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Zwischen Himmel und Hölle

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Vierter Teil eines Reiseberichts über den Aufbau gewaltloser Befreiungsbewegungen in Lateinamerika.

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Vierter Teil eines Reiseberichts über den Aufbau gewaltloser Befreiungsbewegungen in Lateinamerika.

Nach einem Vortrag, den wir in Buenos Aires hielten, legte uns eine Gruppe katholischer Intellektueller ein Problem vor und fragte, ob es auch in diesem extremen Fall noch eine Lösung aus dem Geiste der Liebe, der Gewaltlosigkeit gäbe.

Im Norden Argentiniens wurde eine Gruppe von mehreren hundert Holzfällern mit ihren Familien, die viele Jahre für eine ausländische Firma gearbeitet hatten, arbeitslos, als die Abholzung abgeschlossen war. Die Firma, die bisher Zelte als Wohnungen, Lebensmittel und Lohn zur Verfügung gestellt hatte, beschloß, sich aus der Gegend zurückzuziehen und nahm dadurch den Holzfällern jegliche Lebensgrundlage. Die gesamte Bevölkerungsgruppe war damit dem Hungertod ausgeliefert. In dieser Situation wurden zwei Missionare der Kleinen Brüder von Jesus zu dieser primitiven Bevölkerung geschickt. Bald erkannten sie, daß es unmöglich sei, ihnen die Liebesbotschaft des Evangeliums zu verkünden, ohne vorher menschenwürdige Lebensbedingungen für sie geschaffen zu haben. Gemeinsam mit den Holzfällern beschlossen sie, den Versuch zu machen, eine ländliche Kooperative zu begründen, den hierfür nötigen Boden zu erwerben und die Bevölkerung zu lehren, den Boden zu bebauen. Sie besuchten den Leiter der Firma, erklärten ihre Absicht und ersuchten ihn, der Bevölkerung, die bis an die 60 Jahre für die Firma gearbeitet hatte, den Boden zu einem Preis zu überlassen, den zu bezahlen diese armen Holzfäller imstande seien. Der Unternehmer willigte zunächst sein. Kaum wurde das Projekt jedoch bekannt, stieg der Wert des Bodens, und Interessenten stellten sich ein, die imstande waren, ein Vielfaches des von den Holzfällern vorgeschlagenen Preises zu bezahlen. Als einige Zeit später die Kleinen Brüder den Kauf für die Kooperative abschließen wollten, war der versprochene Boden bereits verkauft. In dieser Situation trafen wirein. Welcher Ausweg stand hier außer Gewaltoder Resignationnoch offen?

... und die Unternehmer

Wir versicherten unseren Freunden: Es gibt nur einen Ausweg, die Bekehrung der Verantwortlichen. Man sagte uns, dies sei unmöglich. Ein Unternehmer, der seit Jahren in kolonialem Stil Land und Menschen ausgenützt habe, bekehre sich nicht mehr. So bliebe nur Druck, Gewalt — oder Resignation und Tod der Betroffenen.

Nein, der Kampf des Christen mit den Waffen Gottes kann nicht enden; der Christ kann nicht resignieren, wenn es darum geht, sich für Leben und Gerechtigkeit einzusetzen. Wir beschlossen daher, mit den Unternehmern zu sprechen, so schwierig es auch erschien, dies zu erreichen. Über ihren Pfarrer, der mit ihnen gut befreundet ist, erreichten wir eine Vorsprache. Die erste, sehr natürliche Reaktion der beiden verantwortlichen Direktoren war es, ihr Unternehmen zu verteidigen. Wir versuchten, ihnen zu erklären, daß wir nicht gekommen seien, um anzuklagen, sondern um sie als Christen zu fragen, was sie tun würden, wenn Christus im Norden ihres Landes Hungers stürbe. Ohne Unterlaß appellierten wir an ihr Gewissen, in der Gewißheit, daß Christus in ihnen lebendig ist, und bemühten uns, die Diskussion einzig auf moralischer Ebene zu führen, auf der Ebene der Wahrheit und des Lebens. Sie könnten für ganz Argentinien ein Beispiel geben, daß es möglich sei, auf christlichem und demokratischem Wege menschenwürdige Bedingungen für eine verelendete Bevölkerungsgruppe zu schaffen. Unser Christentum gilt nicht nur am Sonntagmorgen, sondern wir haben den Auftrag, das Milieu, in dem wir leben — wie gottfernes auch sein mag — zu verchristlichen ...

