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Das „Haus des Schnees“

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Das „verbotene Land“, das noch vor wenigen Jahrzehnten englischen Expeditionen eine Haltung entgegensetzte, abweisend, fremdem Zutritt feindlich wie sein rauhes Hochgebirge, ist plötzlich in den Bann der großen Politik gerückt. Seine seltsame Stellung wird deutlich dadurch bezeichnet, daß es nach allen Begriffen der UNO einer Aggression durch seinen chinesischen Nachbar ausgesetzt ist und doch zu dem Konzil der Vereinigten Nationen nicht seine Zuflucht nimmt. Die Zwitterhaftigkeit seiner Stellung tritt dabei neuerlich hervor.

„Tibet“, der Name ist in der Sprache des eigenen Landes unbekannt, die zwei bis drei Millionen Tibeter nennen ihr Land Pöd Yul oder Khang Yul = „Haus des Schnees“, also das Land des Schnees. Sie haben nicht unrecht. Das „Schneeland“ ist das rauheste und größte Hochland der Erde, mit seinen 1,055.000 Quadratkilometer flächenmäßig etwa zweimal so groß wie Frankreich und erstreckt sich in den Meereshöhen von 3000 bis 5000 Meter. Sein unwirtliches Klima ist durch lange strenge Winter und kurze heiße Sommer gekennzeichnet. Im Norden bestimmen vorwiegend Stein-und Schneewüsten den Charakter der Landschaft. Immerhin läßt das Hochgebirge so viel Platz für Weideland, das Wohngebiet einer nomadischen Bevölkerung, die mit ihren Schafen, Ziegen und Yakherden und den viereckigen schwarzen Filzzelten dem Futter ihrer Tiere nachzieht. Milder ist der Süden des Landes, die tief eingeschnittenen Täler der Flußsysteme des Brahmaputra und des Indus. Hier kennt man noch nicht überall den Pflug und bearbeitet den Boden niir mit der Hacke.

Seit 607 n. Chr. stellt Tibet, von König Namrisrongtsam begründet, ein einheitliches Reich dar. Es war zunächst ein weltliches Königreich, in dessen Bevölkerung nach Einführung des Buddhismus die buddhistische Priesterschaft des Landes zu bestimmendem Einfluß kam. Die weitere historische Entwicklung führte zum lamaistischen Kirchenstaat, der seinen Bestand bis jetzt behauptet hat. Der Buddhismus wurde in Tibet im 7. Jahrhundert durch König Srongtsang-ampo eingeführt, einen bedeutenden Herrscher, der viel zur kulturellen Erschließung des Landes tat. Der Buddhismus löste unter schwerem Kampf den alten barbarischen Zauber- und Dämonenkult, die Bonlehre, ab, gegen die im achten Jahrhundert der indische Priester und Zauberer Padmasambhava auftrat, eine Persönlichkeit, über die sich ein reicher Legendenkranz wand: er ist der eigentliche Begründer des Lamaismus, einer eigenartigen Mischreligion zwischen Buddhismus und der schamanistischen, zauberischen Bonlehre, die bis in die Gegenwart das tibetische Volksleben mit seinen grauenhaften Dämonenvorstellungen durchdüstert.

Die Bildung des lamaistischen Kirchenstaates begann im 12. Jahrhundert, eine Entwicklung, die 1419 zu einem dauernden Abschluß kam, als die weltliche Macht auf den Dalai-Lama, den Vorsteher der großen Klostersiedlung bei Lhasa, überging. Neben ihm besitzt der Pantsch'en Rinpotsch'e oder der „Taschi-Lama“ gleich großes Ansehen; er ist der Abt des großen Klosters Taschilhunpo bei Schigatse in Südtibet, das als Sitz größter Gelehrsamkeit gilt. Zuweilen wurde der Taschi-Lama zum Gegenspieler des großen Lama von Lhasa. So mußte zum Beispiel der Taschi-Lama während der Regierung des 13. Dalai-Lama, der in seiner Politik England bevorzugte, wegen seiner chinafreundlichen Haltung aus seinem Kloster flüchten. Und auch gegenwärtig, in der neuesten Geschichte Tibets, gilt der Taschi-Lama beziehungsweise seine Ratgeberschaft als Anhänger einer chinafreundlichen Politik. Beide Würdenträger gelten nach lamaistischer Auffassung als die Inkarnationen beziehungsweise Wiedergeburten höchster lamaistischer Heiliger. Die Nachfolgeschaft in ihrem Amte bestimmt sich nach der sogenannten khubilganischen Erbfolge, derzufolge der verstorbene Dalai-Lama beziehungsweise Taschi-Lama in dem Körper eines Kindes wiedergeboren werde; genau geregelte Anzeichen, sowie besondere Orakelsprüche helfen das bestimmte Kind ausfindig zu machen. Als größter Dalai-Lama erscheint den tibetischen Historikern der fünfte, der von 1617 bis 1680 lebte und seinen Ruhm durch eine kluge Politik gegenüber dem machtvollen China begründete. Er verlegte seine Residenz aus dem Drepung-Kloster bei Lhasa auf den Hügel Dsi Potala bei Lhasa, wo er einen prächtigen, zehn Stockwerke hohen Palast errichten ließ. Dieser ist heute noch die amtliche Residenz des Dalai-Lama und mit seinen Tempeln jährlich das Ziel vieler tausend Pilger aus Tibet und der Mongolei.

