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DAS FURCHTEN ZU LERNEN...

T n einem französisch-deutschen Dictionnaire aus dem Jahre * 1882 wird das französische Wort „Festival“ noch mit „Musikfest“ — und nur mit diesem Begriff — übersetzt; im Langenscheidt (Deutsch-Englisch), Ausgabe 1927, steht für Festival bereits „Festspiel“ — während in einem französischen Wörterbuch des Vorjahres daneben schon als zweites Synonym in Klammer „Filmfestspiele“ steht... Vom Musikfest zum Filmfest ... Wie dem auch immer sei, jedenfalls denkt jeder, der dieses Wort im Zusammenhang mit Berlin oder Cannes hört, sofort an die Filmfestspiele, stellt sich. glänzende, feierliche Veranstaltungen vor, in denen Kineia — der zehnten Muse, von deren Existenz Vater Zeus noch nichts wußte — ehrfürchtig gehuldigt wird. Indessen hat sich aber ebenso schon längst herumgesprochen, daß derartige Zusammenkünfte mehr zu Ehren Merkurs als einer Muse abgehalten werden und sie mit der Urbedeutung des lateinischen Wortes „festum“ nur mehr dien Wortkern, nicht mehr den Begriff gemeinsam haben. Aus dem Fest ist eine Schau

— oder noch besser, eine „Show“ geworden...

Venedig, wie Rom Hüterin der italienischen künstlerischen Tradition, veranstaltet seit nunmehr dreißig Jahren (mit Unterbrechungen während der Kriegszeit) im Rahmen der Biennale di Vemezja alljährlich Festspiele der Kinematographie — wobei man in weiser Voraussicht das Wort „Festival“ in der offiziellen Bezeichnung vermied: es ist eine „mostra“ des Films, eine Ausstellung, die dem Schaffen und der Entwicklung des Kinos in den verschiedenen Ländern gewidmet ist; und zweifelte man schon vor Jahrzehnten — damals noch aus Skepsis dem noch jungen Phänomen gegenüber — an dem wirklich künstlerischen Hintergrund eines letzten Endes durch Zusammenarbeit vieler Kräfte mit Hilfe technischer Mittel synthetisch zusammengefügten Massemmediiums, so haben sich diese Zweifel in der jüngsten Entwicklung dieser nur von Idealisten, Historikern und Ästheten als „siebente Kunst“ gepriesenen Monsterindustrie als bestätigt gefunden: Film ist Massenware, ein Geschäft — denn er wird in der Absicht hergestellt, durch seine Verbreitung klingendes Geld in die Taschen der Hersteller zurückfließen zu lassen (und in diktatorischen Ländern Loyalität und blinden Glauben). Daß dabei mitunter durch besonderes Raffinement und vollkommene Beherrschung der Mittel eine Pseudokunst entstehen kann, ist der Persönlichkeit einiger künstlerischer Talente zu verdanken, die sich in den Dienst des Molochs stellten — und die dieser wohlwollend gewähren läßt: mit Mißtrauen beobachtet und sorgsam gelenkt, doch publizistisch wertvoll. In künstlerischer Verpackung, als Kulturgut getarnt, läßt sich jede Ware leichter verkaufen — denn die hohe Absicht gestattet viel eher, unter ihrem Deckmantel die Instinkte der Käufer in weitestem Maße zu befriedigen und ihnen das anzubieten, wofür sie gerne zu zahlen bereit sind: Sensationen, Sex, Sentimentalitäten ... Und diese . ungeheirre Bedürfnisanstalt der psychischen Wunschträume hat ihr Aushängeschild: das vielmißbrauchte Schild der Kunst, der Kultur.

