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Ausbeutung von Frau und Natur

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Rosemary r. ruether zeigt Zusammenhänge zwischen der Ausbeutung der Natur und der Frau auf. Das Christentum ist beteiligt - aber es befreit auch.

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Rosemary r. ruether zeigt Zusammenhänge zwischen der Ausbeutung der Natur und der Frau auf. Das Christentum ist beteiligt - aber es befreit auch.

DIEFURCHE: Sie propagieren „ökofeministische ” Spiritualität Was ist das? Rosemary Radford Ruether: Beim Okofeminismus geht es darum, die Zusammenhänge zwischen der Ausbeutung der Frau und jener der Natur zu untersuchen. Diese gibt es. So wird in den patriarchalen Kulturen die Natur als weiblich dargestellt, etwa mit weiblichen Bezeichnungen. In gleicher Weise könnte man untersuchen, wie der Kolonialismus mit der Ausbeutung der Natur zusammenhängt. All das hängt zusammen.

DIEFURCHE: Heißt das, jede ökologische Bewegung sollte auch eine soziale sein? RüETHER: Ja. Die Ausbeutung der Natur muß zusammen mit dem Mißbrauch von Menschen oder Gruppen von Menschen gesehen werden. Oft geschieht dieser dadurch, daß man andere nicht als vollwertige Menschen ansieht. Um zu „ökologischer Gerechtigkeit” zu kommen, muß das Augenmerk auf Gruppen mißbrauchter Menschen gerichtet sein. Okofeminismus tut das besonders mit Bezug auf die Frauen, aber das ist nicht der alleinige Zugang.

DIEFURCHE: Aber die spezifisch feministische Frage ht...

RUETHER: ... wie die Ausbeutung der Natur mit der Ausbeutung der Frau ...

DIEFURCHE: ... und das hängt wirklich zusammen ...?

RUETHER:... weil Natur und Frauen in einer ähnlichen Weise mißbraucht werden. Das wird schon an der Sprache sichtbar. Wir sprechen davon, daß wir. die Erde „vergewaltigen”: Die gleiche Wortwahl wird bei sexuellem Mißbrauch verwendet. Diese Symbolik zeigt schon, daß die Natur ähnlich betrachtet wird wie die Frauen. Ich meine damit nicht die Sprache an sich; aber der Mißbrauch der Frauen wird kulturell so modelliert, daß er mit dem Mißbrauch der Natur zusammenhängt.

DIEFURCHE: Welche Rolle spielt das Christentum dabei?

RUETHER: Es gilt zunächst festzustellen, ob das Christentum Teil der angesprochenen Unterdrückungskultur ist, inwieweit das Christentum die Sprache über die Frauen und über die Natur geformt hat. Auch hier zeigt sich einiges: Frauen galten als minderwertig, die Sicht des weiblichen Körpers und der Sexualität war erniedrigend. Daran hat das Christentum Anteil gehabt. Andererseits gibt es im Christentum auch Zeichen der Befreiung, die helfen können, diese Art des Modellierens von Frau und von Natur zu überwinden.

DIEFURCHE: Wasßr Zeichen? RüETHER: Da ist zum Beispiel eine Rede von Gott, die nicht mit „körperlicher” Sprache verbunden ist, eine „sakramentale” Sprache, die Sprache der Befreiung durch den Bund Gottes. Diese findet sich viel mehr in der Hebräischen Bibel (dem Alten Testament, Anm.) als im Neuen Testament.

DIEFURCHE: Warum gerade dort? RUETHER: Weil diese viel mehr von ländlicher Kultur geprägt war als das Christentum, das eine städtische, vom Land geschiedene Bewegung war. Deshalb findet man in der Hebräischen Bibel Symbole, die in Beziehung zum ländlichen Jahreszyklus stehen. All das ist im Christentum verlorengegangen.

DIEFURCHE: Ist das Judentum - ökofeministisch gesprochen - also besser? RüETHER: Das ist nicht so einfach zu sagen. Es gibt im Judentum gute Traditionen. Aber die westlichen Juden heute sind auch vom Land geschieden ...

DIEFURCHE: Ist es für Sie schwer im Christentum Befreiendes zu entdecken? Was bewegt Sie, Christin zu bleiben3 RüETHER: Zum einen besteht das Christentum ja nicht nur aus dem Neuen Testament, es wurzelt in der Hebräischen Bibel. Die alten Traditionen sind wiederzugewinnen. Weil das Christentum universal ist, kann es diese sogar auf jedes Land anwenden. Im jüdischen Kontext ist das viel schwieriger, weil „Land” dort ein bestimmtes Land ist.

