Umbau am Westbalkan - Neue Straßen in Gjirokastra stehen symbolisch für den Umbau und Neubau der Staaten am Westbalkan. Ziel ist der EU-Beitritt. Hindernisse sind zu wenig Rechtsstaatlichkeit und zu viel ­Korruption. - © Foto: Wolfgang Machreich
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Zur EU-Baustelle am Westbalkan

1945 1960 1980 2000 2020

Vier Staaten, über 2400 Kilometer, viele Gespräche, unzählige Eindrücke – die FURCHE-Leserreise in den nahen, fremden Westbalkan machte diese weiße Landkarte um viele Farben bunter.

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Vier Staaten, über 2400 Kilometer, viele Gespräche, unzählige Eindrücke – die FURCHE-Leserreise in den nahen, fremden Westbalkan machte diese weiße Landkarte um viele Farben bunter.

In Gjirokastra passte der Ton zum Bild: Die „Stadt der tausend Stufen“ empfing uns mit dem Singsang des Steineklopfens. Das Granitpflaster in dieser mit dem UNESCO-Welterbe-Siegel geadelten Stadt im Süden Albaniens wurde neu verlegt. Man sperrte einige Durchfahrten, Umwege waren nötig, Gepäck musste zum Hotel getragen statt gefahren werden …

Damit beschreiben Bild und Ton in Gjirokastra gleichzeitig sehr gut die Situation in ganz Albanien und ­darüber hinaus in den Staaten des Westbalkans. Denn wollte man die FURCHE-Leserreise im September zusammenfassen, dann ist der treffendste Begriff: Baustellenbesuch. Oder wie es der Vizepremier des Kosovo, Enver Hoxhaj, im Gespräch mit der Gruppe im Regierungsgebäude in Priština für sein Land beschrieb: „State Building, also Staatsaufbau, ist andernorts ein theoretisches Thema in politikwissenschaftlichen Seminaren, bei uns ist das tägliche Praxis, wir bauen unseren Staat neu auf.“ Kosovo, Mazedonien, Albanien und Montenegro, alle vier Länder auf der über 2400 Kilometer zählenden FURCHE-Reiseroute befinden sich in diesem Staatsbildungsprozess; sie starteten zwar an unterschiedlichen Ausgangspunkten, sind aber mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert und haben das gleiche Ziel: den EU-Beitritt.

In Gjirokastra passte das Bild nicht nur zur Gegenwart, sondern es bot auch einen Blick in die Vergangenheit: Rundgang durch das Geburtshaus von Albaniens Langzeit-Diktator Enver Hoxha, das heute ein ethnographisches Museum ist. Nur zwei Fotos verweisen auf den berüchtigten einstigen Bewohner dieses Hauses – dass ausgerechnet im Raum, in dem Hoxha geboren wurde, beim Besuch die Lampen ausfielen, wurde von Reiseteilnehmern treffend als Zeichen für die Dunkelheit gedeutet, die er bis zu seinem Tod 1985 und noch Jahre darüber hinaus über Land und Leute seines „europäischen Nordkoreas“ gebracht hatte.

Die Straße zum Geburtshaus heißt „Rruga Ismail Kadare“, benannt nach dem berühmtesten albanischen Schriftsteller, der seiner Heimatstadt mit dem Roman „Chronik in Stein“ ein literarisches Denkmal setzte: „Es war dies eine steile Stadt“, heißt es darin, „vielleicht die steilste auf der ganzen Welt; alle Gesetze der Architektur und des Städtebaus waren von ihr über den Haufen geworfen worden. (…) Es war dies­ wirklich eine sehr seltsame Stadt. Vieles war schwer zu glauben und vieles war wie im Traum.“

Kosovos schwere „Staatsgeburt“

Steil war schon die Fahrt nach Gjirokastra, vom mazedonischen Ohridsee kommend, die Bergstraßen hinauf und hinunter, vorbei an den zerbröselnden Mini-Bunkern aus der Zeit der Diktatur, die über das Land verteilt wie Eierschalen am Boden an eine schlüpfende Neugeburt denken ließen. „Newborn“ heißt auch das kosovarische Unabhängigkeitsdenkmal in der Hauptstadt Priština, bei dem die Gruppe nach dem Treffen mit dem Vizepremier­ vorbei schaute. Sieben drei Meter hohe Großbuchstaben aus vier Millimeter dicken Metallplatten bilden auf 24 Metern Länge das englische Wort für „Neugeborenes“. Am 17. Februar 2008, am Tag der Unabhängigkeitserklärung von Serbien, wurde das Monument auf dem Platz vor dem Jugend-, Kultur- und Sportpalast mit den Unterschriften von mehr als 150.000 Kosovarinnen und Kosovaren eingeweiht.

