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BAYRISCHE FRÖMMIGKEIT

München hat sich als Stadt großer Ausstellungen in den vergangenen Jahren einen guten Namen erworben. Hatte man zunächst sein ganzes Bemühen auf die Wiederaufstellung der traditionellen lokalen Sammlungen und ihrer zerstörten Gebäude gerichtet, so kamen bald danach viele ehrgeizige Pläne zur Verwirklichung. Es hat allen Anschein, als wolle München, die nunmehr größte deutsche Stadt, die Funktion Berlins als geistige Metropole des Nachkriegsdeutschland übernehmen. Die Voraussetzungen hierfür sind günstig, künstlerisches Schaffen und Kunstsinn sind dem deutschen Süden von Natur aus eigen, der Norden konnte den programmatischen Charakter seiner Kunstbestrebungen nie ganz verleugnen.

War schon die Wiedereröffnung der Pinakothek im Sommer 1957 ein Ereignis ersten Ranges, so dürften die Ausstellungen „Europäisches Rokoko“ (1958), „Chinesische Kunst“ (1959) und in diesem Jahr „Bayrische Frömmigkeit — 1400 Jahre Christliches Bayern“ als Marksteine des deutschen Kunstlebens nach dem Kriege gewertet werden.

Auch das Haus der (ehemals deutschen) Kunst hat seit seiner Wiedereröffnung ein bestechend modernes Programm. In einer nicht abreißenden Kette bietet es seinen Besuchern kostspielige Ausstellungen der Kunst des 20. Jahrhunderts, und man vergißt darüber gerne, wie viele Werke dieser Epoche während des Dritten Reiches der Vernichtung anheimgefallen sind. Die Erinnerung an die Kunst von Klimsch und ihm artverwandter Künstler, denen dieser im neoklassizistischen Stil erbaute Pseudoperipteros langjähriges Heim war, verblaßt allmählich.

Die gigantische Ausstellung, die München in diesem Sommer für die Tejjnehmer des Euchari-stischen Kongresses im Stadtmuseum am Jacobsplatz veranstaltet hat, verdient auch in Österreich Beachtung. Nicht nur, weil sich unter den fast 1800 Objekten mit Leihgaben aus Frankreich, Italien, Portugal, Schweden und der Schweiz auch schöne Beiträge aus Österreich finden (so u. a. das romanische Taufbecken aus dem Salzburger Dom, ein ebenfalls romanischer Weihrauchkörnerbehälter aus dem Kloster Nonnberg oder der ottonische [?] Tassiloleuchter aus dem Stifte Kremsmünster), sondern vor allem deshalb, weil die Kirchengeschichte Österreichs und Bayerns durch das Erzbistum Salzburg (seit 788), dem die Bistümer Freising, Regensburg, Passau und Chiemsee als Suffragane unterstellt waren, aufs engste miteinander verknüpft ist. Auch ist beiden Ländern die Verwurzelung ihres Christentums in dem der Spätantike gemeinsam. Hier wie dort wurde das Land südlich der Donau und seine Bevölkerung durch mehr als vierhundert Jahre mit den zivilisatorischen Errungenschaften des Römischen Reiches vertraut gemacht und so vorbereitet für eine spätere eigenständige Kulturblüte.

Hier wie dort weisen zahlreiche Spuren auf eine keltische Besiedlung des Landes vor und während der Römerzeit, hier wie dort versuchte eine weitgehend romanisierte Bevölkerung den Anstürmen der Germanen standzuhalten. Waren die Bayern, als sie im 5. Jahrhundert n. Cln\ aus Böhmen (Boiahemun), Mähren, Ungarn über Österreich nach Bayern einwanderten, noch Heiden, so hatte die Berührung mit den im Lande zurückgebliebenen romanischen Christen und die im 6. Jahrhundert einsetzende Mission der irischen und burgundischen Mönche rasche Erfolge gezeitigt. So dürfte die spätantike Bischofskirche von Augsburg, deren Reste neuerdings entdeckt wurden, ebenso wie die kleine frühchristliche Kirche auf dem Lorenzberg bei Epf-ach am Lech (die Modell Nr. 112 mit dem byzantinischen Zweitbau wiedergibt) die Stürme der Völkerwanderungszeit überdauert haben.

