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Das Lacheln von Caux

Tausend Meter über dem Genfer See, hoch über Montreux, liegt Caux; die Savoyer Berge, die Gletscher des Dent du Midi und des Montblancmassivs grüßen herüber, sonnüberstrahlt schmiegt sich die reiche Kulturlandschaft um die blaugrünen Wasser des Sees. Die Trauben reifen an allen Hängen, Feigen glänzen im Unterholz, Edelkastanien klettern den Berg hinan ... Es ist das Land, in dem seit vielen Jahren die glücklichen Vertreter der Völker dieser Erde sich zu treffen pflegen, um bei Tee und Tanz, in Kongressen und Meetings über das Unglück ihrer Völker zu plaudern oder auch in hartem, erbittertem Ringen Nutz und Eigennutz ihrer Interessenzonen abzuwägen, um es in die Waagschale des Weltfriedens und Weltkrieges zu werfen . .. Montreux, Lausanne — Namen berühmter Friedens- und Unfriedenstagungen — von weither schattet, in Dunst und unwirklicher Ferne versunken, der bleiche Leichnam des Völkerbundpalastes in Genf herüber —, man hat ihn hier als das größte Grabmal seit der Auftürmung der Pyramiden bezeichnet.

Voll Mißtrauen, zumindest voll von Skepsis und kühler Verhaltenheit, ist eine stärkere österreichische Delegation dieses Jahr nach Caux gekommen, um hier an der Welttagung der Oxford-Bewegung teilzunehmen: Sanierung der Welt, Aufbau einer neuen Weltordnung, politisier, internationaler und nationaler Friede, Lösung der sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konflikte, Uberwindung des Rassenhasses und Klassenkampfes — ein schönes, nicht ganz bescheidenes Programm —, wie oft aber haben wir es von nahezu allen Sorten von Weltverbesserern und Reformern predigen und verkündigen gehört in diesem letzten Jahrhundert von 1847/48 bis 1947 — vom ersten Erscheinen des Kommunistischen Manifests und den Frohbotschaften eines Marx, Nietzsche bis zu jenen Wilsons, Hitlers, Mussolinis, Roösevelts und der UNO...? — „Die Worte hör* ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ — mit dieser Grundeinstellung kamen und kommen die Enttäuschten und Getäuschten dieser Erde nach Caux — alle jene, welche in der erbarmungslosen Härte und Brutalität des Lebenskampfes bei nüchternster Betrachtung der Welt- und Zeitlage zur Überzeugung gekommen sind: so geht es nicht weiter, so kann es nicht weiter gehen, die Welt zerbricht in Haß, Neid, Mord und Wahnsinn — dunkle Kräfte in allen Ländern steuern auf Krieg und Bürgerkrieg los —, im fernen Asien und am nahen Balkan flammen die Feuerzeichen der Vernichtung bereits hell auf. Wo aber sind die Menschen, welche diese Welt reinigen wollen, um ihr jene Frische, Kraft und Gesundheit wiederzugeben, welche sie mit all ihren Gliedkörpern am Tag der Schöpfung von ihrem Herrn erhalten hatte? Sollte es wirklich möglich sein, daß in ein, zwei Schweizer Luxushotels, inmitten eines für Mitteleuropäer unfaßbaren Kalorienreichtums, von etlichen freundlichen und gutwilligen Menschen die Welt erneuert würde?

