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Bunte Mauern

Nachzügler der Stilentwicklung werden heute gerade so weit sein, sich zur schlichten Einfachheit und glatten Fassade zu bekennen. Was noch vor wenigen Jahrzehnten Kampfruf war und fanatische Forderung der vorwärtstreibenden und -strebenden Neuerer, ist Allgemeingut geworden. Jene aber, die heute voranschre'iten, vermögen nun wieder zu differenzieren. Früher galt es, die Verlogenheit eines Dekors, die Sinnlosigkeit eines unorganisch gewordenen Ornaments, die unlogische und destruktive Überladung ungeordneter Reißbrettarchitektur zu überwinden. Erst mußte Ordnung gemacht werden, der billige und hohle riachbarocke Dekor mußte erst abgeschlagen und die Schönheit der glatten Fassade wieder sichtbar werden. Nach dieser „Aufräumearbeit" konnte und kann wiederum aus der kahlen Kargheit und rein technisch errechneten Architektur sinnvoll Farbe und Form als Bauelement einbezogen und organisch entwickele werden. Noch fehlt es zumeist an ein r engen Verbundenheit von Baukunst und Malerei. Noch ist es ein Nebeneinander, kein Zueinander und Ineinander von der Kunst des Raumes und der der Farbe. Auch zeitlich oft ein Nacheinander: erst nach Fertigstellung des Bauplans wird ein geeigneter Platz zur Anbringung eines Mauerbildes gesucht. Nicht unähnlich jenem Mann, der einmal ein Bild kaufte, mit der Begründung, er brauche es, um damit einen feuchten Fleck an der Zimmerwand zu verdecken ... Noch ist die Farbe nicht mitbestimmendes Element und meist nur gelegeritlicher Schmuck einer zufällig leerein Fläche. Sinnlos wäre es, Wände mit Bildern oder durch Plastiken zu gliedern oder zu schmücken, an denen hastende Menschen vorbeieilen, wie etwa die Bahnsteigseite einer Bahnhofshalle. Der künstlerische Mißerfolg des Preisausschreibens zur Ausschmückung des neuen Westbahnhofs ist nicht zuletzt auch aus diesen Gründen zu erklären.

Doch scheint sieh Neues anzukünden. Das Wkndbild, insbesondere das für die Außenflächen eines Gebäudes geschaffene, ist weitgehend 'vom Technischen her bestimmt. Das ideale Mauerbild, da echte Fresko, ist — zumindest in der Großstadt, infolge der zerstörenden Wirkung einer von verschiedentlichen Gasen durchsetzten Luft — nicht recht möglich, ehe sorgfältige Versuche, die Freskomalerei gegen die Einflüsse des Großstadtklimas widerstandsfähig zu machen, Erfolge zeitigen. Die oft verwendete Sgrafittotechnik zwingt leicht zu einer bloß dekorativen Gestaltung und unterliegt, wenn auch weniger als das subtiler gemalte Fresko, der atmosphärischen Einwirkung.

Ein sowohl malerisch als auch ornamental wirkendes Mauergemälde wird durch die uralte Kunst des Mosaiks ermöglicht. Dieses, aus kleinen zurecht- gesdiiagenen oder geschliffenen Sternchen oder aus gefärbten Glasstücken zusammengesetzt, bietet den Einflüssen der Witterung Widerstand und' gibt dem Künstler genügend Freiheit der Aussage. Doch wird das Stein- (Marmor-) Mosaik durch die Naturfarbe des Materials immer eine mehr tonige Wirkung ergeben, während das farbig natürlich reiche Glasmosaik durch die Transparenz eine ganz bestimmte und zweckbestimmende Wirkung ausübt, die nicht überall angebracht erscheint.

Ohne die Verwendungsmöglichkeit der beiden vorerwähnten Mosaiktechniken in Frage stellen zu wollen, wurden in den letzten Monaten Versuche unternommen, aus keramischen Steinchen Mosaikbilder zu schaffen. Nach vielen und vielerlei Experimenten (bei der Wienerberger Ziegelfabriks- und Bäugesellschaft), die eine Verbilligung und

Vereinfachung der neuen Technik für monumentale Mosaike ermöglichen sollten, gelangte man schließlich zu einer Form und Verwendbarkeit des keramischen Materials, mit dem gegenwärtig der Autor dieser Zeilen an einem 3 m breiten und 9 m hohen Mosaik arbeitet. Die in verschiedenen Farben glacierten Streifen, 6 mm stark und 4 bis 17 mm breit, aus grauweißer, dichtgebrannter (über 1100 Grad) Spezialmasse, werden mit einer Zange entsprechend zerkleinert, auf eine mit Plastilin überzogene Eternitplatte, welche die Konturen des Entwurfs (ähnlich wie beim Fresko) durchgedrückt zeigt, gelegt, ausgegossen und auf eine drahtarmierte Betonschicht fixiert. Diese einzelnen, aneinanderpassenden 35 X 35 cm großen Platten werden dann in die Mauer versetzt.

Die Verschiedenartigkeit der Glasuren, ihre Tonigkeit und ihr spezieller Charakter ergeben immer neue malerische Möglichkeiten. Matte, in grauen, ziegelroten, schwarzen und weißen Tönen gehaltene Mosaikstreifen oder glänzende, in leuchtenden Farben, können, der Eigenart des entwerfenden und ausführenden Künstlers entsprechend, verwendet werden.

