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Die Geburt des Kunstmarktes

Als Beitrag zum „Innsbrucker Sommer” präsentiert das Tiroler Landesmuseum Ferdinande-um seine Sammlung Niederländischer Malerei im Bahmen einer Einzelausstellung mit umfassender Begleitdokumentation. An die Ausstellung kann man zwei wichtige Fragen stellen: Erstens, wie es zu einer bedeutenden Sammlung holländischer und flämischer Kunst gerade in Tirol gekommen ist und, zweitens, wie eine kunsthistorisch orientierte Schau zu so einem außergewöhnlichen, wirtschaftsorientiert klingenden Titel gelangte.

Mit „Rembrandt, Brueghel & Co.” ist die Wahl des Ferdinandeums auf einen Titel gefallen, der sich auf die folgenreiche ökonomische Situation der Kunstproduktion in den Niederlanden bezieht. Arnold Hauser beschreibt in seiner „Kunst und Sozi-algeschichte der Kunst und Literatur”, daß die Künstler mit Ausnahme von Rubens keine hochrangige soziale Stellung innehatten und meist von geldbringenden Nebenerwerbsgeschäften leben mußten. Ihr Geschäft war vom Kunsthandel dominiert, aber: „Die Not der Rembrandts und der Hals' ist eine Regleiterscheinung jener wirtschaftlichen Freiheit und Anarchie im Gebiete der Kunst, die hier zum erstenmal vollentwickelt in Erscheinung tritt und den Kunstmarkt seither beherrscht.”

Marktgerechte Kunstproduktion, Spekulation mit Kunstwerken - all das gab es schon in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts, wie eine Ausstellung in Innsbruck zeigt.

Die Anfänge des niederländischen Kunsthandels gehen auf das 15. Jahrhundert zurück, denn Buchhändler und Verleger trieben schon bald Handel mit Bildern. Relativ schnell entwickelte sich aber auch ein Überangebot an Waren, weil die Händler nicht nur groß an der Zahl, sondern mit ihrer Macht auch die künstlerische Produktion beeinflußten: Gemalt wurde, was der Händler verlangte und, wenn sich bei einem Anbieter ein Sujet als besonders markttauglich erwies, dann führte das zu einer Spezialisierung der Maler nach bestimmten Genres und zu einer „mechanischen Arbeitsteilung” (Hauser) innerhalb der Werkstätten, zum Beispiel nach Stilleben, Bauern, Nacht und Seestücken beziehungsweise Teilen von ihnen, wie etwa landschaftlicher Hintergrund oder Tierdarstellungen.

Diese Situation bewirkte, daß sich die Künstler zunehmend von ihrem Publikum entfremdeten und, daß der Kauf und Verkauf von den damals noch preiswerten Kunstwerken lebhaften Spekulationen unterlag - beides Phänomene, deren Auswirkungen bis heute anhalten. Man denke dabei nur an den Wettkampf unter den renommierten Auktionshäusern, die internationale Konkurrenz unter

Galerien, den Schwarz markt mit Kunst und mit Stücken von Ausgra bungen sowie die all jährlichen Quoten, welcher Künstler am besten verdient (zum Beispiel infolge seiner Präsenz bei der documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig).

Gemälde niederländischer Provenienz gelangten über Handelsbeziehungen bald weit über die Grenzen bis nach Mit teleuropa und damit auch nach Tirol. Sie über lebten die Jahrzehnte in Privatsammlungen und wurden teils über Generationen vererbt. Denn rasch hatte man erkannt, daß das Gemälde eines verstorbenen Autors mehr wert sein muß als jenes, dessen Urheber nach wie vor noch viel malen kann. Erstaunlich dabei bleibt, daß die niederländische Kunst bis heute ihren ästhetischen Reiz nicht verloren hat, nie aus der Mode kam, unter anderem weil ihre Formate den Verhältnissen einer Privatwohnung angemessen waren. Neben dem niedrigen Preis war das ausschlaggebend dafür, daß laut zeitgenössischen Quellen so gut wie in jedem Haus Bilder von Rembrandt, Brueghel & Co. gekauft und gesammelt wurden.

Das Tiroler Iandesmuseum gelangte schön früh in den Besitz seiner hochrangigen Niederländer-Sammlung. Das Ferdinandeum, gegründet 1823, war im Gegensatz zu anderen Museumgründungen in der Donaumonarchie, zum Beispiel dem Joanneum in Graz, immer schon ein Kunstmuseum. 1856 legte der Bozner Kaufmann Josef Tschager mit 70 niederländischen Gemälden, darunter Rembrandts „Mann mit Pelzkappe”, den Grundstock der Sammlung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erweiterte sich die Kollektion um so wichtige Werke, wie Pieter Rrueghels „Tanz um den Maibaum”. Die erfolgreiche Erweiterung der Sammlung hält bis heute an, beispielsweise durch Abraham Wil-laerts „Strandansicht”, ein sogenanntes Seestück, das 1992 aus einer Salzburger Sammlung dem Ferdinandeum überlassen wurde.

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