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Armenien will historische Wahrheit

Armenien feiert im September 1700 Jahre Staatschristentum. Zu den Höhepunkten zählt eine große Wallfahrt, die Einweihung einer neuen Kathedrale in Jerewan mit 1.700 Sitzen und eine Feier, zu der zahlreiche Kirchenoberhäupter von anderen Kirchen, darunter auch Papst Johannes Paul II. ihr Kommen zugesagt haben.

Nach 1700 Jahren christlicher armenischer Geschichte liegen nationale Zugehörigkeit und Christentum so eng beisammen, wie bei wenigen anderen Völkern in Europa. Dementsprechend war das Jubiläum für die armenische Diaspora ein weiterer Anlass, an den Genozid von 1915 zu erinnern. Bereits das Jahr 2000, in dem in Armenien sich dieser Genozid zum 85. Mal jährte, hatte zuvor bereits einen Grund dafür geboten. In mehreren Fällen gelang es auch, das Thema zum Gegenstand von Parlamentsresolutionen zu machen, vor allem in Staaten mit großen armenischen Gemeinschaften - indirekt hat damit ein kirchliches Jubiläum außenpolitische Aufregung ausgelöst.

Im Jänner 2001 nahm das französische Parlament ein Gesetz zur Anerkennung des armenischen Genozids von 1915 an. Das Gesetz mag in seiner praktischen Bedeutung beschränkt sein, die Aufregung, für die es in der Türkei sorgte, war jedenfalls unübersehbar: Es gab mehrere Aufrufe zum Boykott französischer Importwaren, die türkische Regierung entzog dem französischen Unternehmen Alcatel den drei Milliarden Schilling schweren Auftrag zum Bau des ersten türkischen Spionagesatelliten.

Kurz zuvor war die Frage auch im amerikanischen Repräsentantenhaus diskutiert worden, wo das Thema fast jährlich auf der Tagesordnung steht. Zu einer Resolution kam es dabei auch diesmal nicht. Angeblich hatte der damalige Präsident Clinton sich darum bemüht, dass die Resolution nicht beschlossen wird: Die Türkei habe gedroht, Militärbasen nicht mehr zur Verfügung zu stellen. Konkret wurde angekündigt, die Benutzungsbewilligung des NATO-Stützpunkts Incirlik, von dem aus britische und amerikanische Kampfflieger zu Kontrollflügen in den Nordirak starten, einzuschränken und volle diplomatische Beziehungen mit dem Irak aufzunehmen. Türkische Generäle sprachen von der Stornierung von Waffenkäufen in den USA.

Westliche Rücksichten

Auch ein Verfechter der Resolution, der Abgeordnete Spencer Abraham, hat sich nicht zuletzt auf Grund der Tatsache, dass zahlreiche amerikanische Armenier zu seiner Wählerschaft in Michigan gehören, seit seiner Ernennung zum Energieminister nicht mehr zu diesem Thema gemeldet. Der Bau der Ceyhan-Pipeline von Aserbaidschan über Georgien und die Türkei zum Mittelmeer hatte für die USA strategische Bedeutung: Zugang zu Ölvorräten von der Größe jener in der Nordsee oder in den USA, vielleicht sogar jener am persischen Golf und Unabhängigkeit im Transport vom Iran und von Russland. Demgegenüber hat eine Erklärung zum armenischen Genozid ohne strategische Bedeutung Nachrang.

Es bleibt abzuwarten, ob die jüngsten Entwicklungen im Pipeline-Wettlauf - laut der Neuen Zürcher Zeitung hat Russland den Wettlauf gewonnen - Auswirkungen auf die mögliche Annahme einer solchen Resolution haben.

