Am Herzen der Schöpfung

Paul Klee in der Kunsthalle Krems.

Paul Klee hat eine Vollendung erreicht, die auch in der Kunst selten ist. Die Klarheit der Form täuscht nicht über das Geheimnisvolle, Unergründliche hinweg. "Das Sichtbare ist im Verhältnis zum Weltganzen nur isoliertes Beispiel, andere Wahrheiten sind latent in der Überzahl".

Paul Klee hat viele Möglichkeiten der Gestaltung erkundet. Er hat die bildnerischen Mittel schrittweise methodisch erprobt und so ein ungemein vielfältiges, reiches Oeuvre von rund 9.000 Arbeiten geschaffen. Diese Vielfalt kann man derzeit in der Ausstellung der Sammlung Djerassi in der Kunsthalle Krems bewundern. Carl Djerassi ist 1923 in Wien geboren und musste 1938 emigrieren, weil er jüdischer Abstammung ist. In den USA studierte er Chemie und wurde Wissenschafter. Ihm gelang der entscheidende Schritt zur Entwicklung eines oral wirksamen Hormons zur Empfängnisverhütung. Daneben war er immer für die bildende Kunst aufgeschlossen und sammelte seit 1963 Druckgraphiken, Zeichnungen und Aquarelle von Paul Klee. Auf den Erwerb von Ölbildern musste er wegen seiner beschränkten Mittel verzichten. Heute ist seine Sammlung im Museum of Modern Art in San Franzisko beheimatet. Eine Auswahl von 83 Werken ist jetzt in Krems zu sehen. Als Ergänzung werden 20 Ölbilder, vorwiegend aus dem Nachlass von Paul Klee gezeigt, unter denen sich Hauptwerke befinden. So entsteht ein geschlossener Eindruck vom Werk dieses Meisters der klassischen Moderne.

Entdeckung der Farbe

Das früheste Bild der Sammlung ist eine Flusslandschaft, die der Sechzehnjährige geschaffen hat, die zwar seine Begabung erkennen lässt, aber noch kein typischer Klee ist. Es folgen mehrere Beispiele der Radierungen aus den Jahren 1903-05 mit gesellschaftskritischem Hintergrund. Dieser Eindeutigkeit schwört Klee später ab. Zwei Federzeichnungen zeigen Klee bereits 1908 auf dem Weg zu den Illustrationen zu Voltaires "Candide" (1911). Sein charakteristischer Zeichenstil ist nun entwickelt.

1912 war Klee zusammen mit Kandinsky, Marc, Kubin und anderen auf der zweiten Ausstellung "Der Blaue Reiter" vertreten. Doch erst die Reise, die er 1914 zusammen mit August Macke und Louis Moilliet nach Tunis unternahm, öffnete ihm die Augen für die Welt der Farbe. "Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn - ich und die Farbe sind eins." Formulierungen wie diese erweisen auch Klees sprachliche Kraft. Er war eben nicht nur Zeichner und Maler, sondern auch Dichter, Musiker und Pädagoge.

"Blauer Reiter" und Bauhaus

Zum Ersten Weltkrieg ging Klee sehr bald auf kritische Distanz. Er wurde Soldat, durfte aber in der Heimat Dienst tun. Aus dieser Zeit stammt das wichtigste Blatt "Zerstörung und Hoffnung". Die kleinteilige Linienführung der Lithographie steht für die Zerstörung, die einfachen geometrischen Farbsilhouetten der Handkolorierung für die Hoffnung.

1920 wurde Klee von Walter Gropius ans Bauhaus berufen, an dem er zuerst in Weimar, dann in Dessau bis 1931 unterrichtete. Hier konnte er seine pädagogische Begabung unter Beweis stellen. Das Bauhaus war damals der Mittelpunkt der modernen Gestaltung, wo Klee von seinen Kollegen, vor allem von Gropius, Kandinsky, Feininger und Schlemmer, mancherlei Anregung empfing. Ein Höhepunkt für alle war die Bauhaus-Ausstellung 1923, die ein großer Erfolg wurde. In der Sammlung finden sich die beiden von Klee geschaffenen Postkarten zu dieser Ausstellung, zwei Farblithographien, die der "erhabenen Seite" und der "heiteren Seite" der Schau gewidmet sind.

"Schöpferische Konfession"

Wie vielseitig Klee war, beweisen drei Aquarelle der zwanziger Jahre, wie sie gegensätzlicher kaum denkbar sind. Das "Barockbildnis" (1920) zeigt einen Kopf mit einer riesigen Perücke. Rechts unten ist die Schnecke einer Violine dargestellt. Es ist ein Hinweis, dass das Blatt eine Hommage an die von Klee geliebten Barockkomponisten Händel, Bach und Mozart sein soll - Klee war ja ein virtuoser Geiger. "Mazzaró" (1924) ist eine Erinnerung an einen Urlaub auf Sizilien. Das gleißende Sonnenlicht beeindruckte Klee stark. So entstand ein Bild, das man im ersten Augenblick gar nicht als "Klee" erkennt und das doch in seiner Tendenz vom Gegenständlichen zum Abstrakten für ihn charakteristisch ist. Als drittes, "Pferd und Mann" (1925), eine Mischtechnik (Klee experimentierte gern): In der hellen Mitte geht ein Mann neben einem Pferd, eine karikaturhafte Federzeichnung. Rings herum ein wolkiges Aquarell, teilweise gespritzt, wie es der frühe Kubin gern gemacht hat. Von oben kommt ein Pfeil, der bei Klee häufig begegnet, der wie eine Weisung von oben wirkt: "Der Vater des Pfeils ist der Gedanke".

Nach einem kurzen Gastspiel in Düsseldorf muss Klee 1933 in sein Geburtsland Schweiz emigrieren. Er gilt nun in Deutschland als "entarteter" Künstler und ist auch in der berüchtigten Ausstellung mit zahlreichen Arbeiten vertreten. 1935 erfährt er von seiner unheilbaren Krankheit. In den letzten Jahren legt der Tod einen langen Schatten auf die späten Bilder. Sie werden einfacher, ernster. Klee setzt sich nun mit den letzten Fragen menschlicher Existenz auseinander. Der Engel, oft als Todesengel, der zwischen Jenseits und Diesseits vermittelt, begegnet immer wieder. Nun entstehen Blätter wie "Ein Kranker macht Pläne", "Fort kommen", "Kranker im Boot", "Versuch einer Verspottung", "Ecce", die sich nicht in dieser Sammlung finden. "Aus abstrakten Formelementen wird über ihre Vereinigung zu konkreten Wesen oder zu abstrakten Dingen wie Zahlen und Buchstaben hinaus zum Schluss ein formaler Kosmos geschaffen, der mit der großen Schöpfung solche Ähnlichkeit aufweist, dass ein Hauch genügt, den Ausdruck des Religiösen, die Religion zur Tat werden zu lassen ...", wie es in Klees "Schöpferischer Konfession" heißt. 1940 erliegt Klee seiner Krankheit.

Bis 29. September,

täglich 10-18 Uhr

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau