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Digital In Arbeit

Cyber-Denker lösen virtuelle Probleme statt der wirklichen

Wer sich für die totale Kommunikation übers Internet zu interessieren beginnt, wird sehr schnell begreifen, daß in den Datennetzen eine fast klinische Sterilität der Probleme und ein eher niedriges Argumentationsniveau herrscht. Wie es weitergehen soll, erzählt uns Detlef Drewes in seinem Buch „Die Online Gesellschaft. Die virtuelle Zukunft hat begonnen”. In einer anderen Neuerscheinung lotet Pierre Levy das Philosophisch-Menschliche aus („Die kollektive Intelligenz - Eine Anthropologie des Cyberspace”). Zusammen ergeben die beiden Bücher ein Panorama dieser neuen Welt und dessen, was uns noch ins Haus steht.

In der universitären Kindheit des Internets wurde so gut wie immer auf hohem intellektuellen Niveau diskutiert. Heute muß man sich gut im Internet auskennen, um derartige Beiträge zu finden. Statt dessen finden sich Diskussionsforen mit Themen von „Angst, und warum Ihr Leben so traurig ist” über „Nachforschungshilfe zu Willis Carto's racist machine” bis zum „Einfluß der Beatles auf mein Leben”. Es gibt zehntausende solcher Foren im Usenet.

Drewes ist allerdings kaum an Foren und Diskussionen interessiert, sondern an der wirtschaftlichen Zukunft der weltweiten Kommunikation. Wenn die Mitarbeiter zu Hause oder unterwegs online arbeiten und ständig in Verbindung mit dem Zentralbüro bleiben, wenn der Verbraucher online seine Waren auswählen und liefern lassen kann, dann „werden die Einkaufszentren nicht nur leerer, sondern auch unökonomischer und schließlich gar nicht mehr benötigt. Aus den Industriezentren an den Stadträndern würden nach und nach Geisterstädte, und man müßte über deren Umgestaltung nachdenken.” Dann würde aber, meint er, in den Schlafstädten die Nachfrage nach Waren des unmittelbaren Bedarfs steigen, was die Rückkehr des Greislers (auf Neuhochdeutsch: der Tante-Fmma-Läden) bedeute.

Immer vorausgesetzt, daß die Rationalisierung von Produktion und Absatz noch genügend Menschen mit Kaufkraft übrig läßt. Es sei ökonomisch gesehen sinnlos, in technisch machbaren Möglichkeiten zu schwelgen, ohne die Verschiebungen in der Arbeitswelt zu sehen: „Wir dürften also die Gestaltung der virtuellen Realität nicht den Technikern und Spezialisten überlassen. Deshalb muß man nicht nur über die Technik, sondern über die Werte reden, die uns wichtig sind.”

Es bilden sich nun neue Gemeinschaften - zwar vorerst nur virtuell, aber ohne trennende Grenzen, vielleicht nur via Bildschirm, aber doch erfahrbar. Drewes fragt, was die bindenden Kräfte sind. Während er mit beiden Füßen fest auf dem Boden von Technik und Wirtschaft bleibt, erhebt sich Pierre Levy in die Sphären existentieller Problematik. Die Multimedia-Industrie sei „einer jener Aspekte der digitalen Bevolution, der von Journalisten am stärksten betont wird”, doch es gehe um viel mehr. Die Menschheit stehe vor einem neuen, einem Zeitalter des Wissens.

Levy teilt die menschliche Geschichte in vier große Bäume ein, wie er es nennt. Den Baum der Erde, also bis zum Neolithikum; den Raum des Territoriums, bis nach dem Mittelalter; den Raum der Waren, die Zeit der Herrschaft des Kapitalismus; und schließlich den Raum des Wissens, das digitale Zeitalter.

Auch er erwartet von der Digitalisierung eine völlige Umgestaltung der Gesellschaft. Es entwickle sich bereits eine weltweit kommunizierende kollektive Intelligenz mit technologischen, wirtschaftlichen, politischen und ethischen Aspekten. Die Demokratie werde ein anderes Gesicht bekommen: „Jeder spürt heute, daß die ungeheuren Mutationen, die unsere Gesellschaften durchlaufen, eine Neudefinition der ökonomischen und politischen Kategorien verlangen, welche zu einer anderen Zeit für die Lösung anderer Probleme entwickelt wurden.”

Noch kann auch ein Pierre Levy nicht sagen, wie die Neudefinition aussehen wird. Doch das Projekt einer kollektiven Intelligenz gehe vom Verzicht auf Macht aus: „Es will die Leere in der Mitte öffnen, die Quelle der Klarheit, die das Spiel mit dem Anderssein, dem Schimärenhaften, mit der labyrinthischen Komplexität erlaubt.” E,r endet mit dem Satz: „In jedem integrierten Schaltkreis, in jedem elektronischen Chip sieht man die geheime Chiffre, das komplizierte Emblem der kollektiven Intelligenz, die in alle Winde zerstreute friedliche Botschaft, aber man weiß sie nicht zu lesen.”

Drewes und Levy haben jedenfalls in einem recht: Es geschieht etwas, und noch können wir nicht verstehen, was wirklich daraus wird. Sie lassen freilich die Frage völlig offen, ob wir es uns wirklichieisten können, immer mehr von dem, was „zu anderen Zeiten für die Lösung anderer Probleme entwickelt” wurde, über Bord zu werfen, ohne zu wissen, was an seine Stelle treten wird. Und zwar wesentlich konkreter, als es vor allem Levy beschreibt. Zu den politischen Konsequenzen der Veränderungen, von denen er so angetan ist, fällt ihm nämlich sehr wenig ein, und so gut wie nichts Konkretes. Vielleicht sollte man vor allem fragen, ob nicht gerade einiges von dem zu anderen Zeiten angeblich für die Lösung anderer Probleme Entwickelten genau das war, was man in Zeiten wie diesen dringend braucht.

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