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Der Zentral-Kontinent der Erde

1945 1960 1980 2000 2020

Stichwortartig notierte der bekannte Schriftsteller Matthias Mander seine Eindrücke von einer Fahrt durch Israel.

1945 1960 1980 2000 2020

Stichwortartig notierte der bekannte Schriftsteller Matthias Mander seine Eindrücke von einer Fahrt durch Israel.

Der wirklich authentische Platz war für mich Kapharnaum am See Genesareth: die 2000-jährige Grundmauer der heutigen Synagogen-Ruine aus dem 4. Jahrhundert nach Christus trug das Gewicht Jesu! Diese Basaltsteinmauer ist jetzt durch archäologische Grabungen und Studien 1922 bis 1925 und 1969 als ein Teil seines oftmaligen Predigtgebäudes gesichert.

Nur einen Steinwurf entfernt das literarisch und archäologisch identifizierte Haus des Simon Petrus, wo der aus Nazareth Vertriebene wohnte und wirkte. Quellen beweisen, daß in Kapharnaum von den damals Erstbekehrten bis ins 7. Jahrhundert ununterbrochen eine Christengemeinde lebte. Das lateinische Tagebuch aus dem 4. Jahrhundert der byzantinischen Pilgerin Etheria schildert eine christliche Kirche, zu der das Haus Petri umgewandelt worden war.

Der etwa 1500 Jahre „lebende" Ort Kapharnaum - 500 vor bis 1000 nach Christus - betrieb Ackerbau und Fischerei. Mühlen und Pressen für Getreide und Oliven wurden dort gewerblich angefertigt: einige Fundstücke - noch unfertige große schwarze Mühlsteine - liegen nächst den weithin freigelegten Grundrissen der einstigen Ortsgebäude. Jesu Fluch über die Kinderverführer tönt noch in dieser Küstenluft, das Plätschern des heute einsamen Meeresufers übertönt ihn nicht.

Die herausfordernde Überschaubarkeit dieser Landschaft um den See Genesareth mit den gestaffelten Hügeln, von deren Höhen aus man einen Über- und Durchblick gegenüber der ganzen sichtbaren Welt genießt, ist mitentscheidend für die Bewältigungshaltung. Vom Golan herunter, auf den See Genesareth zu, eine traumhaft-visionäre Szenerie, strahlende Weitsicht, eine „Informationsdichte", die zu ihrer Bannung tatsächlich allumfassende Bestimmtheit braucht und hervorruft. Und unweit von Kapharnaum der Berg der Seligpreisungen: in strahlender Länge und Breite glänzt tief unten das „Galiläische Meer" vor dem Schauenden, ringsum prangende Hügel und weithin geschnittene Berge, tatsächlich ein vollkommenes „Weltbild", vor dem die Inspiration zu den Seligpreisungen erschauernd nachvollziehbar ist: Selig die Sanftmütigen, die werden das Land erben.

Hier ist die Verwandlung der Welt durch die Seele eines einzigen Mannes, eines Gottmenschen, erfolgt. Hier hat der Planet die höchste Qualität angenommen in seiner Evolution, die ein Menschenhirn sich vorstellen kann.

Im Jahr 1894 haben italienische Franziskaner den arabischen Beduinen' Kapharnaum abgekauft, eine Mauer um die öde Ruinenstätte gemacht und die kläglichen Reste der Synagoge mit Erde bedeckt, um sie gegen weitere Verwüstung zu schützen! Erst ein Generation später wurde mit den Ausgrabungen und Forschungen begonnen.

Daß die Familie des Josef von Nazareth in der dort einzigen antiken Grotte mit Zisterne ihre rituellen Bäder nahm, ist unabweisbar. Diese ergreifende uralte Stätte liegt heute unterhalb der St. Josef-Kirche. Nicht wirklich wiederauffindbar ist der Synagogenraum Nazareths, in dem sich der heimische Zimmermannssohn unter gottesdienstlicher Verlesung der einschlägigen Isaiaszitate seiner Heimatgemeinde als der hierhin angekündigte Messias offenbarte -worauf sie ihn aus der Stadt trieb. Bie Felsabgründe, von denen hierzu berichtet wird, sind freilich unverkennbar noch heute zu sehen.

Auf der Straße Richtung Nazareth - rechts vorn der Berg Tabor — der

Gedanke, dies sei eine Bewegung in 10.000 Metern Meerestiefe, überschwemmt mit der verbindlichsten Menschheitsgeschichte. Dieses Land könne als Sockel den Druck von soviel Schicksalsmasse gar nicht aushalten. Jedenfalls ist es das größte Land der Erde - der alles bestimmende Zentralkontinent - insofern, als die Orte Betlehem, Nazareth, Kapharnaum, Jerusalem im Bewußtsein, im tiefsten Lebensernst eines milliardengroßen maßgebenden Menschheitsteils so eingeprägt sind, wie keine Ortsnamen des Globus. Aus geographischen Begriffen wurden existentielle Ortsnamen als Sensoren der prägenden Innenwelt.

Unmittelbar am Jordanufer, am Fuß minenverseuchter Abhänge, eine Ansammlung namenloser Gräber hier niedergestreckter arabischer Kommandokämpfer, deren Leichname nur mit Nummern versehen verscharrt wurden.

