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Aufbruch zur modernen Kunst in München

„Wir suchen heute unter dem Schleier des Scheines verborgene Dinge in der Natur“, schrieb Franz Marc 1912 im „Pan“. Rund 50 Jahre zuvor war man von dieser die Kunst des 20. Jahrhunderts revolutionierenden Erkenntnis jedoch noch weit entfernt. Die Rekonstruktion der ersten internationalen Kunstausstellung, die im Jahre 1869 im Münchner Haus der Kunst stattfand (im Rahmen des weiten Ueberblicks: „München 1869 bis 1958 — Aufbruch zur modernen Kunst“), zeigt ein merkwürdiges Mosaik von Historienmalerei, ödem Naturalismus und zweifellos großer Kunst, die allerdings tief im klassizistisch-romantischen Wurzelwerk hängt und deren Ziel in jedem Fall die ideale Interpretation einer meist freundlich-lieblichen Natur ist. Zwischen Möbelstücken aus der Zeit, dicken Vorhängen und Palmengezier postierte man nach dem Muster der Glaspalastausstellungen brav-biedere und auch ganz schlechte Bilder neben solchen der Maler Corot, Courbet, Leibi und Manet oder die fragwürdig gewordenen von Böcklin, Kaulbach und artverwandten.

Mit der Gruppe „Leibi und sein Kreis“ wird der Aufriß einer neuen Entwicklung fortgesetzt. Trotz dpi Bilder von Haider, Hildebrand, Hans Thoma und ds deutschen Impressionisten Trübner ist es mehr eine gut belegte Leibi-Ausstellung en miniature. Stark tritt die Kunststadt München um die Jahrhundertwende hervor: von dieser Zeit und dem, was sich in der Stadt bis in die zwanziger Jahre hinein austobte, genial gebärdete oder es auch war, und schließlich auch abklärte, während wie nebenbei einige der großartigsten und weitreichendsten Schöpfungen und Ideen geboren wurden, zehrt München (und Schwabing) ja noch heute. Zum Ausdruck kommt dies in der Ausstellung „Vom Jugendstil zum Blauen Reiter“. „Die Kunst war und ist in ihrem Wesen jederzeit die kühnste Entfernung von der Natur und Natürlichkeit“, ichrieb Franz Marc im „Pan“ weiter. Dies gilt nicht nur für die Malerei der Blauen Reiter, Campendonc, Delaunay, Jawlen-sky, Kandinsky, Klee, Kubin, Macke, Marc, Munter und Werefkin (die neben anderen mit schönen Beispielen vertreten sind — von Marc sieht man sogar einige ganz unbekannte Bilder neben einer Reihe seiner berühmtesten), sondern schon für die Buch-und Schriftkunst des Jugendstils, seine Plastik, Architektur und Tischlerei, die Zeichnungen und Graphiken Th. Th. Heines, Thönys und Gulbranson im „Simplicissimus“, die „Jugend“ und di Künstlervereinigung „Neu-Dachau“, die von dem heute zu Unrecht nur sehr wenig beachteten Hoelzel geleitet wurde. Innerhalb weniger lahre entstand da bis zum Ausbruch des Krieges, der die weitere Ent|jj Wicklung jedoch kaum hemmte, ein Reichtum an '* Möglichkeiten, Kunst und Dasein unter völlig veränderte Aspekte zu stellen und neu zu ordnen, von dem die Kunst noch heute lebt — vor allem, wenn man berücksichtigt, was außerhalb des in dieser Ausstellung gezeigten und fast nur auf München bezogenen Kreises noch entstanden ist. Der hier gebotene Ueberblick — die Ausstellung läuft bis zum 5. Oktober — zeugt vom Glanz des Beginns neuere* Malerei sehr eindrucksvoll.

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