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Zwischen Terror und Konversion

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Im Nahen Osten sind Christen häufig Opfer militanter islamischer Aktionisten. Es gibt aber auch Formen eines friedlichen Zusammenlebens der Religionen.

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Im Nahen Osten sind Christen häufig Opfer militanter islamischer Aktionisten. Es gibt aber auch Formen eines friedlichen Zusammenlebens der Religionen.

Christen sind die „Andersgläubigen”, die sich im islamischen Nahen Osten bis heute_ in größeren Gruppen gehalten haben. Die Zahl der Juden besonders in den arabischen Ländern wurde durch Auswanderung nach dem Entstehen des Staates Israel auf ein Minimum reduziert; die wenigen Anhänger anderer Religionen waren und sind einerseits stärker als Juden und Christen dem Assimilationsdruck ausgesetzt, andererseits auch weit weniger artikulationsfreudig.

Zum historischen Hintergrund: Die „Leute des Buches”, also vor allem Christen und Juden, genießen einen rechtlich verankerten Anspruch auf Schutz von Seiten der islamischen Majorität. Sie waren weder Objekt der Vertreibung noch der Missionierung, aber natürlich auch keine gleichberechtigten Bürger. Es wurde von der „verachtenden Toleranz” gesprochen.

Heute geht die Tendenz dahin, aus dem Koran diejenigen Stellen zu zitieren, die sich in verständnisvoller Weise mit Nichtmuslimen beschäftigen. Bein quantitativ überwiegen jedoch die nicht so freundlichen: Diese Koranverse sind chronologisch gesehen auch meist die späteren Verkündigungen, die nach allgemeiner inter-pretatorischer Praxis die früheren an Gewicht übertreffen. Mißtrauen und Vorurteile sind also inhärent: Die

Christen als Veruntreuer der göttlichen Verkündigung, um ihrem Polytheismus zu frönen; bei den Juden kommt auch sehr bald die starke politische Komponente des „ Verräter -tums” ins Spiel. Von Anfang an standen beide Gruppen im Geruch des Hangs zur zumindest geistigen Kollaboration mit dem Gegner. Ganz zu schweigen von populistischen Unterstellungen, die sich nur ganz peripher auf Religion beziehen: Etwa die den Christen zugeschriebene sexuelle Hemmungslosigkeit, die durch den Genuß von Schweinefleisch entstehen soll.

Natürlich sind in den meisten nahöstlichen Staaten heute die Andersgläubigen laut Verfassung vollberechtigte Bürger. In Staaten, die sich gleichzeitig verfassungsmäßig als „islamisch” bezeichnen, kann dies jedoch nie mehr als ein formales Zugeständnis bedeuten: Man denke nur an die

Beschränkungen, die einem männlichen Christen bei der Heirat auferlegt sind (nicht einer Christin: sie darf einen Muslim heiraten), oder einer christlichen Mutter, wenn es um das Becht auf ihre von einem muslimischen Vater stammenden Kinder seht-Auch die Aufstiegsmöglichkeiten sind beschränkt, wobei es aber immer wieder das interessante Phänomen des - heute ausschließlich christlichen - Alter ego von Potentaten in islamischen Ländern gibt: Manchmal scheinen Christen gerade deshalb so hoch aufzusteigen beziehungsweise sich so lange oben zu halten, weil sie als Nichtmuslime für die absolute Spitzenposition ohnehin nicht in Frage kommen, also letztlich ungefährlieh sind. Der Grundsatz des Koran: Ihr Gläubigen, macht Euch Juden und Christen nicht zu Helfern ist „in der Praxis jedenfalls viel öfter umgangen als befolgt worden”, schreibt der Islamwissenschafter Albrecht Noth in einer Studie über Minderhei-_ ten in der islamischen Welt.

Eine Sonderrolle nahmen Christen bei der Entstehung des arabischen Na-• ~~tionalismus ein, vielleicht eine besondere Ausformung der - sei es aus Opportunismus, sei es aufgrund des Fehlens einer Alternative, sagt Noth - Loyalität der nicht muslimischen Minderheit zu ihrer muslimischen Umwelt. Das Verbindende war erst einmal ein Negativum, der gemeinsame Feind - der Imperialismus und der Kolonialismus. Die Christen entdeckten dann als Positi-vum für die Gemeinsamkeit die arabische Sprache und Literatur und hofften, den Islam, als kulturelle Erscheinung quasi abstrahieren zu können - aber kamen dabei, wie wir heute wissen, auf Dauer schlechtan. Auch

Michel Aflaq, einer der christlichen Gründerväter des Baathismus, ereilte auf dem Totenbett noch sein Schicksal in Form der Konvertierung zum Islam. Wie sich das wirklich abgespielt hat, sei dahingestellt.

Das Bild der derzeitigen Situation der Christen in islamischen Ländern ist im Westen durch Horrormeldungen geprägt: Attentate auf Kopten in Ägypten, ein Beligionskrieg (der in Wirklichkeit keiner ist) im Sudan, Terror gegen die algerischen Christen (wobei das Christentum im Maghreb immer eine Beligion der „Ausländer” geblieben ist) und so weiter. Zweifellos steht, aus verschiedenen Gründen, Beligionszugehörigkeit heute mehr im Blickpunkt als früher, und radikale islamische Gruppen haben sich zur religiös verbrämten Speerspitze die aber nicht nur Nichtmuslime trifft -einer politischen Bewegung gemacht. Unser Bild ist jedoch zweifellos verzerrt, denn das der Normalität des meist noch immer funktionierenden friedlichen Zusammenlebens kommt bei uns erst gar nicht an.

Diese jahrhundertelange Koexistenz läßt sich nicht so leicht zerstören: Ein katholischer Priester berichtete mir von einer Beise durch Ägypten zur Zeit des aktivsten Terrorismus vor wenigen Jahren, von seinen durch Zuneigung und Bespekt geprägten Begegnungen mit einfachen Menschen. In der irakischen Hauptstadt Bagdad wurde ich vorigen Herbst von muslimischen Freunden in eine der Jungfrau Maria geweihte Kirche geführt, in der hauptsächlich muslimische Frauen beten.

Auf meine Frage, was sie denn dort beten würden, kam die verständnislose Antwort: Na was schon, den Koran natürlich. Kann man dies vielleicht noch durch die islamische Bolle Marias als „Mutter des Propheten Jesus” erklären, so tut man sich mit den christlichen Frauen, die im Irak in vorzugsweise schiitischen Moscheen um Fruchtbarkeit beten, schon etwas schwerer (wird es dann ein Sohn, wird er gerne „Hussein” getauft, nach dem Enkel des Propheten Muhammad). Die Beihe der Beispiele ist fortsetzbar. Sie kommen dort zustande, wo man sich weniger auf Dogmen aller Art, sondern mehr auf Menschlichkeit verläßt.

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