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Ausgrabungen in Klosterneuburg

Vor etwa zehn Jahren gelang die überraschende Feststellung, daß sich zwischen dem machtvollen barocken Klosterkomplex und der „Hundskehle“ in Klosterneuburg Reste der Pfalz Leopolds III., des Heiligen, und Leopolds VI., des Glorreichen, erhalten haben. Der größte Teil dieser stattlichen mittelalterlichen Residenz war jedoch im Laufe der Jahrhunderte im Boden versunken. Die ehemalige Pfalzkapelle Leopolds VI., künstlerisch das wertvollste Glied der Anlage, im Jahre 1222 geweiht, hatte es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ausgehalten, als sie das Schicksal der Demolierung ereilte. Romantisches Gefühl rettete einen Teil ihrer Marmorausstattung, Säulen mit Kapitellen edler burgundischer Gotik, in die Franzensburg in Laxenburg. Dieses Kleinod frühgotischer Baukunst wenigstens in der Vorstellung wieder auferstehen zu lassen, war die Triebfeder des Beginnens, die Grundmauern dieses Bauwerks freizulegen und damit genaue Anhaltspunkte für seine Rekonstruktion zu gewinnen, begleitet außerdem von der Hoffnung, Reste des römischen Lagers aufzufinden. Wissen und viel Finderglück wirkten bei Grabungen mit, die kürzlich auf Initiative des Bundesdenkmalamtes begonnen wurden, und bereits weitreichende Auf-

Schlüsse über die römische und mittelalterliche Vergangenheit Klosterneuburgs ergeben haben.

Der Wiederentdecker der Babenbergerpfalz, Universitätsprofessor Dr. Karl Oettinger, leitete selbst, zusammen mit dem Berichter, die Freilegungs-arbeiten, die vom Grundeigentümer, dem kunstsinnigen Augustinerchorherrenstift, jede erdenkliche Förderung und Unterstützung erfuhren. Da die Aussicht bestand, das römische Lager in seinem fast zwei Jahrtausende währenden Schlaf zu störet), wurde das Oesterreichische Archäologische Institut, vertreten durch Frau Dr. Herma Thaller, zur Mitarbeit aufgefordert. Das Grabungserge b-ni-släßt Klosterneuburg ebenbürtig i n d i e R e ihe der klassischen Ausgrabungsstätten an der Donau, Carnun-tum, Wien und Lorch treten.

Entlang den nördlichen Fundamentmauern der Capeila speciosa oder marmorea — so genannt, weil sie im Inneren mit Marmor ausgekleidet war — kamen hauptsächlich drei Bauten oder Bautengruppen zutage, die in künftigen Grabungen vollends freigelegt werden sollen. Schon jetzt läßt sich sagen, daß der Baumeister die Westfassade der Palastkapelle mit dem Fundament auf einen vermutlich dreiapsidalen Zentralbau setzte, der noch etwa zwei Meter hoch unter der Grünanlage in einiger Entfernung von der Stiftskirche aufrechterhalten blieb. Diese Kapelle aus altchristlicher Zeit, von der ein Apsidenfenster zum Vorschein kam, dürfte das besterhaltene Beispiel dieses Typus an der Donau sein und ein für den Denkmälerbestand Oesterreichs jener Epoche einzigartiges Objekt darstellen. Innerhalb der Capella speciosa fanden sich Reste eines großen Bauwerks, dessen Längsmauer, allem Anschein nach aus spätantiker Zeit herrührend, mit einer romanischen Apsis versehen wurde. Nach der derzeitigen Grabungssituation läßt sich wohl nur eine dreischiffige Kirche rekonstruieren, wobei an die erste Stiftskirche von 1108 gedacht werden könnte. In die älteste Schicht des Grabungsgeländes reichen zwei Mauern von beträchtlicher Stärke, nördlich der marmorsteinernen Kapelle gelegen, die sich als xömisch-kaiserzeitlich, um oder nach 100 n. Chr., erweisen und welche vielleicht von zwei größeren Bauten des Römerlagers stammen. An diese beiden Mauern schließt sich ein richtiger — wie der Archäologe sagt — „Mauernsalat“ an, eine Verknotung von Fundamenten, die, spätantik bis spätmittelalterlich, von mehrmaligen Umbauten und teilweiser Wiederverwendung zeugen. Die Entwirrung dieser Mauerbestände bildet eine Spezialität für archäologische Feinschmecker, und es ist ein Kuriosum, daß zur Auflösung dieses Mauerknotens ein Platzregen nicht unwesentlich mithalf, da sich im nassen Zustand die einzelnen Mauern mit ihren verschiedenen Mörteln plötzlich sauber voneinander abhoben.

Diese Gebäudegrundrisse mit den beiden 'Apsidenbauten machen wahrscheinlich, daß über dem Platz der Kaiserzeit und vermutlich des Lagers sich die altchristliche Stadt erhoben hat, in welcher St. Severin hierzulande wirkte. In dieses Gebiet nistete sich dann die romanisch-frühgotische Pfalzanlage der Babenberger ein. Der Klosterneuburger Stiftsplatz hat sich somit als Fundstätte von bedeutendem historischem Rang erwiesen, und es bleibt zu hoffen, daß in naher Zukunft die erforderlichen Mittel aufgebracht werden, damit diese historische Stätte der Forschung vollends erschlossen und der Besichtigung zugänglich gemacht werden kann.

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