Tatsächlich weniger Folgen hatte die Annahme eines Forderungskatalogs durch das Europäische Parlament (EP) im November 2000. Daran wurde der Beitritt der Türkei zur Europäischen Union an eine Reihe von Forderungen geknüpft, darunter auch die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern. Die Zustimmung des EP ist Voraussetzung für eine - in nächster Zeit nicht zu erwartende - Aufnahme der Türkei in die EU. Gegen diese Forderung hatte der österreichische EU-Abgeordnete Hannes Swoboda Bedenken geäußert, weil er eine neue Eiszeit zwischen dem Parlament und Ankara befürchtet.

Auch die Parlamente Italiens, Russlands und Griechenlands haben ähnliche Resolutionen angenommen, sie blieben ohne Folgen, die mit jenen des französischen Gesetzes vergleichbar wären. In Österreich hatten die Grünen im November 2000 im Nationalrat einen Antrag auf Anerkennung des Armenier-Völkermordes gestellt.

Warum sich die Türkei einer Anerkennung verschließt und auf jede derartige Erklärung so heftig reagiert, erklärt sie damit, dass die Ereignisse so nie stattgefunden haben. Zuletzt schlug die Türkei die Einrichtung einer unabhängigen Historikerkommission vor. Dies würde aber die Öffnung der osmanischen Archive nötig machen, was bislang noch nicht erfolgt ist. Tatsächlich liegt das Problem wohl tiefer. Der moderne türkische Staat baut einen Gutteil seines Selbstverständnisses auf der jungtürkischen Revolution unter der Leitung von Kemal Atatürk auf. Und Jungtürken waren wesentlich am Beginn des armenischen Genozid beteiligt. Ein solches Anerkenntnis hieße also, ein Stück Selbstverständnis des türkischen Staates in Frage zu stellen.

Der Genozid am armenischen Volk während des Ersten Weltkriegs begann in der Nacht des 24. April 1915 mit der Verhaftung von 600 armenischen Abgeordneten, Priestern, Schriftstellern, Wissenschaftlern und Juristen in Istanbul. Die meisten der Verhafteten wurden ermordet. Danach wurden Hunderttausende Menschen aus den armenischen Städten und Dörfern Anatoliens und Kilikiens in Lager in der syrischen Wüste deportiert. Rund 1,5 Millionen Armenier kamen dabei ums Leben.

Zeithistoriker verweisen darauf, dass der vom jungtürkischen Regime mit Innenminister Talaat Pascha und Kriegsminister Enver Pascha als Hauptverantwortlichen geplante und mit Wissen der Verbündeten Deutschland und Österreich-Ungarn durchgeführte Völkermord an den Armeniern Vorbildwirkung für die deutschen Nationalsozialisten hatte. Mehrere diesbezügliche Aussprüche Adolf Hitlers sind bekannt. Die Türkei unterhält bislang keine diplomatischen Beziehungen zu Armenien und begründet dies zum einen mit dem Konflikt um die armenische Exklave Berg-Karabach, in dem sie auf der Seite Aserbaidschans steht und zum anderen damit, dass Armenien erst seine Kampagne über das sogenannte Genozid beenden müsse.

Weltweit wird die Zahl der armenischen Christen auf rund sieben Millionen geschätzt. Die armenisch-apostolische Kirche ist außer in Armenien vor allem im Nahen Osten, in Frankreich, den USA und in Lateinamerika präsent. Über die Anfänge des Christentums in Armenien gibt es nur späte Quellen, sicher ist der prägende Einfluss von Gregor dem Erleuchter, der den armenischen König Tridates III. 301 überzeugte, zum Christentum überzutreten. Damit wurde das Christentum in Armenien als erstem Land der Welt Staatsreligion.

1700 Jahre christliches Armenien

Im Jahre 301 wurde - nach der Missionierung durch Gregor den Erleuchter - das Christentum Staatsreligion. Armenien ist somit das erste "christliche" Land der Welt. Die Feiern zu diesem 1700-Jubiläum bilden für viele Armenier - im Kaukasusstaat ebenso wie in der Diaspora - den Anlass zu politischen Auseinandersetzungen - vor allem mit der Türkei, die den Völkermord an den Armeniern von 1915/17 immer noch nicht anerkennen will.

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