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Ausstellung

Am Ende der Leine

1945 1960 1980 2000 2020
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Ich weiß nicht, ob Sie es bemerkt haben, aber ich bin gerade dabei, mich zu radikalisieren. Jetzt, wo jeder gleich "Hetzjagd!" ruft, bevor er selber lustvoll zu hetzen beginnt, kann ich mir auch einmal den Luxus des Brachialen leisten. Als gnadenlos Mittige tue ich das nicht oft, wirklich nicht. Eigentlich nur dann, wenn so ein Rottweiler ein kleines Kind zerfleischt. Aber dann werde ich zum Tier.

Ich habe es nämlich nicht so mit Hunden, ja nicht einmal mit Tieren ganz generell. Das liegt vielleicht in meinen Genen. Auf Bauernhöfen pflegt man ja bekanntlich keinen übertrieben sensiblen Umgang mit Animalischem. Auch Wirtshäuser sind meistens keine Gnadenhöfe. Tiere existieren dort bevorzugt gekocht, gegrillt oder frittiert, am authentischsten vielleicht als Blutwurst. Sonst ist da nicht viel.

Obwohl: Katzen habe ich gehabt. Die erste hieß Minki und hat sich den Schwanz in einer Flügeltüre abgequetscht. Hingebungsvoll haben wir sie gepflegt und den verbliebenen Stumpf in Eichenrindenabsud gebadet. Irgendwann ist sie dann verschwunden, vermutlich war es die Umfahrungsstraße. Immer noch besser als ein Tod durch Herrn Riffely, der alte Katzen gern in Säcke steckte und mit Hilfe eines Baumstammes ins Jenseits beförderte.

So etwas kann niemand wollen. Aber dass man Rottweiler nicht augenblicklich einschläfert, wenn sie sich in einen Kinderkopf verbissen haben, ist mir völlig schleierhaft. "Die übersteigerte Vermenschlichung des Hundes, die Gleichsetzung seines Lebensrechts mit dem des Menschen, weit verbreitete züchterische Inkompetenz kombiniert mit völlig wirren Zuchtzielen ( ), das alles sind Faktoren, die dazu führen könnten, dass wir zukünftig eher wieder häufiger solche schrecklichen Vorfälle sehen werden", schreibt der deutsche Tierarzt Ralph Rückert in seinem Blog. Ja sicher, das Problem ist immer am anderen Ende der Leine. Kommt halt wie immer auf die Perspektive an.