In Gjirokastra passte der Ton zum Bild: Die „Stadt der tausend Stufen“ empfing uns mit dem Singsang des Steineklopfens. Das Granitpflaster in dieser mit dem UNESCO-Welterbe-Siegel geadelten Stadt im Süden Albaniens wurde neu verlegt. Man sperrte einige Durchfahrten, Umwege waren nötig, Gepäck musste zum Hotel getragen statt gefahren werden …

Damit beschreiben Bild und Ton in Gjirokastra gleichzeitig sehr gut die Situation in ganz Albanien und ­darüber hinaus in den Staaten des Westbalkans. Denn wollte man die FURCHE-Leserreise im September zusammenfassen, dann ist der treffendste Begriff: Baustellenbesuch. Oder wie es der Vizepremier des Kosovo, Enver Hoxhaj, im Gespräch mit der Gruppe im Regierungsgebäude in Priština für sein Land beschrieb: „State Building, also Staatsaufbau, ist andernorts ein theoretisches Thema in politikwissenschaftlichen Seminaren, bei uns ist das tägliche Praxis, wir bauen unseren Staat neu auf.“ Kosovo, Mazedonien, Albanien und Montenegro, alle vier Länder auf der über 2400 Kilometer zählenden FURCHE-Reiseroute befinden sich in diesem Staatsbildungsprozess; sie starteten zwar an unterschiedlichen Ausgangspunkten, sind aber mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert und haben das gleiche Ziel: den EU-Beitritt.

In Gjirokastra passte das Bild nicht nur zur Gegenwart, sondern es bot auch einen Blick in die Vergangenheit: Rundgang durch das Geburtshaus von Albaniens Langzeit-Diktator Enver Hoxha, das heute ein ethnographisches Museum ist. Nur zwei Fotos verweisen auf den berüchtigten einstigen Bewohner dieses Hauses – dass ausgerechnet im Raum, in dem Hoxha geboren wurde, beim Besuch die Lampen ausfielen, wurde von Reiseteilnehmern treffend als Zeichen für die Dunkelheit gedeutet, die er bis zu seinem Tod 1985 und noch Jahre darüber hinaus über Land und Leute seines „europäischen Nordkoreas“ gebracht hatte.

Die Straße zum Geburtshaus heißt „Rruga Ismail Kadare“, benannt nach dem berühmtesten albanischen Schriftsteller, der seiner Heimatstadt mit dem Roman „Chronik in Stein“ ein literarisches Denkmal setzte: „Es war dies eine steile Stadt“, heißt es darin, „vielleicht die steilste auf der ganzen Welt; alle Gesetze der Architektur und des Städtebaus waren von ihr über den Haufen geworfen worden. (…) Es war dies­ wirklich eine sehr seltsame Stadt. Vieles war schwer zu glauben und vieles war wie im Traum.“

Kosovos schwere „Staatsgeburt“

Steil war schon die Fahrt nach Gjirokastra, vom mazedonischen Ohridsee kommend, die Bergstraßen hinauf und hinunter, vorbei an den zerbröselnden Mini-Bunkern aus der Zeit der Diktatur, die über das Land verteilt wie Eierschalen am Boden an eine schlüpfende Neugeburt denken ließen. „Newborn“ heißt auch das kosovarische Unabhängigkeitsdenkmal in der Hauptstadt Priština, bei dem die Gruppe nach dem Treffen mit dem Vizepremier­ vorbei schaute. Sieben drei Meter hohe Großbuchstaben aus vier Millimeter dicken Metallplatten bilden auf 24 Metern Länge das englische Wort für „Neugeborenes“. Am 17. Februar 2008, am Tag der Unabhängigkeitserklärung von Serbien, wurde das Monument auf dem Platz vor dem Jugend-, Kultur- und Sportpalast mit den Unterschriften von mehr als 150.000 Kosovarinnen und Kosovaren eingeweiht.

Man muss sein Land sehr lieben, wenn man unter den geschilderten Umständen seine Heimat nicht verlässt.