Meine Weltvorstellung als Zerrbild aus Fiktionen und Abstrusitäten, nur befristet haltbaren Verkantungen innerhalb den von tragisch kurz lebenden Menschen hervorgebrachten Zivilisationssplitter, wird immer krasser: ökonomisch, juristische, politische, ideologische, religiöse Wahnsysteme durchdringen und verzerren einander, und das noch kompliziert durch den explosionsartigen Durchbruch der Technik, wodurch eine Be-lativierung aller angeblich bedeutungslos geworden Innenordungen, Seelenthemen insinuiert wird. Dazu der viel zu rasche Generationswechsel ohne Erfahrungsweitergabe. Die Angst vor der Instabilität der Weltkultur, die diesen Namen gar nicht verdient, nimmt in meinem Bewußtsein stündlich zu: ein Zeitlupendasein inmitten des unbeherrschten Geschichtssturms.

Die historischen, literarischen, religiösen Verweisungen auf dieser winzigen palästinensischen Landbrücke sind derart immens, daß die hier lebenden Individuen ihre Identität nur durch Bückzug auf reduzierte Denkwelten retten können. Einige dieser überqualifizierten Re-gressionskonstrukte sind tödlich.

Fraglos wurde auf diesem Landstrich Gott am frühesten und gründlichsten instrumentahsiert. In der gebotenen demütigen und frommen Auslegung bedeutet dies eine Erwählung, eine Findung des Daseinsganzen, das genau hier auf ein immanent nicht zu beruhigendes Wesen traf, welches über viele Jahrhunderte hinweg nicht abließ, immer neue Anläufe zum Heranriß des heißen Herzens aller Lebensmitte zu wagen: dem einzigen persönlichen sprechenden Gott als den, der sich als seiend erweist.

Unterhalb des jüdischen Innenstadtteils Jerusalems ist jedes Haus technisch unterfangen, ausgehöhlt, archäologisch erschlossen: Säulenstraßen früherer Stadtschichten strahlen, künstlich beleuchtet, unter den Kellern der heutigen Gebäude.

Mich wundert nicht, daß der jüdische Theologe David Blumenthal zwei Tage heftig erbrechen mußte, ehe er seine anthropomorph-juristi-sche Gottesa^iklage wegen des Ho-lokausts niederschrieb: „Übe Reue, Herr! Bitte um Vergebung deiner vorsätzlichen Sünden! Reinige Dich von Deinem sündhaften Verrat!" Sein Intellekt wußte, daß er Unsinn formuliert - aber genau das fordert echte Religiosität nie. Wenn sich ein solcher Schluß aufzwingt, ist der Ansatz falsch. Sprach Wechselspiele innerhalb eines unzutreffenden Systems bringen keine Besserung. Gottes allmächtige Offenbarung ist alles Seiende, zumal das sich persönlich verantwortende. Diese überwältigende Wirklichkeit ist packend, berufend, erleuchtend genug; mehr zu verlangen, das hieße, weniger zu verlangen, nämlich eine ständig aktuell pragmatisch Büttel- und Richtertätigkeit anstelle der Eigenleistungen aller mit dem Anblick seiner Schöpfung Begnadeten, ist ein verhängnisvolle Fehleinstellung. Der Holokaust ist ganz allein Menschensünde und -schände. Aufgabe der Menschen wäre es, Gott zu antworten/zu erwirken, ihm zu dienen ohne selbstsüchtig zu werden. Legitime Instrumentalisierung ist schmal, illegitime Blasphemie ist breit.

Spaziergang vom Hotel aus allein, abendliche Vorstadt von Jerusalem. Geschundene, geflickte Asphaltstraßen, uraltet Häuser, ununterbrochene Beihe schmutziger stinkender hupender Autobusse, Orangenschalen, Zetteln, winzigste Läden, in die kaum ein Sessel für den Kaufmann paßt, dann der mehrere Gassen nebeneinander samt Quergängen umfassende Markt, Biesengedränge einkaufender, prüfender, wiegender, feilschender Männer mit langem Haar, Hände voll Plastiksäcken, schreiende arabische Verkäufer. Baulücken, Baustellen, unsägliches Gerumpel, Autowracks - aber von einer Gasse hinüber plötzlich der Ausblick über die Lichterketten der Stadthügel von Jerusalem: der Gegensatz zum See Genesareth könnte nicht größer sein. Die Verwurzelung trotz Verunstaltung von Jesu Biographie in dieser häßlichen menschlichen Geschichte, seine Allgemeinverständlichkeit durch alle Zonen und Epochen, die Wirkmächtigkeit im Anziehen unterschiedlichster Temperamente, Kreativitäten und Intelligenzen zu dem Begriff der er heute ist, bleibt ein unauslotbares Geheimnis, dem mit agnostischer Banalisierung nicht beizukommen ist.

Irgendwo hier auf heiligem Land, in diesem jahrttausendelangen Getümmel, Gewürge, Streit in Berechnung, Läuterung, Heiligung ist der tiefste Funke seines Wunders - der Sieg des Überweltlichen und Über-tödlichen im menschlichen Dasein -unaustretbar übergesprungen!

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