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Der Bodensee spiegelt sich im grünen Glas

Den Höhepunkt des Kultursommers in der Festspielstadt Bregenz bildet die Eröffnung eines neuen Kunsthauses des prominenten Schweizer Architekten Peter Zumthor. Das neue Museums- und Aus-stellungshäus für zeitgenössische Kunst untersteht der Leitung von Edelbert Köb. Das Kunsthaus befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Bregenzer Hafen und ist ein weithin sichtbares Signal zeitgenössischer Baukunst. Sein Architekt, Peter Zumthor, gilt als einer der bedeutendsten Schweizer Baukünstler der Gegenwart und befaßte sich schon mehrfach mit Museumsbauten, zum Beispiel mit Schutzbauten für römische Funde in Chur und dem Projekt eines Ausstellungszentrums „Topographie des Terrors” in Berlin.

Das architektonische Konzept des Kunsthauses Bregenz geht von einer räumlichen Trennung der vielseitigen Aufgaben eines modernen Museums aus: Zumthor isolierte den Ausstellungsbereich (den Kunstturm) von einem kleinen Haus (dem schwarzen Kubus) für die Büros, die Bibliothek, eine Bar und einen Shop. Im Gefüge der Bregenzer Innenstadt bilden die beiden Gebäude einen kleinen Platz, der ebenfalls für künstlerische Zwecke zur Verfügung steht.

Der seeseitig erbaute Kunstturm besteht aus mehreren Hüllen. Der Körper des Hauses bleibt dabei unsichtbar und dient rein als „Behälter” für die Kunst. Seine Außenhaut bildet eine Stahlträgerkonstruktion, auf der schuppenartig Glastafeln angebracht sind. Diese verleihen dem Haus seinen visuellen Charakter und haben eine wesentliche Aufgabe für die Beleuchtung der Kunst im Inneren. Der Kunstturm wird von Teilen der Bregenzer Bevölkerung zwar kritisiert, besticht aber durch seine Wandlungsfähigkeit. Diese beruht auf der grünlichen Grundfärbung der Tafeln aus geätztem Glas. Je nach Tageslicht oder Witterung präsentiert sich das Gebäude wie ein matt glänzender Kristall, dann wieder in einer Weichheit, die an das Wasser des Bodensees erinnert.

Ein wichtiges Anliegen des Architekten war, Räume für das Ausstellen von Kunst zu schaffen, die von absoluter Ruhe und innerer Harmonie sind (nicht zuletzt hat Peter Zumthor mit einer Kapelle in Graubünden auch einen der schönsten Sakralräume des Alpenraumes geschaffen). Die quadratischen Ausstellungssäle werden weitestgehend mit Tageslicht beleuchtet, das von der Glasfront in eine für den Besucher unsichtbar bleibende Zwischendecke eintritt und von dort über eine Schicht matter Glaselemente homogen in den Innenraum verteilt wird.

Da der Beleuchtung, dem Licht und dem Spiel seiner Erscheinungen bei diesem Museum eine so bedeutende Rolle zukommt, befaßt sich auch die Eröffnungsausstellung mit dem Thema Licht. Sie ist James Tur-rell - 1943 in Los Angeles geboren -gewidmet, der rpit seinen Lichtarchitekturen Weltruhm erlangt hat. Tur-rells Arbeiten sind kaum auf Fotos dokumentierbar oder, wie etwa hier, in einem Text zu beschreiben. Man würde nur ihre Magie vorwegnehmen, denn sie gehen stets bis an die Grenze der visuellen Wahrnehmung. Der Betrachter wird dazu aufgefordert, stockdunkle Räume zu betreten und sich auf die eigene Seherfahrung einzulassen.

In unserer Zeit des oberflächlichen Konsumierens von Bildern führen diese Arbeiten auf die Grundlagen der Wahrnehmung zurück: Der betrachtende Mensch konzentriert sich auf das Sehen und besinnt sich dabei seiner Fähigkeit, es als fundamentale Leistung seines Bewußtseins anzuerkennen. Die Arbeiten Turrells setzen nämlich einen subtilen Prozeß der Bewußtwerdung in Gang, weil die physikalische Tatsache des Sehens von farbigem Licht in das psychisch-sinnliche Erleben einer Sinneswahrnehmung umgewandelt wird. (Bis 7. September)

„Kunst in der Stadt” (ebenfalls bis 7. September) ist der Titel einer weiteren Aktivität des Kunsthauses Bregenz. 26 in- und ausländische Künstler plazierten ihre Werke an strategischen Punkten in der Stadt. Teils als kritische Interventionen, teils in Form von auf die Struktur des Ortes reagierenden Installationen wurden Arbeiten für Bregenz konzipiert, die wohl das deutlichste Zeugnis dafür sind, daß sich mit der Tätigkeit des Kunsthauses die Kulturlandschaft Vorarlbergs verändern wird: Abgesehen davon, daß mit dem Kunsthaus Bregenz ein wichtiger Faktor für den Kunsttourismus geschaffen wurde, liegt es jetzt an der Bevölkerung, die Angebote des neuen Museums anzunehmen und sich der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst zu stellen. Denn die Summe der künstlerischen Positionen von „Kunst in der Stadt” ist erst der programmatische Ansatz für das, was in Bregenz noch alles in Bewegung geraten wird.

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