Nichts anderes aber will die „moralische Aufrüstung“, jene vor etlichen 20 Jahren von Frank Buchmann begründete Bewegung, welche 1946 Caux ob Montreux zu ihrem europäischen Zentrum gemacht hat, dem in Amerika Machinac — auf einer Insel im Fünfseengebiet des Nordens — „entspricht“, als Schwesterplatz antwortet. Freiwillige Schweizer Hilfskräfte haben nach Kriegsende das Berghotel Caux, das im Kriege Flüchtlingsheim war und damals der Verwahrlosung anheimfiel, für die Zwecke der „moralischen Aufrüstung“ wieder hergestellt und Frank Buchmann übergeben. In diesem Jahre wurde nun, da der Raum nicht ausreichte, aus Schweizer Mitteln ein zweites Hotel erworben und nun summt hier, vom frühen Sommer bis in den späten Herbst hinein, ein Bienenschwarm — Menschen vieler Völker, aller Rassen und Klassen, Vertreter von über 30 Nationen — durch die Säle und Versammlungsräume, die Hallen und Gärten von „Caux“. Ständig sind rund 1000 Personen anwesend. Manche bleiben monatelang, andere können nur für wenige Tage hierherkommen; chinesische Generale und Walliser Bergarbeiter, französische Großindustrielle und Negerpolitiker aus Nigeria, norwegische, dänische und schwedische Journalisten und burmesische Staatsmänner, italienische Studenten und nordamerikanische Jungen. Und nicht nur alle Klassen und Rassen, sondern auch alle Konfessionen sind vertreten: da sitzt ein anglikanischer Bischof mit seiner Frau und unterhält sich mit einem römischen Priester, da stehen ägyptische Mohammedaner, Hindus, „Heiden“ aller Art und trinken ihren Tee mit kalvinischen Theologen, ein französischer Karmeliter läuft schnellfüßig durch die Gruppen, bald hier, bald dort in ein leidenschaftliches Gespräch verwickelt.

Diese Buntheit der Gestalten und Gesichter wird noch erhöht, das heißt sie faltet sich aus in den Trachten der einzelnen Volksgruppen: da servieren spitz-hütige Mädchen aus Cornwall Kaffee, neben ihnen reicht das Wiener Mädel im Dirndl Brötchen und Früchte, die vornehme Dame aus Ceylon im reichgeschmückren, safran farbigen Sarong tritt neben die Bäuerin, deren breites, frohes Bandwerk vom Blondhaar weht, ein riesiger Neger von der Elfenbeinküste — ein römischer Cäsarenkopf in Ebenholz — trägt zu einem weißen Hemd einen dunkelblauen Frauenrock ... Um das äußerliche Bild einigermaßen zu vervollständigen: auch nahezu alle Altersstufen sind vertreten: zwischen den Greisen und Graubärtigen läuft viel junges Volk herum — Mädchen und Knaben von 6, 8, 10 und wenig mehr fahren . .. Dies ist überhaupt das erste frohe Uberraschende an dieser seltsamen Konferenz einer neuen Menschheit: d.e jungen und jugendlichen Jahrgänge dominieren sichtlich — es ist kein Altersasyl hier — ein sehr hoher Prozentsatz der gegenwärtig Anwesenden dürfte zwischen 18 und 35 Jahren liegen. Diese Tatsache ist nicht ohne Bedeutung für den Ton, die Stimmung, die innere Musik, die Geistes h.altung, welche in Caux herrscht: es ist eine zumal uns Österreichern gegenwärtig nahezu fremde Haltung ines frischwagenden gläubigen Optimismus, der es sich zutraut, mit Gottes Hilfe diese Welt zu erneuern.

Hier muß ein Wort über die Ideologie der Oxford-Bewegung gesagt werden: legt sie selbst doch das entscheidende Gewicht auf diese ihre ideologische Basis, welche sie als absolutes Fundament ihres Kampfes um die innere und äußere Neuordnung der Welt betrachtet. Der Neubau der Welt muß bei der menschlichen Person anfangen: ich, du, wir alle müssen zuerst uns selbst ändern, das heißt von Gott ändern lassen: stille werden — die tägliche „stille Stunde“ spielt eine Hauptrolle im Aufbau des täglichen Lebens — stille werden, nochmals: ganz stille werden — sich Gott überlassen — in einer „Gelassenheit“, d:e an jene der mittelalterlichen Mystik erinnert. Lerne horch e n auf Gott, dann wird Gott zu dir sprechen. Er hat einen Plan nicht nur für die Welt, sondern auch für dich, für dein Leben. „Wenn der Mensch horcht, spricht Gott, wenn der Mensch gehorcht, handelt Gott.“ Aus dem Quietismus dieses Horchens entspringt nun ein zumal uns Katholiken und Mitteleuropäer überraschender q u e 11 f r i s c h e r Aktivismus des Handelns, des sofortigen Tuns: in der „stillen Stunde“ empfängst du, wenn du dich von Gott ändern, wandeln läßt, die „Führung (quidance) — Gott sagt dir ganz genau, was du jetzt zu tun hast: geh zu deinem Nachbarn, Herrn X, und versöhne dich mit ihm. Rufe deinen Gegner, den Gewerkschaftsführer an (du bist Großindustrieller), verabrede dich mit ihm und bespreche eine neue Arbeitsordnung in deinem Betrieb; in der „stillen Stunde“ erfährt ein chinesischer Generalstabschef Tschangkaischeks, daß sein äußerer Kampf gegen die chinesischen Kommunisten sinnlos war, daß man mit anderen Waffen kämpfen muß; in der „stillen Stunde“ lernt ein Jude seinen dreißigjährigen Haß gegen die Engländer überwinden, amerikanische Kapitalisten erkennen die Brutalität ihres Kampfes gegen ihre Arbeiterschaft, ein schottischer Kommunistenführer läßt sich von Gott seinen

