Die Auflösung der natürlichen Formen

Das BA-CA Kunstforum macht anhand herausragender Meisterwerke "Wege der abstrakten Malerei" nachvollziehbar.

Als die großen Renaissancekünstler wie Leonardo, Michelangelo oder Raffael die Formen der klassischen Antike übernahmen und mit der soeben neu entwickelten Konstruktionstechnik der Zentralperspektive, von der sie zuerst annahmen, man könne damit die Welt so in die Fläche transformieren, wie sie wirklich ist, verbinden wollten, stießen sie alsbald auf Ungereimtheiten. Einmal sind die exakten Linien der Zentralperspektive in der Natur so nicht vorhanden, auch reine Luft produziert bereits Abweichungen; dann war auch schnell klar, dass die antiken Künstler keine sklavischen Abmaler der Natur waren. Bereits die Griechen hatten ihre Tempel wider besseres Wissen und technisches Können leicht aproportional gebaut, aus dem einfachen Grund, dass die Bauten dadurch für das menschliche Auge "richtig" ausgesehen haben.

Steigerung von Ehrlichkeit

Als die Malerei zu Beginn der Neuzeit sich der gewaltigen Aufgabe der Deckenmalerei mit ihren illusionistischen Verlängerungen der Welt bis in den Himmel hinein stellte, machte man sich die Verzerrung in Form der Anamorphose aus dem gleichen Grund nutzbar. Das, was an Reproduktion übrigblieb, wurde zur Simulation eingesetzt. Der Beginn des Verfalls, der Verlust von nachvollziehbaren Aussagen in der Malerei? Beileibe nicht, vielmehr und paradoxerweise eine Steigerung von Ehrlichkeit. Spätestens jetzt heißt es Abschied nehmen vom direkt von der Natur in ein Kunstwerk übertragenen Motiv, am besten mit einem "Auf Wiedersehen", das seine Dienste in der Funktion eines Übergangsrituals anbietet.

Als nächste Phase in diesem langen Initiationsritus der ungegenständlichen Malerei erzwangen im 19. Jahrhundert ein Geschichtenerzähler und einige Maler die Abdankung der Linie, auch jener aus der Zentralperspektive. Die Rede ist von Honoré de Balzacs wunderbarer Erzählung vom "Unbekannten Meisterwerk", die von Ideen des Kunsttheoretikers Théophile Gautier getragen ist. In dieser Erzählung scheitert der Hauptdarsteller, der Maler Frenhofer, an seinem Meisterwerk, weil ihm jede Linie beim Umkreisen seines Modells wieder abhanden kommt. Seine Bemühungen gipfeln in einer Anhäufung von Farben, diese beanspruchen Tatsächlichkeit, während die Linie bloß fiktiv gesetzt wird.

In der Malerei als "réalisation" (Verwirklichung) bei Paul Cézanne schließlich gehören Natur und Malerei zusammen, ohne dass die künstlerische Tätigkeit eine Schlagseite bekäme. Einerseits malt Cézanne nicht Gegenstände, so dass man seine Malerei mit Hilfe einer Mimesistheorie philosophisch einholen könnte, umgekehrt geht er keinen ausschließlich konstruktivistischen Weg, bei dem die Malerei rein aus dem Vermögen des Künstlers entspringen würde. Die "réalisation" ist ein "Sich Öffnen im Zutun", der Maler gibt sich zwar ganz der Natur hin, gibt ihr in seiner Hingabe aber auch etwas dazu.

Damit war der Weg frei für die Neuerungen, die das 20. Jahrhundert mit sich brachte. Piet Mondrian formulierte in seinem theoretischen Nachdenken über den von ihm initiierten Neo-Plastizismus hinsichtlich der beiden fundamentalen menschlichen Neigungen: "Die eine richtet sich auf die Schaffung universaler Schönheit, die andere auf den ästhetischen Ausdruck des eigenen Selbst, mit anderen Worten dessen, was man denkt und erlebt. Das einzige Problem der Kunst besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven zu finden. Es ist dabei von der größten Bedeutung, dass dieses Problem im Bereich der bildenden Kunst - das heißt technisch - und nicht im Bereich des Denkens gelöst wird." Diese Herausforderung, die Kunst als Kunst zu rezipieren, beim Betrachten als Co-Künstler am Werk noch mitzuarbeiten, bietet auch die Ausstellung "Monet - Kandinsky - Rothko und die Folgen" auf angenehme Weise.

Fehlende Bindeglieder

Die Schau bietet die Möglichkeit, die "Auflösung" der "natürlichen" Formen, beispielhaft von den "Nymphéas" von Claude Monet ausgehend, nachzuverfolgen. Auch wenn man Bindeglieder, als die sich die Arbeiten von Josef Mikl oder Wolfgang Hollegha beinahe aufdrängen, vergeblich sucht, so trifft man als Ausgleich dafür allenthalben auf herausragende Meisterwerke. Mit Wassily Kandinsky lässt sich dieser Weg der Auflösung weitergehen, am Beispiel von Kasimir Malewitsch und Piet Mondrian bietet sich aber auch die Alternative eines konstruktivistischeren Zugangs an, der sich vielfach geometrischer Figuren bedient. Die Tüftler, die wie Josef Albers und Ad Reinhardt mit Genauigkeit und kalkulierten Nuancen arbeiten, sind genauso mit hervorragenden Beispielen vertreten wie jene, die über die Gestik ihres Körpers beim Malen den Rückbezug zur Natur finden wie Jackson Pollock oder Arnulf Rainer. Dazwischen die Meditationsbilder von Mark Rothko, blaue Schwämme von Yves Klein, welche die Betrachterblicke aufsaugen, Hans Bischoffshausens "Energiefeld" in Weiß und Lucio Fontanas Schnitt durch die Leinwand - was für ein Ausblick!

Monet - Kandinsky - Rothko und die Folgen Wege der abstrakten Malerei

BA-CA Kunstforum

Freyung 8, 1010 Wien

Bis 29. 6. tägl. 10-19, Fr 10-21 Uhr

Katalog: Monet - Kandinsky - Rothko und die Folgen. Wege der abstrakten Malerei, München 2008, 204 S, € 29,-

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