Mit eiserner Miene schaut seither ein Bild des von serbischen Einheiten im Unabhängigkeitskampf getöteten kosovarischen Helden Adem Jashari von der Fassade des Sportpalasts auf die Szenerie. Genauso fros­tig-eingefroren verläuft in den gut zehn Jahren seither der von der EU moderierte Dialogprozess zwischen Serbien und Kosovo. Nicht umsonst wiegt der Newborn-Schriftzug neun Tonnen und ist damit ein passendes Symbol für die schwere Geburt des jüngsten Staates Europas. Zum Leidwesen vor allem der Jugend des Landes, wie die Präsidentin der Österreichisch-Kosovarischen Gesellschaft, Remzie Shahini-Hoxhaj, bei einem Treffen betonte. Kosovo ist das letzte Land am Westbalkan ohne EU-Visafreiheit. Shahini-Hoxhaj, im Hauptberuf Universitätsdozentin, erzählte von einer Studentin, die aus diesem Grund ihren Stipendienplatz an einer Universität in Schweden nicht annehmen konnte. Ein Beispiel von vielen, das die Frustration und das Gefühl des Eingesperrt-Seins wachsen lässt. Ihre dringendste Aufforderung an die EU-Mitgliedsstaaten lautet daher: Baldige Umsetzung der Visa-Liberalisierung, damit Kosovo nicht länger das „schwarze Loch“ am Westbalkan bleibt.

Die Wahlen vom vergangenen Sonntag mit dem Sieg der Opposition werden sicherlich innen- als auch außen- und europapolitisch eine Zeitenwende im Kosovo einläuten. Der Name der Wahlsieger-Partei „Vetevendosje“ bedeutet „Selbstbestimmung“ und ist das Programm dieser in der Vergangenheit auch vor gewalttätigem Protest nicht zurückschreckenden Bewegung. Damit ist für neuen Schwung auf der Kosovo-Baustelle gesorgt, ob dieser zu tragfähigen Neubauten oder dem Abriss des bisher mühevoll Erreichten genutzt wird, hängt vom politischen Willen und Können der Baumeister, Herren wie Damen, in Priština, Belgrad und Brüssel ab.

„Regionalchampion“ Skopje

Das politische Vorbild für die gesamte Region ist mit dem „Abkommen von Prespa“ das alte Land mit neuem Namen Nordmazedonien geworden. Während unserer mazedonischen Reiseführerin Victoria die dabei gemachten Zugeständnisse an die griechische Seite viel zu weit gingen, sie weder mit dem neuen Namen noch dem Rückbau von nationalistischen Heldenbezeugungen an Alexander den Großen, seinen Vater, seine Mutter usw. einverstanden ist, überschlägt man sich seitens der EU mit Wertschätzung für dieses „historische Ereignis“. Am 17. September, die FURCHE-Gruppe war gerade am Weg nach Skopje, erklärte EU-Ratspräsident Donald Tusk bei seinem Besuch dort, dass sich Nordmazedonien durch die erzielten Vereinbarungen mit Bulgarien und Griechenland und der damit einhergehenden politischen Reife zum „Champion in der Region“ etabliert hat. Seine Forderung lautet daher: Noch in diesem Monat soll der Beginn von EU-Beitrittsgesprächen mit Nordmazedonien und Albanien beschlossen werden.

Dass damit das Fundament für einen EU-Beitritt gelegt, diese Baustelle aber noch einige Zeit und viele Mühen in Anspruch nehmen wird, bewiesen die weiteren Treffen und Gespräche im Rahmen dieser FURCHE-Leserreise: Der römisch-katholische Bischof von Priština-Prizren, Dodë Gjergji, beschrieb das Zusammenleben der Religionen und Konfessionen in seinem Land diplomatisch und treffend zugleich „wie das Wetter“. Die Juristin und Chefin der mazedonischen Umwelt-NGO „Front 21/42“, Aleksandra Bujaroska, wiederum betonte die Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit und Internationalisierung im Kampf gegen Korruption und mafiöse Strukturen gerade auch im Bereich Umweltschutz; und Zeljko Ivanovic, Herausgeber von Vijesti, eines der ersten und letzten kritischen Zeitungs- und TV-Unternehmen in Podgorica, forderte die EU auf, null Toleranz gegenüber der Vermischung von Politik und organisierter Kriminalität in Montenegro und der gesamten Region zu zeigen. Anders als in Gjirokastra passte bei diesen Treffen oft nicht der Ton zum Bild, zeigten die mit den Verhältnissen bestens vertrauten Expertinnen und Experten konträre Beschreibungen zum üblichen historisch-kulturellen Touristenmenü und ließen nicht nur Reise-Teilnehmerin Dagmar Fend-Wunsch das Resümee ziehen: „Man muss sein Land sehr lieben, wenn man unter den geschilderten Umständen seine Heimat nicht verlässt.“

Lesen Sie hier das Interview mit Luise Ungersböck, Leiterin von Österreichs Entwicklungszusammenarbeit in Albanien.