Zahlreich sind die frühchristlichen Funde aus dem Gebiet der ehemaligen Provinz Raetia Secunda (Bayern südlich der Donau) und dem Zehentland (Ager Decumanus zwischen dem Germanischen Limes und der Donau), die die Ausstellung chronologisch einleiten. Zwei Grabsteine aus Regensburg und Augsburg sind die ältesten Zeugnisse (4. Jahrhundert n. Chr.). Dann folgen eine Reihe ungewöhnlicher Eisen-kreuze (Aufsteck- oder Liegekreuze, etwa 7 bis 15 Zentimeter lang, in lateinischer und griechischer sowie Andreas- und Ankerkreuzform, mit Ösen; diese Kreuze wurden dem Toten auf das Gewand geheftet, um ihn im Jenseits als Christen auszuweisen) irischer oder irisch-burgundischer Provenienz, die einzeln innerhalb römischer Bauten (die von Eremiten noch benützt wurden), in größerer Zahl aber in den Ruinen eines römischen Kasernenbaues auf dem Weinberg bei Eining an der Donau gefunden wurden. Lango-bardische Goldblattkreuze hatten ebenfalls Ösen zum Aufnähen an Totenhemden. Scheibenfibeln, Prunkfibeln (so die sogenannte Fürstenfibel von Wittislingen, Nr. 5), Riemenzungen aus Metall mit Silber- und Goldtauschierungen tragen christliche Inschriften, Christusköpfe oder Symbole wie Fisch, Adler oder Kreuz, aber auch gnostische Zeichen. Man erinnert sich an Überlieferungen der frühen Kirchengeschichte, wonach sich viele nordafrikanische Mönche nach dem Zusammenbruch des Vandalenreiches in Bayern niederzulassen versuchten, es wird von wilden Schlägereien zwischen diesen und den rechtgläubigen lokalen Priestern berichtet. Alle hier aufgezählten Objekte werden dem 6. und 7. Jahrhundert zugerechnet. Um diese Zeit also waren auch die zugewanderten Bayern bereits Christen, und eine bayrische Prinzessin, die selige Theodolinde, konnte das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, als Königin der arianischen Langobarden diese 599 zum Katholizismus bekehrt zu haben. Diese auch politisch weise Tat trug ihr die dauernde Freundschaft und Wertschätzung Papst Gregor des Großen ein, dessen Briefe an sie „libri epistularum“ davon zeugen. Noch bedeutender aber als diese sind die kostbaren Geschenke des Papstes, die als „Schatz von Monza“ in die Kunstgeschichte eingegangen sind.

Diese einmaligen Schätze (weil sie authentisch mit einer historischen Persönlichkeit verknüpft werden können) bilden den Höhepunkt dieser Ausstellung. Es handelt sich hier fast durchweg um Erzeugnisse der römischen Gold-schmiedekunst um 600 n. Chr. und die Stücke dürften eigens für die Langobardenkönigin angefertigt worden sein. Die Theodolinden-Krone, als Votivkrone für den Dom zu Monza, d:n die Königin in der zweiten Residenz des Langobardenreiches erbaute, bestimmt, war mit fünf Reihen kostbarer Edelsteine in Kastenfassung geziert, die zum Teil im Laufe der jahrhunderve gegen Perlmuttereinlagen ausgewechselt wurden.

Der sogenannte Saphirbecher, eine dunkelblaue römische Glasschale, jetzt mit einem silber-vergoldeten Kelchfuß aus gotischer Zeit, ist schon mit anderen Teilen des Schatzes (Krone und Hühnergruppe) auf dem Tympanon des Domes zu Monza, allerdings noch in seiner ursprünglichen Fassung, in Relief dargestellt.

