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BYZANZ IN ATHEN

Den Touristen, der in diesem Frühjahr nach Athen kommt, erwartet eine zusätzliche Überraschung, die so bedeutend ist, daß auch eigentlich sie allein eine Reise nach Athen rechtfertigen würde: die im Rahmen des Europarates von Griechenland veranstaltete internationale Ausstellung byzantinischer Kunst.

Trotz der Ikonenmode der letzten Jahrzehnte wissen wir in Westeuropa von Byzanz nicht allzuviel. Dies gilt auch von seiner Kunst, obwohl wir doch in Venedig und Ravenna, die beide jahrhundertelang zum Byzantinischen Reich gehörten und noch länger unter seinem kulturellen Einfluß standen, eine byzantinische Kunstprovinz ersten Ranges auf westeuropäischem Boden haben. Weitgehend unbekannt ist noch immer, welche bedeutenden Anregungen unsere werdende abendländische Kunst des Hochmittelalters in Romanik und Gotik Byzanz verdankt. So ist eine umfassende Gesamtschau dieser etwa zwischen dem 5. und 15. Jahrhundert blühenden Kunst ein dankbares und fruchtbares Unternehmen. Zweimal bereits hat es Ausstellungen byzantinischer Kunstwerke in internationalem Rahmen gegeben: 1931 in Paris und 1958 in Edinburgh, innerhalb der dortigen Festspiele. Um es vorwegzunehmen: die Athener Ausstellung übertrifft sie alle bei weitem, und ist erstmals eine Gesamtschau, die eine umfassende Orientierung über alle Zweige und die ganzen Entwicklungslinien der byzantinischen Kunst ermöglicht.

Die vom jungen griechischen König Konstantin eröffnete Ausstellung ist ausgezeichnet untergebracht und angeordnet. Das große, mitten in der Stadt und doch in einem ruhigen Park gelegene Ausstellungsgebäude des Zappeion ist für einen solchen Zweck vortrefflich geeignet. Freilich bedarf es einer entsprechenden Innenarchitektur, um die gezeigten Kunstwerke vorteilhaft zur Geltung zu bringen. Dies ist den griechischen Schöpfern — deutlich zeigt sich der Einfluß der Ulmer Hochschule für Gestaltung und Formgebung — ausgezeichnet gelungen.

Haibent sua fata libelli. Der Russe Ainalow hat schon vor zwei Menschenaltern (1900/1901) ein Buch über „Die hellenistischen Grundlagen der byzantinischen Kunst“ geschrieben — russisch geschrieben, und so blieb es in Westeuropa unbeachtet: die eigentlichen Byzantinisten, Historiker und Philologen, haben die bedeutenden byzantinistischen Arbeiten der Russen zwar stets beachtet, aber die Kunsthistoriker gingen daran meistens vorbei. Jetzt hat man dieses verschollene Buch wiederentdeckt, 1961 ist es in einer englischen Ubersetzung in Amerika herausgekommen und hat Epoche gemacht. Die Athener Ausstellung arbeitet denn auch die Verbindungslinien zwischen hellenistischer und byzantinischer Kunst klar heraus. So steht gleich am Eingang der Ausstellung der berühmte kleine Marmorkopf des Eutropius aus Ephesos (5. Jahrhundert, Kunsthistorisches Museum Wien), und die zahlreichen unübertrefflichen Elfenbeinschnitzereien beginnen mit Konsulardiptychen aus dem 5. und 6. Jahrhundert, die man ohne weiteres als spätantik bezeichnen könnte, die anderseits ihre gradlinige Fortsetzung in den religiösen Triptychen und Reliquienschreinen des 10. und 11. Jahrhunderts finden.

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Die Ausstellung, die mit annähernd 700 Objekten einerseits umfassend, anderseits aber doch noch in zu bewältigenden Grenzen bleibt (wenn auch ein einziger Tag sicherlich nicht reichen mag, um alles aufzunehmen, geschweige denn zu studieren), ist klar gegliedert in die drei großen Gruppen Bildnerei, Malerei und Kleinkunst. Die erste Gruppe ist wieder unterteilt in Marmorwerke (28 Objekte), Elfenbeinschnitzereien (74), geschnittene Steine (23) und Holzschnitzereien (6 Objekte). Die Werke der Malerei sind unterteilt in Mosaiken und Fresken (29 Objekte), Ikonen (115) und Miniaturen und Handschriften (109). Bei der Kleinkunst schließlich finden wir Goldschmiedearbeiten (78), Arbeiten in Schmelz und Email (17), in Silber (47), Kupfer (42), ferner Gewebe (29), Keramik (76) und Münzen und Bleibullen (31). Über sämtliche Ausstellungsobjekte unterrichtet der Katalog, der in einer griechischen Ausgabe rechtzeitig zur Eröffnung der Ausstellung fertig war, während eine französische und eine englische Ausgabe auf sich warten ließen. Dieser griechische Ausstellungskatalog, ein Buch von 584 Seiten und 127 Kunstdrucktafeln, von der Druckerei des Athener Französischen Institutes hervorragend hergestellt, ist zunächst auf seine Art ein Beitrag zu dem Sprachkampf, der in Griechenland seit Menschenaltern auf der Tagesordnung steht: Er ist in einem greulichen Bauerngrieehisch abgefaßt, das den „modernen“ Bearbeitern als richtige Volkssprache vorkommen mag, wie es aber die meisten Besucher der Ausstellung niemals sprechen — und daher für einen westeuropäischen Gräzisten unverständlich (während jeder des Altgriechischen Kundige die heutige griechische Hochsprache mühelos liest). Aber abgesehen davon ist er ein Meisterwerk, das alle Ansprüche befriedigt.

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Von den westeuropäischen Staaten haben alle in Frage kommenden die Ausstellung beschickt — merkwürdigerweise mit Ausnahme der Schweiz. Besonders stark ist natürlich Italien vertreten (68 Objekte), als einziges Land auch in sämtlichen Abteilungen der Ausstellung, hatte Italien doch von allen abendländischen Gebieten stets die engsten Beziehungen zu Byzanz. Sehr stark ist aber auch die Beteiligung Englands (40 Objekte), Deutschlands (38) und Frankreichs (36). Österreich ist fünfzehnmal vertreten, samt und sonders durch Meisterwerke. Geringeren Umfangs, aber in den einzelnen Stücken sehr beachtlich, ist die Beteiligung Schwedens, Spaniens, Belgiens, der Niederlande und Dänemarks. Nicht zu vergessen der Vatikan, dessen Mitarbeit an der Ausstellung auch von großer moralischer, man möchte fast sagen, politischer Bedeutung ist.

Von westlichen Ländern außerhalb Europas hatte man sich neben Australien, das ein sehr wertvolles Tetraevangelium schickte, vor allem an die Vereinigten Staaten gewandt, deren Museen und Privatsammlungen sehr viele byzantinische Kunstschätze erworben haben. Zahlreiche amerikanische

Institutionen hatten auch zugesagt, ihre annähernd 40 Leihgaben sind auch schon im Katalog verzeichnet — im letzten Augenblick sagten sie ab, die Zypernkrise scheint mit wachsender Entfernung in der Perspektive nicht kleiner, sondern größer zu werden als sie tatsächlich ist. Nach der Eröffnung der Ausstellung haben sie sich, zumindest die meisten der Aussteller, doch eines anderen besonnen und wollen nun umgehend ihre Kunstwerke nach Athen schicken. Bloß das New Yorker Metropolitanmuseum weigert sich nach wie vor hartnäckig.

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Und nun der Osten, der Mutterboden der byzantinischen Kunst. Die Türkei — schließlich ist die größte Stadt der heutigen Türkei, Istanbul, keine andere als das ehemalige Byzanz — hatte an den Vorbereitungen bis zuletzt mitgearbeitet, im letzten Augenblick dann aber doch abgesagt: die Zypernfrage hat die türkisch-griechischen Beziehungen zu sehr vergiftet. Schade, daß die Politik in das Kulturleben so hart eingreift, unter den 36 Objekten, die die Türkei angemeldet hatte (ein schwacher Trost, daß sie alle im Katalog verzeichnet sind), befinden sich seltene, einmalige Kunstwerke. Sehr gut sind Zypern (22 Objekte) und das Griechisch-orthodoxe Patriarchat von Jerusalem vertreten. Die musealen und Bibliotheksschätze des Jerusalemer Patriarchen sind selbst für den Fachmann eine Überraschung. Der vorbereitende Ausschuß hatte sich selbstverständlich auch an die Ostblockstaaten Rußland, Rumänien, Jugoslawien und Bulgarien gewandt, die ja byzantinische Kunstprovinzen par excellence sind. Die Sowjets haben abgesagt: der Weg nach Athen sei ihnen zu weit (1958 war ihnen der Weg nach Edinburgh nicht zu weit). Die Bulgaren antworteten nicht. Um so rühmlicher sei die Beteiligung Rumäniens und Jugoslawiens hervorgehoben, die mit je 14 Kunstwerken nicht nur zahlenmäßig gut vertreten sind, sondern auch einmalige Schöpfungen von höchstem Wert zeigen.

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Den Löwenanteil, mehr als die Hälfte der Ausstellungsgegenstände, stellt natürlich Griechenland. Aber auch hier gibt es eine Lücke: der Athos ist nicht vertreten (daß von 20 Athosklöstern ein einziges immerhin einige Ikonen und Handschriften geschickt hat, kann man höchstens als symbolische Teilnahme werten). Für die Athosmönche sind die heiligen Bilder, Bücher und Geräte geweihte Dinge, die dem Gottesdienst dienen, die auf einer profanen Kunstausstellung nichts zu suchen haben. Man wird diesen Standpunkt würdigen müssen. Anderseits wird man es ebenso würdigen, daß man aus den beiden großen Sammelstätten byzantinischer Kunst in Athen, dem Byzantinischen Museum und dem Benaki-Museum, nur verhältnismäßig wenig Kunstwerke in die Ausstellung herübergeholt hat, nur insoweit es notwendig war, diese abzurunden. Wer sich wirklich für byzantinische Kunst interessiert, wird bei einem Besuch Athens sowieso nicht versäumen, diese beiden einzigartigen Kunstsammlungen neben der Ausstellung zu besichtigen. Die Beteiligung Griechenlands ist vor allem deswegen ganz besonders wertvoll, weil Kunstschätze höchsten Ranges aus Museen, Kirchen und Klöstern, auch aus bedeutenden Privatsammlungen gezeigt werden, die sonst so abgelegen sind, daß man nur selten hinkommt, wie beispielsweise das Kloster Tatarna in Eurytanien im Bergland hinter Naupaktos, oder die Privatsammlung des ehemaligen Außenministers Aweroff in dem aufgelassenen Kloster St. Nikolaus bei Metsowo. Wer

kommt schon nach Metsowo hoch oben im Pindos (obwohl es auch sonst durchaus lohnend wäre)? Und selbst wer hinkommt — wer wagt von dort schon den steilen halsbrecherischen Abstieg zu dem alten Kloster, aus dem jetzt Kupferarbeiten aus dem 5. und 6. Jahrhundert gezeigt werden, die wohl einmalig sind? Anderseits findet man auf der Ausstellung Kunstwerke, die sonst ein normaler Sterblicher über-

haupt nicht zu Gesicht bekommt, wie solche aus den Privatsammlungen der Königin Friederike, des Industriellen Ka-nellopoulos und anderer. Den Wissenschafter mag interessieren, daß sich unter den aus griechischem Besitz gezeigten Kunstwerken weit über hundert von zum Teil höchstem kunstgesehichtlichem Wert befinden, die noch niemals öffentlich gezeigt wurden. Hierher gehören nicht nur die vielen Objekte aus Privatbesitz, sondern beispielsweise auch die kleinen entzückenden Freskobruchstücke aus einer Kapelle in Mystra, vieles aus den Meteoraklöstern und aus Patmos, der 1951 auf Lesbos gefundene Gold- und Silberschatz, der 1956 in Mazedonien gefundene Goldschatz, Ikonen, die sonst im Arbeitszimmer des Metropoliten von Rhodos hängen und vieles mehr. Den tiefsten Eindruck auf das große Publikum macht natürlich der viele Goldschmuck: Hals- und Armbänder, Ohrringe, Ringe von phantastischer Schönheit, in raffiniertester Aufmachung dargeboten. Der Fachmann beugt sich über die Miniaturen in den alten Pergamentschriften, an denen man sich nicht sattsehen kann, die griechischen Bauern stehen andächtig vor den wundervollen Ikonen. Es ist für jeden etwas, und des Schauens und Staunens kein Ende.

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T“\em Ersten Direktor des Wiener Kunsthistorischen Museums, Professor Dr. Vinzenz Oberhammer, ist es zu danken, daß Österreich mit Leihgaben aus dem Kunsthistorischen Museum (Antikensammlung und Sammlung für Plastik und Kunstgewerbe) und aus der Nationalbibliothek auf der Ausstellung rühmlich vertreten ist. Der Kopf des Eutropius aus Ephesos wurde bereits erwähnt. Weiter werden Arbeiten in Elfenbein, Silber und Kupfer, geschnittene Steine und Handschriften mit Miniaturen gezeigt. Besonders erwähnenswert sind die elfenbeingeschnitzte Reliefplatte aus dem 6. Jahrhundert, die die byzantinische Kaiserin Ariadne darstellt, und die in der wissenschaftlichen Literatur noch nicht publizierte prachtvolle Onyxkamee, die von der Wende des 6. zum 7. Jahrhundert stammt und die Apostel Petrus und Paulus zeigt. Große Beachtung findet auch der 26 Zentimeter hohe Silbereimer mit mythologischen Darstellungen in getriebener Arbeit, der seinerzeit in der Bukowina gefunden wurde und etwa aus dem Jahre 613, jedenfalls aus der Zeit des Kaisers Herakleios stammt. Unter den miniaturge-schmüokten Handschriften, deren älteste aus dem 10. Jahrhundert stammen, befinden sich neben Psalterien und Evangeliarien auch eine Handschrift des byzantinischen Historikers Niketas Ohoniates.

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Freilich wird man bekannte Meisterwerke auf dieser Ausstellung oft vermissen. Dies liegt an der Unmöglichkeit oder Schwierigkeit des Transportes. Goldmosaiken, diese besonders kennzeichnende Technik der byzantinischen Kunst, kann man nicht fallweise von den Wänden abnehmen, um sie auf Ausstellungen spazierenzuführen. Andere Werke, wie etwa solche der Emaillekunst, und auch manche alten Miniaturen sind so empfindlich, daß man auf einen Transport lieber verzichtet. So sind aus diesem Grunde manche der größten Schätze italienischer und deutscher Sammlungen nicht zu sehen. Aber auch die Wiener Nationalbibliothek hat darauf verzichtet, das Prunkstück ihrer Schausammlung, das berühmte Pharmazeutische Pflanzenbuch des Dioskuri-des, das aus dem Jahre 512 stammt und rund ein Jahrtausend später nach Wien kam, der Post anzuvertrauen.

Nur der Fachmann weiß, wie schwer es ist, eine solche Ausstellung wirklich zustandezubringen, welcher Kenntnisse, welcher Arbeit und zähen Geduld es bedarf. Es würde zu weit führen, alle Mitarbeiter anzuführen. Einer soll doch hervorgehoben werden. Manolis Chatzidakis, führender griechischer Byzantinist von internationalem Ruf, Direktor des

Athener Byzantinischen und des Benaki-Museums, die Seele und der Motor der Ausstellung, kann dieses sein Werk als einen Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn betrachten. Deutschland wird sich anstrengen müssen, wenn es nach dieser neunten Ausstellung des Europarates mit der zehnten Ausstellung (1965 in Aachen: Zeit Karls des Großen) die in Athen erreichte Höhe halten will.

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