Es sind also derzeit zwei Voraussetzungen gegeben: die endgültig „abgeräumten" Mauern und eine Technik der Wandmalerei, die in ihrer Verwend barkeit großen Spielraum läßt. Zwei Möglichkeiten, und gewiß auch zwei Gefahren! Die kahle Fassade nun nur „bekleiden“ zu wollen und so wiederum bloß zu einer rein äußerlichen Omamen- tierung zu gelangen einerseits, andererseits aber auch die Gefahr vom Malerischen her. Weder das Rahmenbild noch das Plakat werden sich als geeignet erweisen. Das Rahmenbild seiner intimen, das Plakat seiner dekorativen Art wegen. Denn das ist ja der Unterschied zwi- . sehen einem Plakat und einem Kunstwerk: das Plakat soll in kürzester Zeit die stärkste Wirkung erzielen, das Kunstwerk aber immer neue Geheimnisse enthüllen, immer lebendig und un- ausschöpflich bleiben. Diesen beiden Gefahren — der bloß dekorierten Fläche und der mißverstandenen, entweder zu intimen oder zu oberflächlichen Art der Wandmalerei — kann aber nur dann sinnvoll begegnet werden, wenn die Bauherren es dęn zeitnahen Baukünstlern ermöglichen, wieder architektonisch zu denken und wieder Raum zu gestalten. Eine zweckentsprechende und zeitgemäße Anlage der Wohn- oder Arbeitsräume ist eine Selbstverständlichkeit und wird natürlich für die Planung grundlegend sein.

Zu einer solchen Raumgestaltung wird sich der Baukünstler auch des Mau Nubildės (oder der echten Architekturplastik) als eines besonderen Elements bedienen. Was in der Regel, insbesondere bei uns, gebaut wird!, sind meist nichts anderes, als vom barocken oder pseudobarocken Stuck befreite altmodische Häuser, recht fern von dem, was zeitgemäß und den heutigen Lebensformen entsprechend wäre. Daß man Wohnräume bloß verkleinert, aber ihre einmal sicherlich berechtigt gewesene Anordnung beibehält und So aus „großbürgerlichen" Wohnungen „kleinbürgerliche“ macht, ist' mißverstandene Moderne und erzeugt bloß das für jede Weiterentwicklung so gefährliche Gift des: „Ich möchte gern, aber ich kann es nicht so haben — -Wie es in der guten alten Zeit war .. . Ein Gift, das steril macht und lebensunfähig. Auch die Fassaden werden sich ändern,, sobald man dem zeitbedingten und zeitgeformten Leben des Menschen von heute entspre chende Beachtung schenkt. Natürlich, in einer Stadt, in der ein Lift doch noch so etwas wie eine Art Praterbelustigung bedeutet und die Selbstverständlichkeit solcher und ähnlicher technischer Behelfe noch keineswegs gegeben ist, wird man Geduld brauchen, bis vorbildliche Wohnstätten geschaffen werden können. Man wende nicht ein, daß es bei uns an geeigneten Architekten fehle, und wende auch nicht ein, daß unsere „Armut“ Schuld trage. Auch Finnland hat allerhand mitgemacht, aber heute wird die baukünstlerische Leistung dieses Landes als international vorbildlich bezeichnet!

Die Einbeziehung des malerischen Kunstwerks ins architektonische kann und darf aber nicht dem privaten Zufall überlassen bleiben. Daß von jedem (leider nur öffentlichen!) Bauvorhaben zwei Prozent der Bausumme für künstlerische Ausgestaltung verwendet werden sollen, ist bedauerlicherweise einstweilen nur „ein guter Rat“, noch kein Gesetz! Als solches würde es mit verhältnismäßig geringen Beträgen die Möglichkeit schaffen, unser künstlerisches Schaffen, wenigstens auf dem Gebiet der Baukunst und einer ihr zugeordneten Malerei und Plastik, wieder international konkurrenzfähig zu machen. Wir wollen

@@@@uns doch keiner Illusion hingeben: mit ganz geringen Ausnahmen bedeutet unser Kunstschaffen wenig oder nichts in der Welt. Wir müssen uns aus einer mißmutigen und meist verspäteten Nachahmung anderswo bereits überholter Experimente aufraffen und denen Wort und Arbeit geben, die Neues zu sagen und zu schaffen haben. Oder ist es zuviel verlangt, wenn Künstler das gleiche Recht für sich in Anspruch nehmen wie etwa ein Kanalisationsingenieur, der gewiß bei seiner Arbeit auch nicht, einer mißverstandenen vormärzlichen Tradition zuliebe, auf die neuen technischen Erfahrungen verzichten wird.

Das neue Mosaik gibt neue Möglichkeiten. Architekten und Maler werden gewiß zueinanderfinden und gemeinsam die Gefahren des Mißbrauchs der „bunten Mauern“ zu verhindern wissen. Wird aber auch der öffentliche oder private Auftraggeber die Chance erkennen, die sich darbietet? Zwei Prozent der Bausumme für die künstlerische Gestaltung

— oder lieber der Verzicht auf die Mitwirkung des kunstschaff enden Österreichs im internationalen Wettbewerb? Auch sorgenbedrückte Finanzminister werden sich die Frage stellen müssen, ob unser Staat in der Welt nur als. eine Kulturreminiszenz gelten soll? Nur als Wärter einer mumifizierten Kultur für einen erhofften Fremdenverkehr? Bunte Mauern — oder die grauen Straßen der Trostlosigkeit und des Verfalls?

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