Sehen wir uns die Filme an, die — um bei der Filmkunstschau in Venedig zu bleiben — eine Übersicht über das gegenwärtige kinematographische Schaffen geben sollen: zwölf Abendfilme (nachdem die Kafka-Verfilmung „Der Prozeß“ und eine „Eva“ von Joseph Losey ausfallen mußten) rangen um das Fell des „Goldenen Löwen“ miteinander; davon drei, die sich mit dem Thema der Prostitution befaßten; zwei, die von der sexuellen Frühreife junger Mädchen handelten; zwei, in denen die Unbefriedigtheit der Frau und Gattin die Grundlage bildete — und was übrig blieb, war eine japanische Liebeslegende, stilistisch vollkommen -unbefriedigend, ein amerikanischer Gefängnisfilm, in bester Hollywoodmanier gestaltet, eine argentinisch-französil-sche Coproduktion voll reißerischer Verlogenhe'iit über das Wesen des Martyrertums, ein russischer Film voll peinlicher Tendenz — und dann noch „Die Kindheit Iwans“, jenes erstaunliche Meisterwerk, das alles daneben • Gezeigte durch seine saubere Haltung und künstlerische Gestaltung aufwog... Und hier liegt die Tragik, die Krise, die nicht mehr nur eine des Filmschaffens ist, sondern darüber hinaus weltweite weltanschauliche und politische Probleme in sich birgt: durch die Gegenüberstellung von Filmwerken (die die geistige Haltung, die Entwicklung des Herstellungslandes und die dort vorherrschenden Hauptthemen durch ihr Bestreben, die Aktualität der Lebensformen in Geld umzusetzen, widerspiegeln) wird einem der verderbliche Weg und die Gefahr klar, in die die westliche Welt durch ihre Prosperität und den Trend zur Überbewertung der Genüsse sich zu verirren droht: wir haben keine anderen Probleme mehr zu bieten als die der seelischen Unzufriedenheit, die sich'in hemmungsloser Hingabe und Überbewertung des Sex manifestiert, während der Osten ob in berechnender Absicht oder im Wege einer wirklichen inneren Erneuerung sei hier offengelassen — den humanitärsten Grundprinzipien nachspürt: der verlorenen Kindheit... Quo vadis, Europa?

Überhaupt sind die beiden aus Rußland zur Filmkunstschau entsandten Werke der Schlüsselpunkt einer neuen Wende, einer geistigen Revolution des Ostens, die in ihren Auswirkungen gefährliche oder optimistische Zukunftsaussichten mit sich bringen wird: hier Sergej Gerasimows „Der Mensch und das Tier“, ein Monsterwerk des heute 56jährigen Regisseurs, der zu Lebzeiten Stalins ebenso dessen begeisterter Anhänger war wie heute Vorkämpfer des erlaubten „Tauwetters“ sowjetischer Lebenslockerung; in dreieinhalbstündiger Länge demonstriert er alle Vorteile des kommunistischen Systems fast dokumentarfilmartig: Schiffe, Luxuszüge, moderne Autos, Dammbauten, Werften, Fabriken - daneben die Hilfsbereitschaft, Fröhlichkeit und iebensbejahung einer sich im spießbürgerlichsten Sinne bei Essen und Trinken zusamenfindenden Familie (wobei interessanterweise die Jugend von der älteren Generation nicht mehr verstanden wird), während auf der anderen Seite der kapitalistischdekadente Westen sich in Völlerei, militärischen Übungen, Unterdrückung und Sexualität manifestiert (und hierin nur wie ein überdrehter, etwas parodistischer Film der „nouvelle vague“ — im Thema, nicht in der Gestaltung — wirkt). Grundthema: am kommunistischen Herd ist die Zufriedenheit... Auf der anderen Seite der junge Andrej Tarkovski, nicht viel über zwanzig Jahre alt, Absolvent der Moskauer Filmschule, der in seinem Erstlingswerk „Die Kindheit Iwans“ ein allgemein gültiges, menschliches Thema anschlägt: die Geschichte eines Kindes, dem der Krieg nicht nur seine Eltern und sein Zuhause, sondern auch seine Kindheit geraubt hat; hineingestellt in die Schrecken des Massenmordes kennt es nur das Töten, die Rache, das Sterben — doch in seinen wenigen Sehnsuchtsträumen erlebt es eine glückhafte Jugend, die ihm die Wirklichkeit versagt... Ein zeitloses, allgemeingültiges Thema, eine verbissene Absage an den Wahnsinn des Krieges, in kühnen expressionistisch-surrealen Bildern dargestellt, von einer Aussagekraft, die diesem Erstlingswerk eines großen Talentes unbeschränkt und einhellig den „Goldenen Löwen“ einbrachte. Zwei Generationen — zwei Regisseure, zwei Stile und zwei Weltanschauungen. Nirgends wurde noch der Kampf zwischen Altem und Neuem so eindeutig demonstriert wie in diesen beiden Filmen einer Ursprungswelt, die so verschieden voneinander sind, als ob Welten und Abgründe zwischen ihnen lägen...

