelsmann sie ins belgische Städtchen Lokeren bestellt, wo ein Kleinbus sie abgeholt und wenig später in den Container geladen hätte.

Strengere Kontrollen

In Zeebrügge ist schon die Orientierung für Ortsunkundige eine Herausforderung. Ein riesiges Areal, wo überall Kräne ihre Arme in den Himmel strecken und hinter jeder Kurve Verladeterminals liegen. Anders als in Calais, wo noch LKWs mit Plane aufs Schiff fahren, gibt es nur Container. "Hier ist es gar nicht möglich, an Bord zu kommen", sagt Laurence Matei, ein rumänischer LKW-Fahrer, der sich mit einigen Kollegen am Rand des Hafens auf dem Parkplatz hinter einer Tankstelle die Zeit vertreibt. Die Kontrollen, sagen sie, seien zuletzt sehr streng geworden: "Erst kommt ein Mann mit einem großen Scanner, dann einer mit einem kleinen, zum Schluss ein Polizist mit einem Hund. Sie untersuchen jede Ladung."

Der Wasserbett-Effekt wirkt also auch so: je mehr und schärfer in Häfen kontrolliert wird, desto weiter verlagert sich das Geschehen ins Landesinnere. Laurence Matei sagt, neulich habe ihm auf einem LKW-Parkplatz in Luxemburg jemand Geld angeboten, wenn er ein paar Passagiere in seiner Fracht verstecke. Der Parkplatz liege strategisch zwischen Frankreich und Deutschland auf dem Weg nach Belgien. Matei lehnte ab. Doch er weiß auch: "Wir verdienen 1900 Euro im Monat. Es gibt Fahrer aus der Ukraine, die nur 800 bekommen."

Jenseits der offensichtlichen Routen spielt sich ein erheblicher Teil der neuen Transitmigration im Verborgenen ab. Da ist zum Beispiel die Geschichte von fünf Syrern und zwei Iranern, die Ende Juni von einem LKW-Fahrer entdeckt wurden, als er seine Ladung löschen wollte -in einem kleinen Städtchen im Osten der Niederlande, weitab von jeder Fähre. Offenbar hatten die Männer einen Transport in die falsche Richtung erwischt. Der LKW hatte ein irisches Kennzeichen.

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