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Der Mond ist geologisch ,lebendig'

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Die knappen vier Wochen, seit die Astronauten von Apollo 11 den Mondboden betreten haben, erbrachten mehr Kenntnisse über den Mond als all die vielen Jahrhunderte bis zum Anbruch des Eaumfahrtzeitalters.

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Die knappen vier Wochen, seit die Astronauten von Apollo 11 den Mondboden betreten haben, erbrachten mehr Kenntnisse über den Mond als all die vielen Jahrhunderte bis zum Anbruch des Eaumfahrtzeitalters.

Apollo 11 hat einige kleine Über-, raschungen gebracht, aber keine gänzlich unerwarteten Entdeckungen. Die Wissenschaftler betonen, daß alle bisherigen Feststellungen nur vorläufigen Charakter haben. Sie werden im Lauf der Zeit noch revidiert und modifiziert werden müssen, sobald die Fülle des von Apollo 11 eingebrachten Beobachtungsmaterials gründlich studiert ist oder sobald neue Beobacbtungsdaten einlaufen.

„Heiß“ wie die Erde

Festigehalten werden muß jedoch, daß der Mond, wie Apollo 11 zutn erstenmal bewiesen hat, geologisch „lebendig“, aber biologisch „tot“ ist. Die wichtigste Erkenntnis aus den Untersuchungen der Mondproben im Mondempfangslaboratorium von Houston ist die, daß der Mond ein genauso „lebendiger“ und „heißer“ Planet ist wie die Erde, dessen schmelzflüssiger Gesteanskern in der Vergangenheit gewaltige Vulkanausbrüche und Beben hervorgerufen hat und dies in geringerem Umfang bis zum heutigen Tag noch tut. Physikalische, chemische und biochemische Untersuchungen, die mit den modernsten Methoden und technisch hochverfeinerten Hilfsmitteln durchgeführt werden, halben keinerlei Hinweis auf'selbst ganz primitive Lebensformen Zutage gebracht. Es wurde nichts gefunden, das man als „Lebensbaustein“ bezeichnen könnte. Dieses Ergebnis war vorherzusehen, völlig „Null“ war jedoch die Chance, einen Lebensstoff zu finden, doch auch wieder nicht gewesen. Daher wurden die Proiben bis zur Erschöpfung auf lebendes Material untersucht — ohne Erfolg, wie sich zeigte.

Mäuse mit Mondluft

Der entscheidende Test auf etwaige todbringende Keime im Mondmaterial, nämlich vollkommen keimfrei aufgezogene und daher in keiner Weise immunisierte Mäuse Mondstaub fressen und die dem Mondgestein entströmende „Mondluft“ atmen zu lassen, hat bei den Tieren keinerlei schädliche Wirkung hervorgerufen; die Untersuchung ist allerdings noch nicht offiziell abgeschlossen.

Zusammenfassend läßt sich bis jetzt von den Ergebnissen der Apollo-11-Expedition vorläufig sagen]

• Der Mond wurde zum erstenmal durch Menschen unmittelbar in Augenschein genommen. Die Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin beschrieben, als sie aus ihrer Mondfähre in das Meer der Stille hinabstiegen, die Oberfläche des Mondbodens als pulvrig, schlüpfrig, kakaofarben. Vom Gelände wußten sie zu berichten, daß Kiesel und größere Steine umherlägen, einige scharfkantig und eckig, andere abgerundet. Sie machten Farbphotos und den ersten echten Farbfilm vom Mond.

• Die erste Sammlung von Mondproben wurde zur Erde gebracht. Physikalische, chemische und biochemische Studien der rund zwan-zigeinhaib Kilogramm Mondgestein und Mondstaub haben gezeigt, daß es sich um Engußgestein handelt, das heißt, daß es aus erstarrtem schmelzflüssigem Material besteht, das bei Mondbeben und Vulkanausbrüchen als Lava aus dem heißen Inneren des Mondes ausgestoßen wurde. Die Gesteinsbrocken variieren in der Größe von Kieselsteinen zu Pflastersteinen und sind von dunkelgrauer

Farbe. Einige weisen kristalline Struktur auf; in andere sind Metallerze inkrustiert, wie etwa Illmenit, eine auch auf der Erde weit verbreitete Verbindung, aus der man Titan gewinnt. Die meisten Gesteinsstücke sind zernarbt. Auf den glatten Oberflächenpartien haften die leichten puderartigen Bodenteilchen leichter als auf rauheren Stellen.

Sonnenwinde in der Eprouvette

Die mikroskopische Untersuchung ergab, daß ungefähr ein Drittel des pulvrigen Materials aus stäbchenartigen Partikeln besteht, die wie Edelsteine funkeln. Das dürfte auch die „Rutschigkeit“ des Mondbodens erklären, die Anmstrong gleich feststellte; die winzigen Stäbchen rollten unter dem Gewicht seiner Füße. Als man die hermetisch verschlossenen Kisten öffnete, gaben Steine und Mondstaub beträchtliche Gasmengen ab, die zum weiteren Studium in Eprouvetten gesammelt wurden. In den Gasen fanden sich Rückstände der Sonnenwinde, jener atomaren Partikeln, die von der Sonne durch die Hitzeeinwirkung ausgestoßen werden. Die chemische Analyse ergab Edelgas, vor allem Argon und Helium, von denen man seit langem weiß, daß sie Bestandteile .des Son-m9*irtiide9isM*'*f*,7 *'?** F

“Der -auf uem Mond zurückgelassene Seismograph hat inzwischen über 30 „Ereignisse“ registriert, von denen drei als echte Mondbeben gedeutet wurden. Diese Bodenerschütterungen, am 30. Juli am Lamont-Observatorium für Geophysik der Columbia Universität identifiziert, bedeuten, daß das heiße Innere des Mondes immer noch Druckeffekte auf die Mondkruste ausübt. Dr. Larry Grantham vom Lamont-Institut und wissenschaftlicher Experte für Apollo 11, folgert aus der Stärke der Beben, daß die Mondkruste rund 15 km dick sein müsse. Unter ihr befinde sich eine weitere Schicht harten Materials und dann komme der sohmelzflüssige Kern.

Ein abgebrochenes Stück Erde?

Noch läßt sich nicht mit Sicherheit bestimmen, was all diese neue Information über den Mond letzten Endes besagt. Sie fügt sich scheinbar sehr gut in die Theorie ein, derzufolge der Mond etwa um die gleiche Zeit w“ie die Erde entstand, aber unabhängig von ihr, aus den flammenden Bruchstücken und Gasen, die von der ungemein rasch rotierenden primitiven Sonne fortgeschleudert wurden. Die neuen Beobachtungsdaten legen die Annahme nahe, daß Erde und Mond sich im gleichen Stadium des Auskühlens befinden. Anderseits schließen die jüngsten Erkenntnisse auch die Theorie nicht aus, daß der Mond ein seinerzeit abgebrochenes Stück Erde war. Die Mondgesteine sind in Aussehen, Struktur und chemischem Aufbau von denen der Erde nicht drastisch verschieden. Auch die Theorie, derzufolge der Mond aus dem Pazifischen Ozean herausgebrochen worden wäre, könnte also passen. Ihren Anhängern bereitet dagegen ein in jüngster Zeit aufgefundener wissenschaftlicher Beweis für die Verschiebungstheorie, nach der die Kontinente ihre gegenseitige Lage im Lauf der Erdgeschichte durch horizontale Verschiebung veränderten, einige Verlegenheit.

Die gewichtige Frage nach Ursprung und Alter des Mondes ist also vorläufig noch unbeantwortet.

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