Kamm und Fächer der Königin werden ebenfalls gezeigt; wichtiger aber als diese sind die beiden Hängekreuze, das Gregoriuskreuz, ein ostchristliches Brustkreuz (Enkolpion) aus Gold mit Nielloeinlagen, das später in einen Bergkristall eingeschlossen wurde, und das Kreuz des Agilulf, des zweiten Gemahls der Theodo-linde, eine crux gemmata (Edelstein- und Perlverzierung auf Gold), Geschenk des Papstes an den König. Ein solches ist auch der prachtvolle Evangeliareinband aus Gold mit acht antiken Kameen, Perlen und Zellenschmelz und ' der originalen Widmungsinschrift an die Königin. Daneben geben Zinn-Blei-Glas- und Ton-ampullen Aufschluß über den Reliquienkult dieser Zeit, Aufschriften wie „Öl vom Holze des Lebens, von den heiligen Stätten Christi“ lassen an industriell hergestellte Pilgermitbringsel denken. Erläuterungen zu den Reliquien beinhaltet die „Notula“, ein Papyrusblatt mit Eichengallen-tinte beschrieben; liturgische Schriftreste können auf dem „Gregorius Corporate“ entziffert werden. Auch ein Brieffragment Papst Gregor des Großen an Agilulf ist darunter.

Sehr heiter stimmt die Gruppe „Henne mit sieben Kücken“ (La Pica); sie wurde bei der Öffnung des Sarges der Theodolinde gefunden. Auch dieses Stück ist auf dem Tympanon des Domes in Relief verewigt. Die Gruppe der Hühner ist auf eine Platte von 0.46 Zentimeter Durchmesser gestellt, die Henne ist 26 Zentimeter hoch; man hat noch immer keine befriedigende Erklärung für diese spätrömische Arbeit aus vergoldetem Silber gefunden. Sollte sie die Landesmutter mit ihren sieben Grafschaften verkörpern?

Es gäbe noch vieles über diese Ausstellung zu berichten, so die anschaulichen kartographisehen Darstellungen der frühchristlichen Funde, der Bischofssitze und Benediktinerklöster in Bayern um 800 n. Chr., die Wallfahrten des Landes sowie „Bayern als Missionsherd“ für den Osten, Südosten, Nordosten und Norden, wobei uns Salzburg immer wieder als Mittel-und Ausgangspunkt ins Auge fällt.

Unter der Kunst des frühen Mittelalters sind einige besonders ergreifende Schmerzensmannfiguren oder die Schwarze Muttergottes von Ruhpolding; die Gotik ist durch einige hervorragende Tafelbilder (Holbein der Ältere, Lukas Cranach, Jan Pollack u. a. m.), Holzschnitzereien (Tilman Riemenschneider, Hans Lein-berger) vertreten. Büstenreliquiare aus Silber, zum Teil vergoldet, vom 13. bis zum 17. Jahrhundert, und reichgestickte Meßgewänder und Insignien der Würdenträger veranschaulichen den Reichtum der bayrischen Klöster und Kirchen. Beinahe sprachlos steht man vor den Werken der barocken Großplastik, der Figur des heiligen Christopherus von J. A. Feichtmeyr oder der Mater Dolorosa aus der Rohrbergkirche in Hengersberg. Bayrische Religiosität der höchsten Kreise verkörpert die silberne Votivfigur des Kronprinzen Maximilian Josef von Wilhelm de Groff (1737, 94 Zentimeter hoch), für diejenige des einfachen Volkes bietet die lebensgroße Wachsvotivfigur der Anna Bruggmayr aus dem Kreszentiakloster in Kaufbeuren ein sprechendes Zeugnis. Können die Werke der modernen religiösen Kunst, die als chronologischer Abschluß der Ausstellung gezeigt werden, wirklich an die mit inbrünstigem Vertrauen, aber auch fordernden Glauben geschaffenen der Vergangenheit herankommen?

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