DIEFURCHE: Welche Rolle spielt Jesus in diesem Zusammenhang? Er ist Mann Gibt es den feministischen Zugang, der Jesus und auch die Natur einschließt' RüETHER: Gott hat Mann und Frau erschaffen und mit gleichen Gaben ausgestattet. Daß Jesus ein Mann war, ist nicht das Problem. Schwierig wird es, wenn man aus dieser Tatsache die Berechtigung zu patriarchaler Dominanz ableitet. Das Problem ist eine „masku-linistische” Christologie, nicht Jesus Christus. Es ist sehr interessant, daß die feministische Theologie Jesus als jemanden betrachtet, der die patriarcha-le Welt durchbrach. Es gibt auch eine Christologie, die „kosmologisch” ist, die für eine ganzheitliche Sicht der Welt eintritt.

DIEFURCHE: Sie schreiben auch, daß die Kosmologie des zu seinen Lebzeiten verfemten Jesuitendenkers Pierre Teilhard de Chardin mit Ihrer Vision im Zusammenhang steht

RUETHER: Teilhard hat diese kosmolo-gische Christologie neu entdeckt. Einige seiner Gedanken sind zwar überholt. Diese Aspekte benötigen eine Neuinterpretation. Beispielsweise sind viele seiner Gedanken eurozentrisch und unsensibel den einheimischen, indigenen Kulturen gegenüber. Dennoch handelt es sich dabei um eine sehr starke „ökologische Theologie”.

DIEFURCHE: Gibt es in bezug auf eine Schöpfungsspiritualität einen Dialog den anderen Weltreligionen3 BüETHER: Es liegt ein großer Wert darin, die ökologische Spiritualität in jeder Religion zu entdecken. Auf der Harvard-Universität wurde eine Reihe von Konferenzen veranstaltet, wo die Tradition jeder Weltreligion in bezug auf eine ökologische Spiritualität beleuchtet wurde. Das führte gleichzeitig zu einer tiefen Reflexion der jeweils eigenen Traditionen und dann zu einem Dialog zwischen ihnen. Man kann nicht davon ausgehen, daß eine Tradition alle Antworten geben kann.

DIEFURCHE: Man muß also vielen Traditionenfolgen3

RüETHER: Niemand kann gleichzeitig vielen Traditionen folgen. Was ich meine, ist, daß jede Glaubensgemeinschaft ihr Potential an ökologischer Spiritualität prüfen muß. Dann können wir solidarisch voneinander lernen. Ich meine nicht, daß man Hindu werden muß, aber man kann vom Hinduismus manches lernen, was die eigene Tradition vertieft...

DIEFURCHE: ... und am Ende des Weges steht eine universelle Religion für alle?

RUETHER: Genau das meine ich nicht. Mir geht es um den Respekt vor der Verschiedenheit der Kulturen. Das gilt auch im Negativen: In China beispielsweise gibt es buddhistische und konfuzianische Traditionen, die mittlerweile auch marxistische Aspekte enthalten -dort wird die Natur aber ebenfalls ausgebeutet. Um die Natur zu mißbrauchen, muß man also nicht Christ sein! Menschen in obigem Kontext müssen herausfinden, wie ihre ökologische Spiritualität aussehen kann. Und sie wird anders sein als meine: Wir brauchen globale Solidarität; nicht aber globale Beduktion zu einer Kultur.

DIEFURCHE: Steht das nicht im Gegensatz zu einem universalistischen Konzept des Christentums, das Mission erfordert, um die, frohe Botschaft ” zu verbreiten?

RUETHER: Das ist falscher Universalismus, das ist Imperialismus! Der Imperialismus sagt nichts anderes als: Unsere spezielle Kultur ist die einzige Kultur für alle. „Universalismus” heißt „Einer unter vielen”, nicht „Reduziert die vielen zu einem!”

DIEFURCHE: Dennoch: Wie kann man dem Auftrag gerecht werden, „den Armenfrohe Botschaft, zu bringen ”? Ist das nicht ein Widerspruch? RüETHER: Nein. Ein Widerspruch entsteht nur dann, wenn die Anschauung falsch ist, was „frohe Botschaft” ist. „Frohe Botschaft” heißt Leben, Freiheit, Gerechtigkeit für alle Menschen. Sie bedeutet eine liebende, eine göttliche Beziehung und nicht, daß die anderen unsere Sprache und unseren Kult übernehmen müssen.

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