Haß nehmen, ein junger amerikanischer Student, dessen Vorfahren mit Kolumbus nach Amerika kamen, wird aus einem eitel-dummen und eingebildeten Taugenichts ein Mensch, der nun sein ganzes Leben der '„moralischen Aufrüstung“ widmet.

Fremd und seltsam mutet uns Katholiken und Österreichern dies unerschütterliche Vertrauen auf die tägliche direkte Führung durch Gott an, sie erscheint uns nicht nur theologisch, sondern auch psychologisch als ein schwieriges Problem: wir lächeln, wenn uns ein nettes skandinavisches Fräulein mitteilt, daß sie heute morgen „Führung“ erhielt, d.ese und jene Kleinigkeit beim Geschirrabwaschen nicht zu vergessen; wir lächeln — noch verlegen —, wenn uns der australische Freund (wir kennen ihn seit 24 Stunden) ein Geschenk überreicht — Gott hat es ihm in der „Führung“ befohlen; wir lächeln nicht mehr, wenn uns, im strahlend hellen Sonnenglast, der über dem reichgedeckten Mittagstisch liegt, ein Schweizer erzählt, wie er ehedem, vor Jahren, Gottes Befehl erhielt, 35 Kilometer mit dem Rad zu fahren, um mit dem ersten Unbekannten zu sprechen ... — es war ein Selbumord-kandidat. Wir schweigen ganz, während uns einer der berühmtesten Arzte Europas die Verwandlung seines Lebens erzählt — die tägliche „Führung“ durch Gott. Wir hören nun täglich in den großen Versammlungen und in den zahlosen Gesprächen und Begegnungen im persönlichsten Rahmen, wie Politiker, Industrielle, Arbeiter, Männer und Frauen aller Rassen, Klassen, Altersstufen und Konfess:onen von der Wandlung ihres Lebens durch Gott berichten und von dem, was sich aus dieser ihrer persönlichen Verwandlung für ihre Umwelt, Familie, ihren Berufskreis, ihre Heimatstadt, ihr Volk und Vaterland e r-gab — ergibt... Davon soll in weiteren Berichten die Rede sein — von einem einzigartigen Erlebnis aber muß hier bereit; gesprochen werden: wir skeptischen, mißtrauisch-beobachtenden, resigniert-ironischen Österreicher erfahren hier täglich neu, daß wir in eine große Familie aufgenommen worden sind, in die Familie einer neuen Menschheit, in der tätige, im täglichen Leben sich verwirklichende Liebe den Haß, die Grenze, die Einsamheit des Todes überwindet.

In einem langen Schuppen vor meinem Hotel arbeiten Kinder aus England, Skandinavien, Siam (oder Indonesien!); Portier ist augenblicklich ein bekannter Wiener Universitätsprofessor; ein englischer Major wäscht soeben eine Teilküche auf; ein holländischer Industrieller, dessen Firmenprodukte jedes Kind in Europa kennt, macht Tischdienst, beim Kartoffe'schälen treffen sich neun Nationen. Ein Hotelbetrieb für über 1000 Personen, der von diesen selbst geleistet wird, der m'cht nuf reibuneslos funktioniert, sondern für jeden eine Heimstatt schafft. Während nahezu bei allen internationalen Begegnungen der Geeenwart die Gegensätze hart aufeinanderprallen, wirkt, lebt, siegt hier ein neues Element: das Lächeln von Caux.

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