Neben Padmasambhava, dem eigentlichen Begründer des Lamaismus, spielte als Reformator Tsonkhapa (1356 bis 1418) in der Kirchengeschichte des Landes eine große Rolle. Er verstärkte unter anderem das Gebot der Ehelosigkeit der Lamas, sorgte für eine straffere Kirchendisziplin, verringerte die zauberischen Elemente in Lehre und Kult und führte eine Reihe von Neuerungen im Ritual ein. Er gründete eine neue Sekte, die nach den Mützen ihrer Priester als Gelbmützensekte bezeichnet wird. Tsonkhapa begründete nahe von Lhasa das Kloster Galden, in dem er auch in einem prachtvollen Grabmal aus Silber und Gold bestattet ist. Es zählt zu den größten Heiligtümern Tibets und gehört mit den beiden Klöstern Sera und Drepung, zu den drei großen Staatsklöstern, die aus den Mitteln des Staates erhalten werden.

Tibet stand viele Jahrhunderte hindurch mit China in enger staatspolitischer, kultureller und handelspolitischer Beziehung. Die Künstler, die zur Ausgestaltung des Potala beitrugen, stammten aus China. Seit dem 13. Jahrhundert, seit der Mongolenherrschaft, stand Tibet unter chinesischer Oberhoheit. Chinesische Gouverneure, die Ambans, residierten in Lhasa. Ihre Herrlichkeit versank endgültig erst 1913, im Zuge der- großen chinesischen Revolution, die den Kaiser und die Mandschu-Dynastie vertrieb. Der damals regierende dreizehnte Dalai-Lama benützte diese Gelegenheit, die Unabhängigkeit Tibets von China zu erklären, doch sicherte der 1914 zwischen Tibet und China zustande gekommene Vertrag China auf das östliche Tibet einen bestimmten Einfluß. Zentraltibet blieb autonom. Mittlerweile haben die Tibeter Gelegenheit gehabt, in der Mongolei und in China den Bolschewismus kennenzulernen. Ein Land, in dem, wie Gla-senapp angibt, jeder sechste bis achte Mann als Lama einer Gompa, einem Kloster also, angehört, erwartet sich von einem Regime, daß die Religionslosigkeit auf seine Fahnen geschrieben hat, schwerlich Gutes.

Doch haben es die Chinesen verstanden, sich einflußreiche Freunde in Tibet zu schaffen. Sie zahlten den großen Lama-sereien in der Nähe von Lhasa, den Staatsklöstern Sera, Drepung und Galden, große Subventionen; auch die an die Feudalwirtschaft des Mittelalters erinnernde soziale Struktur des Landes erleichtert die „Befreiungs“'Propaganda des Kommunismus. Der Landbesitz ist zwischen den weltlichen Feudalherrn und den Klöstern aufgeteilt, die kleinen Bauern sind Pächter und haben eine den Hörigen des Mittelalters ähnliche Stellung. Sie sind an die Scholle gebunden und zu Frondiensten verpflichtet. Wenn auch die lamaistischen Klosterherren milde Herren sind, so ist die soziale Struktur ihrer Herrschaft auf Unfreiheit gegründet, veraltet und bedarf einer vernünftigen Änderung.

Ob die „Befreiungs“-Armeen Mao-Tse-Tungs, die nunmehr in Tibet einmarschieren, eine glückliche Befreiung des tibetischen Volkes bringen werden, wird von vielen bezweifelt. Es seien, angesichts der Kriegsgefahren, die nun über das friedliche Land hereingebrochen sind, diese Betrachtungen mit dem tibetischen Wunsche geschlossen, der ausgesprochen wird, wenn sich jemand in Not befindet: „Lama kieno“, und der in unser Denken übersetzt etwa lauten würde: „Hilf, o Herr!“

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