Gottes Gnade appellierte an ihr Gewissen, und die Verantwortlichen reagierten darauf. Wir konnten ein neues Zusammentreffen mit den Leitern der Kooperative vereinbaren, das dann auch einen für die Holzfäller annehmbaren Abschluß brachte.

Zugleich wurden Bemühungen für eine Umgestaltung jener Bedingungen, die das Bestehen derartigen Unrechts ermöglichen, auf verschiedenen Ebenen geplant:

• Ersuchen an den Bischof des Elendsgebietes, durch persönliche Kontakte an das Gewissen der Leiter der Firma zu appellieren und so an deren Umdenken mitzuwirken;

• Vorsprachen bei den zuständigen Ministerien, um auf eine Revision jener Gesetze hinzuwirken, die das Unrecht unterstützen und den Menschen schutzlos lassen;

• Bemühungen der Kleinen Brüder, die Bevölkerung von Gewaltakten abzuhalten; jedoch durch Vorsprachen und

Beginn der Bebauung des Bodens ihr Recht auf Leben zu bekräftigen und den Unternehmern so das Ausmaß des Elends klarzumachen.

Selbst eine kleine Handvoll Christen, die konsequent mit den Waffen der Liebe und Wahrheit gegen das Unrecht, das sie um sich sieht, arbeitet, wird Schritt für Schritt durch Gespräche, Kontakt und Aktionen zu immer verantwortlicheren Persönlichkeiten vordringen und so bis in die Gesetzgebung, Sozialordnung und Politik hineinwirken. Vorausgesetzt, daß sie unabweichlich auf dem Boden der absoluten Liebe und der Gerechtigkeit verharren, daß sie jegliche Mittel, die dem Bösen angehören, ablehnen, wird die Ehrlichkeit und die moralische Kraft ihres Bemühens das persönliche Gewissen der Verantwortlichen und die öffentliche Meinung nicht unberührt lassen. Dabei dürfen wir jedoch nicht vergessen, daß dieser Kampf große Opfer fordert: Wo es darum geht, bestehendes Unrecht in Gesetz und Praxis zu überwinden, wird der Einsatz manchmal bis vors Tribunal und bis zur Gefängnisstrafe gehen. Die Macht des Guten jedoch, die durch diese Opfer frei wird und zu wirken beginnt, kann mit menschlichen Maßen nicht gemessen werden.

Man mag die Frage stellen, ob diese Liebesmacht auch eine wirklich realistische Macht sei. Hierzu noch ein kleines Beispiel aus Sao Paulo, Brasilien, das sich unter vielen anderen zutrug:

Zwei Stunden lang hatten wir mit einem Abgeordneten über die Mittel diskutiert, die im Kampf des Christen für die Gerechtigkeit anzuwenden seien. Aus seinem rein politischen Denken heraus gab dieser Freund uns zu verstehen, man könne in einer Krisensituation nur auf Druckmittel, Übermacht und, wenn nötig, Gewalt vertrauen. Da es über der Diskussion spät geworden war, beschlossen wir, mit seinem Wagen in die Stadt zum Abendessen zu fahren. Unterwegs wurden wir plötzlich durch eine Verkehrsstörung aufgehalten. Autoschlangen, soweit der Blick reichte. Knapp vor unserem Wagen entdeckten wir die Ursache der Stauung: Hier schlugen sich zwei Brasilianer mit Fäusten und Füßen und vollendetem südamerikanischem Temperament. Alles schimpfte und hupte, aber niemand wagte es, zu intervenieren.

