Sie wollten die Grenzen des Ausdrucksvermögens erweitern und befreiten die Farbe: die Künstler des Blauen Reiters.

Nur zwei Wochen hatten Franz Marc und Wassily Kandinsky Zeit, um nach ihrer Abspaltung von der "Neuen Künstlervereinigung München" die erste Ausstellung der "Redaktion Der Blaue Reiter" vorzubereiten, die vom 18. Dezember 1911 bis zum 1. Januar 1912 stattfand. "Nur" zwei Ausstellungen (die zweite wurde am 12. Februar 1912 eröffnet und dauerte bis April) und einen Almanach brachte jener berühmte Blaue Reiter hervor, der dennoch und gerade dadurch eine Vorreiterposition für die Kunst des 20. Jahrhunderts einnahm. Das Erscheinen eines zweiten Bandes verhinderte der Beginn des Ersten Weltkrieges, der mit dem Tod der jungen Künstler August Macke, gefallen 1914, und Franz Marc, gefallen 1916, brutale Schneisen schlug.

Marc Pferde, ich Reiter

Den Namen "Blauer Reiter", so behauptete es zumindest Kandinsky 1930, "erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf; beide liebten wir Blau, Marc Pferde, ich Reiter. So kam der Name von selbst."

Der Blaue Reiter umfasste kein einheitliches Programm, sondern demonstrierte die unterschiedlichsten zeitgenössischen Positionen. "Wir suchen in dieser kleinen Ausstellung nicht eine präzise und spezielle Form zu propagieren, sondern wir bezwecken in der Verschiedenheit der vertretenen Formen zu zeigen, wie der innere Wunsch der Künstler sich mannigfaltig gestaltet", so der eine und einzige Satz im Katalog der ersten Ausstellung. Die bisherigen Grenzen des künstlerischen Ausdrucksvermögens sollten grundlegend erweitert werden.

Farben hören

Mannigfaltig war etwa auch der Bezug der Künstler zur Farbe. Doch bei allen erlangte sie eine neue Qualität, ja neue Bedeutung. In der Kunsttheorie des Klassizismus noch der Linie, der Zeichnung untergeordnet, löste sich nun die Farbe vom Gegenstand und wurde eigenwertig. "Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten", so Wassily Kandinski in seiner Schrift "Über das Geistige in der Kunst", erschienen 1911. Mit der Tastatur der Farben soll die menschliche Seele des Betrachters berührt werden.

Das Bild aus dem Bereich der Musik kommt nicht von ungefähr: Kandinsky, der 1907 sein Bühnenstück "Der gelbe Klang" aus Musik, Dichtung, Schauspiel und Lichtregie komponierte, lobte die "Zukunftsmusik" Arnold Schönbergs, der seinerseits mit seinen visionären Bildern an der ersten Ausstellung des Blauen Reiters teilnahm. Der synästhetisch begabte Kandinsky konnte Farben hören.

Die Sprache der Künstler

Die Ludwigshafener Ausstellung "Der Blaue Reiter - Die Befreiung der Farbe", zu deren Anlass der vorliegende Bildband erschienen ist, umfasst zahlreiche Bilder von Wassily Kandinsky, August Macke, Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky, Franz Marc, Heinrich Campendonk, Marianne Werefkin, Paul Klee, Alfred Kubin, Jean-Bloé Niestlé, Arnold Schönberg und Hans Mattis-Teutsch, aus der Zeit vor der Gründung des Blauen Reiters und aus den Jahren danach.

Und Bilder von Robert Delaunay, der die Entdeckung der ersten Ausstellung des Blauen Reiters war. Zum ersten Mal waren seine Bilder in Deutschland zu sehen. Robert Delaunay suchte gerade keine transzendentale Motivation seiner Kunst, wie Franz Marc, für den die Farbe in neue geistige Dimensionen reichen musste. "Die großen Worte vom Beginn des großen Geistigen" eines Franz Marc waren auch August Macke eher unsympathisch.

Für Delaunay war die Farbe die Sprache des Künstlers. Sein Ausgangspunkt: das Studium der Farbe und der Gesetze, die die Farbe bestimmen. Durch das Gestalten der Farben und ihrer Beziehungen untereinander, der Anordnung von nichtkomplementären und komplementären Farben, ihrer Nähe und ihrer Entfernung kommt Bewegung ins Bild, die Bewegung des Lichts.

Ich bin Maler

Die Beteiligung des für seine Farben berühmten Paul Klee war beim Blauen Reiter eigentlich noch marginal, wie Volker Adolphs in seinem Beitrag feststellt. Klees Weg zur Farbe gestaltete sich langwieriger. Der Künstler musste erst noch eine Reise unternehmen: jene inzwischen berühmt gewordene Reise nach Tunesien, zusammen mit August Macke und Louis Moilliet. Die Tage des Farbenrausches beeinflussten den Künstler nachhaltig, der schließlich 1914 glücklich in sein Tagebuch notierte: "Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler."

Der Blaue Reiter

Die Befreiung der Farbe

Katalog zur Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen am Rhein

Hg. v. Richard W. Gassen

Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruith 2003

240 Seiten, mit zahlr. Abb., geb., e 36,-

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau