Abbé Pierre1

Abbé Pierre auf der Leinwand: Eine moderne Heiligenvita

19451960198020002020

Die Lebensgeschichte des französischen Priesters und Kapuziners Abbé Pierre, gemimt von Benjamin Lavernhe, wird zum wuchtigen Film-Epos.

19451960198020002020

Die Lebensgeschichte des französischen Priesters und Kapuziners Abbé Pierre, gemimt von Benjamin Lavernhe, wird zum wuchtigen Film-Epos.

Werbung
Werbung
Werbung

Unter seinem richtigen Namen – Henri Antoine Grouès – kennt ihn niemand. Als Abbé Pierre firmiert er hingegen im kollektiven Gedächtnis. Dabei war dies der Nom de guerre in der Zeit der Résistance. Denn als Geistlicher in Vichy-Frankreich verhalf Grouès Juden oder anderen Verfolgten des NS – wie des Petain-Regimes zur Flucht.

Da hatte der 1912 geborene Sohn eines Seidenfabrikanten schon einiges hinter sich: Als junger Mann tat er es dem Franz von Assisi gleich und entledigte sich seines Besitzes, um in radikaler Nachfolge ein Leben in Armut zu führen. Er trat bei den Kapuzinern ein, wurde 1938 zum Priester geweiht, musste aber, weil er nach dem Ausbruch einer Tuberkulose den Strapazen dieses kargen Lebens nicht mehr gewachsen war, den Orden verlassen, und war als einfacher Kaplan tätig. Die Kriegszeit politisierte den Priester, und nach 1945 war Abbé Pierre Parlamentsabgeordneter. Nationale Berühmtheit erlangte er im Kältewinter 1953/54, als zahllose Obdachlose in Frankreich erfroren. Mit der Aktivistin Lucie Coutaz gründete er die Organisation Emmaus, die sich um Obdachlose, Haftentlassene und andere Bedürftige kümmert und heute in 40 Ländern tätig ist. Bei seinem Tod 2007 war Abbé Pierre der beliebteste Franzose. Der französische Regisseur Frédéric Tellier setzt in der Film-Hagiografie „Ein Leben für die Menschlichkeit – Abbé Pierre“ dieser Jahrhundertgestalt ein Denkmal. Mit Bernard Lavernhe in der Titelrolle und Emmanuelle Bercot als Lucie Coutaz hat er die Protagonisten perfekt besetzt.

Die zweieinviertel Stunden bieten ausführlich Gelegenheit, die Leistungen und Verdienste, aber auch die Tiefen und Zweifel dieses modernen „Heiligen“ breit und mit entsprechendem Pathos zu erzählen. Tellier folgt im Großen und Ganzen der Historie, aber das Narrativ ist das einer modernen Heiligenvita. Konflikte und (Glaubens-)Zweifel werden insoweit thematisiert, als Abgründe zum Leben eines großen Menschen gehören. Andere Unbequemlichkeiten – wie das Eintreten für die Priesterweihe von Frauen oder die Ablehnung des Pflichtzölibats für Priester, die von seiner Kirchenleitung nicht goutiert wurden – kommen im Film folgerichtig nicht vor.

Man lernt hier viel über Abbé Pierre, aber der Nachgeschmack, hier werde eine männliche Mutter Teresa gezeichnet, bleibt. Diese ist bekanntlich längst eine Heilige der katholischen Kirche – wurde von Abbé Pierre aber ob ihrer Blindheit gegenüber den politischen Gründen für Armut ganz und gar nicht geschätzt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung