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Christkind oder Santa Claus?

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Die Wiener Ausstellung "Engelhauch und Sternenglanz" entführt in die Traumwelt des Weihnachtsidylls.

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Die Wiener Ausstellung "Engelhauch und Sternenglanz" entführt in die Traumwelt des Weihnachtsidylls.

Die Wandlung des Weihnachtsfestes vom besinnlichen Tag vor dem gemeinsamen Gang zur Christmette im 18. Jahrhundert hin zur Bescherungsorgie vor dem modisch gestylten Christbaum: Diesen Weg zeichnet die Ausstellung "Engelhauch und Sternenglanz" im Historischen Museum der Stadt Wien nach. Sie öffnet auch die Pforten in kunstvoll himmlische Klischeegefilde.

Ein klassischer Jugendstilbaum in Silber und Weiß ist im Museum zu bewundern, er lässt die stilvolle Eleganz ahnen, die in bürgerlichen Kreisen um 1900 herrschte. Eine variantenreiche Fülle an originellem, kunstvoll gefertigtem Behang aus gespiegeltem, in Form von Eiszapfen, Früchten oder Nüssen geblasenem Glas sorgten für ein sehr vornehmes Erscheinungsbild des grünen Baumes. Gablonz in Nordböhmen avancierte zu einem Zentrum der Christbaumschmuckerzeugung: aus Hohlperlen, Stiften und Glas wurden zwischen 1880 und 1930 filigran exklusive Käfer, Schmetterlinge, Sterne und Körbchen gefertigt. Auch Lauscha in Thüringen entwickelte eigene Techniken: erhitzte Glasrohre wurden in Gips- oder Biskuitporzellanformen gegossen, deren Vielfalt unbegrenzt scheint. Häuschen, Trompeten, Früchte, Autos, Kirchen, selbst elektrische Christbaumkerzen zum Einschrauben in Form von Papageien, Rosen, Affen, Madonnen oder Bananen waren bis 1920 modern.

Dabei wurde der Christbaum, der seinen Siegeszug um die ganze Welt antrat, in Wien zuerst mit Skepsis gesehen: handelt es sich doch um einen Brauch, der aus norddeutsch-protestantischen Kreisen kam. 1814 stand der erste Lichterbaum im Haus des Berliner Bankiers Arnstein in der Annagasse, wie die Polizei registrierte. Erst zwei Jahre später, als Prinzessin Henriette von Nassau-Weilburg, die Gattin Erzherzog Karls, einen Christbaum aufstellte, begann er sich in Wien zu verbreiten. Für Kinder aus ärmeren Verhältnissen blieb er jedoch lang ein unerfüllter Wunschtraum, wie in der Autobiografie "Jugend einer Arbeiterin", geschrieben 1909 von Adelheit Popp, nachzulesen ist: "Beinahe hätte ich dieses Mal einen Weihnachtsbaum bekommen", beginnt sie, um später der traurigen Wahrheit eines betrunkenen Vaters ins Auge sehen zu müssen: "Ich guckte bei dem Lärm, der sich nun erhob, von meiner Schlafstelle nach den Eltern. Da sah ich, wie der Vater mit einer Hacke den Weihnachtsbaum zerschlug. Zu schreien wagte ich nicht, ich weinte nur, weinte, bis ich einschlief."

Die weihnachtliche Bescherung durch das Christkind ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts: davor hatte der heilige Nikolaus die Geschenke gebracht, was aufgrund des pädagogischen Aspekts auch von den Aufklärern akzeptiert wurde. Sein Erscheinen war auch manchmal von kleinen Lichterbäumchen begleitet. Mit Aufkommen des Krampus verlor der Heilige allerdings an Bedeutung. Die Obrigkeit goutierte das übermütige Treiben der zotigen Gestalten, die bei breiten Bevölkerungsschichten für Belustigung sorgten, nicht. Die massive Präsenz des bösen Konterparts vom lieben Nikolo findet in wunderschönen Jugendstilkarten kunstvollen Niederschlag, sie verhalf dem Christkind als Gabenbringer zu seiner Bedeutung.

Der kommerzielle Aspekt der allgemeinen Bescherungsfreude wurde schon früh entdeckt: der erste spezielle Weihnachtsmarkt findet sich um 1600 überliefert. Bilder in der Ausstellung zeigen verschiedene Orte, an denen Lebkuchen, Krippenfiguren und ähnliches feilgeboten wurden. Auf einem Aquarell von Josef Hasselwander um 1850 ist das vorweihnachtliche, rege Treiben auf dem Christkindlmarkt am Hof zu sehen, Oskar Laske zeigt denselben 1942. Josef Ferdinand Benesch stellt in einer Radierung 1928 idyllisch beleuchtete Holzhütten um den Stephansdom dar.

Deutlich werden auch soziale Unterschiede: Wilhelm Gause bannt 1886 kaiserliches Familienidyll mit Bescherung und mehreren Lichterbäumen auf Papier, während Johann Matthias Ranftl 1852 zwei Kinder in einer Schneewüste an der Favoriten-Linie darstellt. Zwar sind sie lieblich-pausbäckig gemalt, ihre Situation aber ist trist: sie verkaufen Schwefelhölzer, Kunden sind keine zu sehen. Wer Hans Christian Andersons Märchen kennt, weiß um ihre Tragik.

Der jüngste aller gängigen weihnachtlichen Begleiterscheinungen ist der Adventkalender: Gerhard Lang hat ihn 1908 erfunden, inspiriert von seiner Mutter, die ihm als vierjährigem 24 Gebäckstücke auf einen Karton genäht hatte, um dem Kleinen die Wartezeit aufs Christkind zu verkürzen. Bereits am Ende der Zwanziger Jahre brachte der Verlag Riechhold&Lang ein "Christkindleins Haus" zum Füllen mit Schokolade heraus.

Der Wandel der Zeit ist an ihnen genauso abzulesen wie an Weihnachtskarten, Baumschmuck oder Bräuchen: "Knorr Himmeltau" findet sich auf einem papierenen Werbeadventkalender als Gabe unterm ausgestanzten Christbaum mit kreisrundem, gelbem Kerzenschimmer des Jahres 1975, zwei Feste später zieht der amerikanische Rentierschlitten im faltbaren 3D-Effekt in die Kinderzimmer, Santa Claus, Mickey Mouse und Donald Duck folgen: mit Schokoladefüllung.

Gnädig klammert "Engelhauch und Sternenglanz" den kritischen Blick auf Konsumrausch, Familienzwist oder Stress weitgehend aus und schwelgt statt dessen kunstvoll in Christbaumkerzen, Engeln, Nikoläusen, Krampussen, Walnüssen, Sternen, Rezepten, Zimt und Vanilleschoten. Christkindgerecht.

Bis 14. Jänner 2001

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