Sicher war die Programmgestaltung der diesjährigen venezianischen Filmkunstschau keineswegs von der Absicht getragen, weltanschauliche oder generationsbedingte Zeitprobleme aufzuwerfen — doch letzten Endes spitzte sich die Gegenüberstellung der Filme darauf zu. Von den fast 50 in die Gesamtübersicht — wovon täglich nachmittags zwei und abends ein Film gezeigt wurden — aufgenommenen Werken waren etwa ein Drittel Erstlingswerk junger Filmgestalter — und von diesen wieder bewies fast die Hälfte ein erstaunliches künstlerisches Format, eine Sicherheit in der Beherrschung filmischer Mittel, den Drang, Wesentliches auszusagen — daß daneben die arrivierten Regisseure mit ihren glatten und gefälligen oder gewollt originellen und pseudoproblematischen Anliegen verblaßten. Was gilt Jean-Luc Godards, eines Bannerträgers der „nouvelle vague“ gekünstelte Geschichte vom Weg einer Prostituierten („Vivre sa vie“) — in der er bewußt angelehnt an Dreyers herrliches Stummfiilmepos „La passion de Jeanne d'Arc“ die Großaufnahme als vorherrschendes Element einsetzt — neben der ergreifenden, schlichten Erzählung von Frank Perry über zwei junge Menschen, „Lisa und David“, beide durch krankhafte psychische Veranlagung aus der Welt der „Normalen“ in eine Heilanstalt verbannt,, in der sie gemeinsam durch die Liebe einen Weg aus dem Dunkel finden? Und was bedeutet Peter Glenvilles „Term of Trial“, die ebenso kühle und englisch-noble Erzählung von dem ebenso schwachen wie gütig sein wollenden Lehrer, der in seiner im Grunde unehrlichen Liebe fast das Opfer seiner Umwelt wird, neben Serge Bourguignons „Der unterbrochene Kreis“ („Les Dimanches de Ville d'Avray“), der ebenso meisterhaft psychologisch durchdachten wie kühn gestalteten Anklage gegen die Verständnislosigkeit und Oberflächlichkeit unserer Zeit, die in jedem nur das Schlechte sehen will und so zerstörend und vernichtend im menschliche Schicksale eingreift? Von diesen jungen Talenten, noch unberührt vom Dämon der Berühmtheit, de Geldes und des Stadiums, kann vielleicht eine Erneuerung des Films und des Geistes ausgehen — doch wer garantiert, daß sie nicht in wenigen Jahren genauso ihre Überzeugung dem Moloch verkauft haben wie viele Namen, die man noch vor wenigen Jahren bei ihren Erstlingswerken als die Retter des Films pries und die heute in festeingefahrenen Geleisen der Lügenfabrikation auf ihre Weise dienen ...