Im Kleinen wie im Großen

Da stieg Jean aus dem Wagen, trennte die sich Schlagenden und versuchte, sie durch beruhigende Worte — er sprach nur französisch — zur Vernunft zu bringen. Dieser psychologische Schock brach ihrer Wut die Spitze ab. Jean gegenüber nützten ihre Fäuste nichts, denn sein Appell an ihr Gewissen, an ihr besseres Ich, die Liebe, mit der er ihnen begegnete, war stärker als ihr Zorn. — Sie hörten auf, sich zu schlagen und zu beschimpfen. Der Abgeordnete stieg aus seinem Wagen, übersetzte die Worte von Jean und stellte mit ihm die Ordnung wieder her.

Dieses unbedeutende Ereignis hat die Augen unseres Freundes, des Abgeordneten, geöffnet. Er gestand: „Dies war ein Wink der Vorsehung für mich. Ich, der ich mich als Realist bezeichne, ich habe es nicht gewagt, einzuschreiten. Du, den ich unrealistisch und utopisch nannte, du hast aus der Kraft Gottes, die in dir wohnt — die jedoch in jedem einzelnen Christen wohnt —, durch deine aktive Gewaltlosigkeit, den Zorn in diesen Menschen gebrochen und die Ordnung hergestellt. Wie im Kleinen, so ist es jedoch überall dort, wo wir handeln, im Sozialen, in der Politik, in allen menschlichen Beziehungen, überall begehen wir denselben Fehler: Wir glauben nicht an die Macht des Guten über das Böse, an die Macht der Liebe, der Gewaltlosigkeit über Gewalt und Haß.“

Wenige Tage später hatten wir die Gelegenheit, im Rahmen einer Tagung „linksgerichteter, christlicher Politiker“ aus ganz Brasilien diese Frage in ihrer ganzen Tragweite für dieses Land zu besprechen. In der gleichen Frage kam es etwas später in Nordbrasilien mit rechtsstehenden Politikern, Wirtschaftsführern und Militärs zu einer Aussprache. Noch scheint es nicht zu spät zu sein, zu versuchen, durch eine wahrhaft christliche Initiative die Situation zu retten. Sowohl auf Seiten der Rechten wie der Linken ist Bereitschaft dafür vorhanden. Mit Hilfe einiger erfahrener christlicher Persönlichkeiten, die die Führung übernehmen, die schulen, versöhnen und zugleich beginnen würden, Aktionen zur Überwachung des Unrechts ausder Macht der Liebe und Gerechtigkeit zu setzen, könnte ein guter Anfang gemacht werden. Dieser Einsatz aus dem Glauben würde der Kirche, der Gesellschaft und vor allem den Armen dienen und einen echten Beitrag zur Überwindung der südamerikanischen Krise bedeuten.

Wir haben in diesem Bericht nur versucht, einige der großen Probleme aufzuzeigen, an denen die Menschen dieses Kontinents leiden. Wir haben nicht im einzelnen von den zahlreichen Christen gesprochen, von den Bischöfen, Theologen und Seelsorgern, von Führern in Industrie und Sozialwesen, Lehrern und Arbeitern, die durch Bekenntnis und Tat, durch ihr Christsein schlechthin, Grund zu Hoffnung für eine positive Entwicklung Lateinamerikas bieten. Ihnen sei an dieser Stelle aufrichtiger Dank ausgesprochen und das Versprechen gegeben, daß wir alles uns mögliche tun wollen, um die Last und die Opfer, die ihre Arbeit fordert, zu teilen. Wir sind überzeugt, daß Gott, wenn es Sein Wille ist, uns Wege und Mittel finden lassen wird, die durch diese Reise begonnene Arbeit für den Frieden Christi auf diesem Kontinent fortzusetzen und zu festigen.

Ende

Hildegard Goss-Mayr und Jean Goss sind Friedensaktivisten und setzen sich international für Gewaltlosigkeit ein. Sie erreichten mit Unterstützung von Kardinal Franz König, dass das Anliegen der Gewaltfreiheit ins Konzilsdokument „Gaudium et Spes“ Eingang fand.

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