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Die hohe Kunst des Ausstellens

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Wertvolle Objekte allein locken keine Besucherströme - auf die Verpackung kommt es an. Und die kann sich auch in Österreichs Museen und Ausstellungen sehen lassen.

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Wertvolle Objekte allein locken keine Besucherströme - auf die Verpackung kommt es an. Und die kann sich auch in Österreichs Museen und Ausstellungen sehen lassen.

Die Zeiten, als Ausstellungen das Schlechtwetterprogramm für .Schulwandertage waren, sind endgültig vorbei. Schon die Eingangstür verrät es: hier geht es in eine andere Welt, wir befinden uns im MAK. Das Logo von Peter Noe- vers Museum für angewandte Kunst in Wien ist selbst ein Stück Design. Im „Museum zwischen Tradition und Experiment“ wurde vom Türknauf bis zu den Toiletten nichts dem Zufall überlassen. Seit Mai 1995 laden die restaurierte Bibliothek, der neue Lesesaal, die Buchhandlung, das Cafe, permanente und temporäre Ausstellungsräume sowie eine Studiensammlung zur Benützung ein. Ein interaktives Computerarchiv über 500 bis 600 österreichische Designer ist in Zukunft geplant.

Dabei konfrontiert das Gebäude an sich bereits mit moderner Kunst. Am Stubenring ragt das Tor der New Yorker Architektengruppe SITE aus der Fassade, im Garten des Gebäudes eines von Walter Pichler, auch die Schausammlung trägt Künstlerhandschriften: Barbara Bloom präsentiert Historismus- und Jugendstilsessel scherenschnittartig (in Anspielung auf IKEA), Jenny Holzer kombiniert Biedermeier mit modernen Schriftbändern. Günther Förgs Gotik-Saal ist blitz-blau, Donald Judd stellt einen Barockraum in den Raum.

Die Zusammenarbeit zwischen Kuratoren, dem Lichttechniker und den Künstlern führte zu einem Gesamtkunstwerk. 540 Millionen Schilling aus der legendären Museumsmilliarde stecken in dem ehrgeizigen Vorhaben.

Nicht nur das MAK, auch die kaiserlichen Dimensionen der Hofmuseen verschlingen Unsummen: allein für die Sanierung der Fassade wären 500 Millionen Schilling nötig. Vor erst jedoch konzentriert man sich auf die Erhaltung und Pflege der Kunstschätze. Neu gehängt und fachgemäß klimatisiert präsentieren sich die wertvollen Gemälde. Designte Sitze, schicke Halogenlämpchen, Kaffeeduft und die Möglichkeit, im Rahmen der Donnerstag-Nachtführung stilvoll zu speisen, gewinnen Publikum. Wer sicher in den Genuß des einmaligen Ambientes kommen will, muß mittlerweile einen Tisch reservieren lassen. Architekt Gert Mayr-Keber entwarf das Cafe, Kulinarisches vom Gerstner sorgt fürs leibliche Wohl.

Auch technische Möglichkeiten werden genutzt: kleine Infrarotkopfhörer um 57 Millionen Schilling für die Sammlung alter Musikinstrumente und Waffen in den Schauräumen der Neuen Burg lassen sich sowohl hören als auch sehen: sie sorgen für Klangerlebnisse, auch der Führer besteht aus zwei CDs. Sachgemäß und schonend im wahrsten Sinne des Wortes werden Objekte ins rechte Licht gerückt, das auch Lust aufs Schauen macht. Dabei ist die Imagepflege genauso wichtig.

STIMMUNG DURCH GESTALTUNG

So kämpft Manfried Rauchenstei- ner, seit zwei Jahren Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien, besonders gegen Vorurteile. Mit Militär und Krieg möchte sich niemand auseinandersetzen. Obwohl „das bedeutendste Museum im mitteleuropäischen Raum“ selbst aktuelle Konflikte zu erläutern vermag. Die derzeit laufende Sonderausstellung über die Kriegsereignisse der Jahre 1945/44 ist ein Erlebnis. Günther Lautner zaubert mit dem mageren Budget von einer Million Schilling, das durch Mitarbeit der eigenen Werkstätten so niedrig gehalten werden kann.

Farbe, Aufstellung und Art der Beleuchtung verraten Gestaltungs willen und passen sich der Epoche an. Blau ist der Erste Weltkrieg, vor der 81.700 Kilogramm schweren Haubitze posieren Touristen. Aggressives Rot, ein Kugelbunker aus Beton, Curt Stenverts Objekt „Stalingrad“, eine Fernsehdokumentation Zweiter Weltkrieg. Die karge Gestaltung mit nackten Neonröhren, die über den von Metall begrenzten Plexiglasvitrinen hängen, prägt den Raum und schafft unheilvoll bedrohliche Kriegsstimmung.

Stimmung soll auch in Niederösterreich Besucher auf Schloß Weitra oder in die Schallaburg locken. 115.000 zählt man bisher bei den „Fürstenbergem“, der heuer besonders gelungenen, frechen, famili- en- und behindertenfreundlichen Landesausstellung auf Schloß Weitra. Architekt Werner Nedo- schill, der bereits die Spielzeugausstellung (Besucherrekordhalter auf der Schallaburg) und andere Sonderschauen gestaltet hat, läßt sich vom Prinzip leiten: „Wenn ich durchgeh, muß ich das Gefühl haben, des is klaß!“

Konservative Geister mögen sich am dreidimensionalen Ständebaum, der von Bauern getragen wird, stoßen und die Präsentation von Münzen, die auf falschen Grashalmen aus dem Boden wachsen, falsch finden. Unkonventionell hintergründige Lösungen machen dem Besucher Freude. Wer das Herrschaftsgebiet der Fürstenberger betrachten will, muß sich tapfer auf eine gläserne Plattform an der Fassade der Burg wagen, um Ausblick und die Unsicherheit des Fürstenamtes am eigenen Leibe zu erfahren.

Auf der Schallaburg bemüht sich Architekt Bengt Sprinzl um eine farbenfrohe und abwechslungsreiche Umsetzung des Themas „Kunst & Genuß“. So viel Spaß wie der Versuch, in die Haut eines Fürstenbergers zu schlüpfen, macht es allerdings nicht.

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