Wovon unsterblicher Glanz ausging — ohne in den sentimentalen Vergangenheitsdusel dies Alters von der guten, alten Jugendzeit zu fallen —, wirklicher Festglanz, der alle Fehler der Gegenwart verdeckte und der Filmkunstschau das Attribut einer „künstlerischen“ Schau zu Recht verlieh, war die vormittägliche Retrospektive, die Rückschau auf das Filmschaffen der Vergangenheit. Diese bereits zur Tradition am Lido gewordene Einrichtung, weswegen allein viele ernsthafte Filmenthusiasten Jahr für Jahr nach Venedig kommen (und an deren Besuch man den wirklich an das Wunder der Kinematographie Glaubenden von dien Oberflächlichen unterscheiden kann, denen Film nur Beruf, aber nicht Liebe bedeutet), war heuer der großen Epoche des beginnenden amerikanischen Tonfilms gewidmet. In einer einmaligen Übersicht wurde die goldene Ära Hollywoods lebendig — ein Erlebnis für die Neulinge, die viele, dem Namen nach berühmte, ja klassische Werke der Kunstgeschichte dies Films zum ersten Male zu sehen bekamen und eine schmerzlieh-lustvoile Wiederbegegnung für die anderen, denen die Namen und Titel Begriffe bedeuteten: Murnaus „Sunrise“, „Der Jazzsänger“ mit AI Jolson, der große Held des Stummfilms Douglas Fairbanks mit dem Idol der amerikanischen Backfische der zwanziger Jahre Mary Pickford, dem „süßen Mädel“ des amerikanischen Films, in „Der Widerspenstigen Zähmung“, die großen Gangsterfilme „Scarface“ (mit Paul Muni), „Little Caesar“ (mit Edward G. Robinson) und „The Public Enemy“ (mit James Cagney), das gewaltige Negerepos „Hallelujah“ von King Vidor, den ehrlichsten aller Antikriegsfilme „Im Westen nichts Neues“ von Lewis Milestone, das Gefängnisdrama „Menschen hinter Gittern“ mit Wallace Beery, die soziale Anklage gegen die Unmenschlichkeit des Strafvollzuges in den USA „Ich bin ein entflohener Ketten-sträfliing“ mit dem unvergeßlichen Paul Muni, die Stars, die die Mythologie der Frau schufen, wie die Garbo in ihrem ersten Sprechfilm „Anna Christie“ (nach O'Neill) und die Dietrich in „Marokko“ (mit dem noch jungen Gary Cooper) und „Die blonde Venus“ ... Und nicht zuletzt die geistsprühenden Komödien und Operetten Ernst Lubitschs, die heute noch nichts von ihrem Glanz verloren haben: „Liebesparade“ mit Maurice Chevalier und Jeanette MacDonald, „Trubel im Paradies“ mit Miriam Hopkins und Herbert Marshall und die hinreißende Lubitsch-Parodie Rouben Mamoulians „Love Me Tonight“, wieder mit Chevalier und der MacDonald.. i Alle diese Perlen und Kostbarkeiten einer Zeit, die zweifellos nicht minder geschäftstüchtig war wie heute, aber ehrlicher, zufriedener und weniger beherrscht von den Dämonen der Angst und der Lust, waren zu einer Kette aufgereiht, die kostbarer und edler ist als alle Goldpokale und Löwen, mit denen heute Eintagswerke als große Fiiilmkunst gefeiert und dekoriert werden ...

Tn diesen alten Werken, von Meisterhand geschaffen, konnte * - man erschüttert sein, weinen und lachen — ohne sich dafür schämen zu müssen. Man weinte und lachte aus vollem Herzen; keiner der fast fünfzig heuer in Venedig gezeigten Filme aus dem Gegenwartsschaffen besaß auch nur einen Funken herzlicher Fröhlichkeit, es gab kein einziges Lustspiel, keine Komödie. Der Film vpn heute — und somit die Welt von heute — hat das Lachen, jenen bezaubernden Ausdruck der Herzenswärme und des Glücks, jenes einzigartige Gefühl verloren. Nichts als die Angst, die Lebensgier und der Egoismus sind die Beherrscher der Menschen des siebenten Jahrzehnts im zwanzigsten Jahrhundert nach der Geburt Christi... Es gibt ein altes Märchen, schon vor unzähligen Jahren geschaffen, von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen — denn damals, trotz Krankheit und Not, war die Furcht eine Eigenschaft, die von der Liebe und Freude überwuchert war. Heute wäre es ein Märchen, wenn ein Dichter schriebe über „Birnen, der auszog, das Lachen zu lernen“ ... Was für ein schönes Märchen das wäre! Hier bat der heutige Film als Massenbeeinflußungsmittel wie kein zweites seine große Chance, seine Aufgabe, die ihn wirklich in die Bereiche echter Kunst heben würde: Produzenten, Regisseure, Filmschaffende — zieht aus, um die Menschen, eingeengt in ihre Sorgen um das Ich, in ihre kleinlichen egoistischen Probleme eingesponnen, in die Welt der Überschätzung falscher Werte gepreßt, das Lachen zu lehren — denn die Heiterkeit der Seele ist jene Eigenschaft, die verloren scheint und die zu wecken, die wahre Aufgabe einer wirklichen Kunst sein muß.

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